Chinesische Internet-Literatur
 Comic-Helden finden sich in China überall – hier in einer Filiale der Fast-Food-Kette KFC in Schanghai.

SIPA Asia via ZUMA Press Wire

Chinesische Internet-Literatur

Unerwünschte Superhelden

Online-Romane ziehen in China zahllose junge Leute in den Bann. Sie sagen mit ihren materialistischen Helden viel über die heutige chinesische Gesellschaft und erregen Unmut in der herrschenden Partei.

Millionenfach und am laufenden Band werden in China Online-Romane produziert, vor allem das Fantasy-Genre boomt. Diese moderne Form der Trivialliteratur ist für die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) zu einem lästigen Problem geworden. Das liegt nicht nur daran, dass die Geschichten oft bissige Parodien auf Menschen in hohen Positionen sind, sondern vor allem daran, dass die von der Regierung propagierten Grundwerte in den massenhaft verbreiteten Internet-Erzählungen kaum eine Rolle spielen. Vielmehr scheint die chinesische Mainstream-Kultur allein den gewinnorientierten, amoralischen Instinkten des Marktes zu folgen.

Der Boom der Internet-Literatur auf dem chinesischen Festland hat die größte Belletristik-Industrie der Welt hervorgebracht. Sie ist bisher noch wirtschaftlich unreguliert und dem freien Spiel der Marktkräfte ausgesetzt. Es gibt keine Eintrittsbarriere, Erfolg hängt ausschließlich von der Nachfrage ab. Autoren mit hoher Leserzahl verdienen Geld, wenn sie pro Seitenaufruf am Gewinn der Plattform beteiligt werden, wo die Geschichten erscheinen. Aber das meiste Geld fließt, wenn ein Unternehmen die Rechte aufkauft und eine Fernsehserie, ein Videospiel oder einen Manga-Comic daraus macht.

Staatspräsident Xi Jinping ist kein Fan von alldem. Bereits 2014 griff er Chinas rasant wachsende Webroman-Industrie mehrfach an, verurteilte die weit verbreiteten Plagiate und warnte die Autoren davor, sich „im Strudel der Marktwirtschaft zu verlieren“. Dennoch gedeiht das Phänomen unter den Augen der KPCh – als Ventil für kleine Fluchten aus der gesellschaftlichen und kulturellen Einengung ebenso wie als Ausdruck eines ungezügelten Wirtschaftswachstums. War das Internet in seiner ersten Blütezeit in China ein Ort literarischer Experimente und mutiger Sozialkritik, so ist es nach 2002 vor allem eine Quelle für Urheberrechtsverletzungen und im Selbstverlag veröffentlichte, eskapistische Literatur für junge Erwachsene (YA = Young Adults) geworden. Die wurde nicht gefördert, konnte sich aber ausbreiten. Und ausbreiten. Und noch weiter ausbreiten. 

Profitträchtige „kulturelle Weltwunder“

Heute enthalten chinesische Online-Leseplattformen über 24 Millionen belletristische Titel. Deren Autoren hauen täglich je nach Ausdauer zwischen 3000 und 30.000 Wörter in die Tasten in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit von 430 Millionen aktiven Lesern zu erhaschen und zu behalten. Diese verschlingen mit Hilfe von Lese-Apps auf ihren Mobiltelefonen täglich stundenlang die ständig aktualisierten Inhalte. Ihre Gewinne teilen die Autoren mit den Betreibern der Plattformen, von denen „China Literature“ momentan die Gefragteste ist. 

 Gut verdient an Webromanen: Ein Stand der Online-Leseplattform Tencent Holdings auf der Chinesischen Internationalen Messe der Kulturindustrie in Shenzhen City 2018.picture alliance/dpa/HPIC/Yuan Shuiling

Trotz Xis verständlicher Bedenken sind Eigentümer der Literaturplattformen sehr daran interessiert, die chinesische Web-Fiction als eines der sogenannten vier „kulturellen Weltwunder“ zu feiern – nach Hollywood, koreanischen Idol-Dramen und japanischen Animes. Sie gilt als Chinas realistischste Chance, sanfte kulturelle Macht auszuüben. Auf Plattformen wie WuxiaWorld und WebNovel – das ist die internationale Version von einer der größten chinesischen Leseplattformen, Qidian – sind Web-Romane auch im Ausland unerwartet zu einer Erfolgsgeschichte geworden. 

Die chinesische Internet-Literatur schildert meist eine Fantasiewelt des brutalen Individualismus, aber auch eine Welt, die durchaus Ähnlichkeiten zu der aufweist, in der die Leser und Autoren leben. Grob verallgemeinert richtet sich ein großer Teil der chinesischen Webromane an junge Männer, die sich danach sehnen, ein erfolgreicher Tycoon oder überragender gottgleicher Krieger zu werden – und an junge Frauen, die sich danach sehnen, so jemandem den Kopf zu verdrehen.

Es überrascht kaum, dass beruflicher Erfolg für Online-Leserinnen und -Leser eine enorme Rolle spielt. Die meisten von ihnen sind unter 25, einige jung genug, um noch unter dem Druck des „Gao-kao“, der landesweit einheitlichen Hochschulprüfung, zu leiden. Andere kämpfen um den Eintritt in die extrem wettbewerbsorientierte Arbeitswelt. Zwischen den Superhelden, von denen sie lesen, und ihrer eigenen wahrgenommenen Bedeutungslosigkeit besteht ein krasser Gegensatz, der paradoxerweise vielen bewusst ist.

Eine Echokammer von „Prosumenten“

Online-Literatur zu lesen ist keineswegs ein passives oder rein privates Hobby. Viel besuchte Internetforen, in denen junge Leserinnen und Leser jeden einzelnen Satz der Romane kommentieren, zeigen das. Um hohe Zustimmungsraten zu bekommen, müssen Autoren endlose Rückmeldungen von Lesern einbeziehen. Dadurch entsteht eine riesige Echokammer von „Prosumenten“ – Produzenten und Konsumenten zugleich –, die die wettbewerbsorientierte Welt nachbildet, die sie erobern und der sie zugleich entkommen wollen. Ähnlich wie beim korrupten und knallharten Geschäftsmodell der Online-Influencer betreiben Autoren regelmäßig Selbstdarstellung, kuscheln mit Lesern, kaufen Klicks und bieten kleine Geschenke an, um die Bewertungen in die Höhe zu treiben. 

 Vor allem junge Chinesen konsumieren Online-Romane immer und überall − wie hier in der Metro.Jeff Greenberg/Universal Images Group via Getty Images

Da Bestand und Untergang der Online-Romane von ihrer Popularität abhängen, haben sie besondere Merkmale entwickelt. Erstens spielt der Textumfang eine Rolle. „Das Ranking, der Einfluss und der Ruhm des Autors werden von der Länge des Romans beeinflusst“, sagt beispielsweise die Leseplattform Qidian. Weil das Pay-per-View-System erst nach den ersten 100 Kapiteln beginnt, sind Romane oft mehr als sechs Millionen Wörter lang, was sowohl das Lesen als auch das Schreiben zu einer Sisyphusarbeit macht. 

Um Leser über Tausende von Kapiteln zu fesseln, sind die Erzählungen dabei wie Computerspiele aufgebaut. Eine komplizierte Hierarchie von Levels, Cheats, Schätzen und magischen Objekten, die es zu erreichen oder erkunden gilt, schafft die ständige Illusion von Fortschritt. Schließlich wird die Hauptfigur, wie auch in einigen japanischen und koreanischen Jugendromanen im Manga-Stil, fast immer innerhalb der ersten Kapitel wiedergeboren. Es ist unklar, ob dies ursprünglich von der fließenden Anzahl von Leben in Computerspielen, dem buddhistischen Konzept der Reinkarnation oder einem unausgesprochenen emotionalen Wunsch nach einem Neuanfang im Leben inspiriert wurde. In jedem Fall ist diese Fantasie für einen unscheinbaren Protagonisten ein Geschenk: Er kann aus einem früheren Leben Erinnerungen, Fähigkeiten und Macht verleihende Gegenstände herüberführen, um Rache zu üben und seinen Rang oder seine Attraktivität zu erhöhen.

Diese Art der Reinkarnation schafft eine Welt, in der die Handlungen keinen organischen Ursprung haben und ohne logische Folgen bleiben – das genaue Gegenteil einer Coming-of-Age-Geschichte. Online-Charaktere entwickeln sich nicht innerlich, sie ändern nichts außer ihren Gegebenheiten und ihrem Status. 

Romanproduktion im Akkordtempo

Der Mangel an Charakterentwicklung und moralischer Reifung ist mit Sicherheit ein Nebenprodukt der Geschwindigkeit, mit der diese Romane verfasst werden. Viele der produktivsten Autoren schreiben 20.000 bis 30.000 Wörter pro Tag – ein Prozess, der notwendigerweise sehr schnell und ohne Unterbrechung abläuft und Figuren erfordert, die nur aus Aktion und nicht aus Reflexion bestehen. Kein Wunder, dass die Protagonisten keine Zeit finden, an ihren sozialen Fähigkeiten zu arbeiten; die Schriftsteller, die tagsüber in undankbaren Jobs arbeiten und nachts schreiben, tun das auch nicht. 

Im Jahr 2020 weigerten sich die Autoren der Plattform China Literature, ihre Romane fortzusetzen, nachdem die Bedingungen für ihre Autorenverträge grundlegend geändert worden waren. Die Gründungsmitglieder der Plattform waren durch Führungskräfte von Tencent ersetzt worden, und mit dem Führungswechsel kamen Neuerungen, die für die Autoren einen Schlag ins Gesicht darstellten: Unter einem Free-to-View-Modell sollten für die Autoren ihre mageren Einkommen wegfallen. Sie würden die Kontrolle über ihre Konten in den sozialen Medien verlieren, und China Literature würde bis fünfzig Jahre nach ihrem Tod die Rechte an ihren Werken besitzen, was ihr kostbares geistiges Eigentum völlig wertlos machen würde.

„Das fühlt sich schlimmer an, als in die Sklaverei verkauft zu werden“, äußerte sich ein Schriftsteller. „Das ist Klassenkampf“, meinte ein anderer. „Die Bourgeoisie und die Kapitalisten streben nur nach Profit, aus ihren Poren rinnt schmutziges Blut, sie pressen jeden Tropfen Öl aus dem Proletariat heraus, den sie bekommen können.“ Tencent machte am Ende einen Rückzieher und beließ die Dinge beim Alten. Dennoch wurden Autoren, die den bürgerlichen Kapitalismus ins Visier genommen hatten, auch vom Sozialismus nicht gerade gut behandelt. 

Maschinelle und menschliche Zensoren „bereinigen“ die Inhalte

Websites müssen sich auch zunehmend einer „Internet-Säuberung“ unterziehen: Maschinelle und menschliche Zensoren „bereinigen“ die Inhalte, was für Tausende von Romanen bedeutet, dass sie gesperrt werden. In einem plötzlichen Streben nach Regulierung hat die Regierung Bewertungssysteme vorgeschrieben, die sich nicht nach Alter oder Beliebtheit richten, sondern danach, wie gut der Inhalt bei den sozialistischen Werten abschneidet. Bei schlechten Bewertungen muss die gesamte Website „berichtigt“ werden. Jinjiang Literature City, die beliebteste Plattform für Liebesromane, musste ein manuelles Zensursystem einführen: Die Leser konnten Punkte sammeln, indem sie die Romane auf politische oder sexuelle Inhalte hin unter die Lupe nahmen, bevor die Website für einige Wochen geschlossen wurde, um 20 Millionen Kapitel maschinell zu überprüfen. Qidian durchlief einen ähnlichen Kahlschlag. Viele Bücher sind immer noch gesperrt, und die Autoren können nicht auf Zugang zu ihrem eigenen Werk hoffen.

Ein Autor, der sich Tiaowu nennt (was „tanzen“ bedeutet), hatte es auf sieben Millionen Leser gebracht, als ganze Teile seiner Romane gelöscht wurden. Er nahm inhaltliche Veränderungen vor – keine Kämpfe, keine Religion, keine Lesben –, aber sein Werk wurde immer wieder gelöscht. „Man kann die Blätter abschneiden, man kann die Äste abschneiden, und der Baum wird leben“, sagte er. „Aber sie ließen mich den ganzen verdammten Stamm absägen.“ Er sagte, er habe keine andere Wahl gehabt, als mit dem Schreiben aufzuhören. 

Weitere Zensur und Einmischung scheinen unausweichlich. Trotz ihrer zunehmenden Anziehungskraft im In- und Ausland könnte die Popularität der Online-Literatur letztlich ihr Untergang sein. Wo früher ein Mangel an Lesern das Problem war, besteht jetzt das Problem für die meisten Romane darin, dass sie zu viele Leser bekommen könnten. Denn aus Sicht der Regierung macht das die Regulierung von populärer Online-Literatur zu schwierig.

Heroische historische Helden voller Hingabe an die Partei

Derzeit gibt es eine Fülle von staatlich anerkannten Schreibkursen und Angeboten. Viele davon drängen junge Schriftsteller sanft in Richtung Realismus und Propaganda und fordern sie – welch Ironie – zu fantastischen Behauptungen über historische Helden und Märtyrer auf. „Heroische Figuren, die die Welt und die Menschheit retten, wie sie in den Werken vieler Internet-Autoren vorkommen, sind im Wesentlichen oder geistig dasselbe wie die Helden in roten Geschichten“, äußerte der Generalsekretär des Schanghaier Schriftstellerverbandes, Xue Shu, in der regierungsnahen Zeitung „Global Times“. Er nennt dies „geistige Sublimierung“. 

Der berühmteste dieser Volkshelden ist der 1962 verstorbene Mustersoldat Lei Feng. Das Tagebuch, das er angeblich hinterlassen hat und in dem seine selbstlose Hingabe an das Volk, an Mao und an die Partei festgehalten ist, gilt weithin als frei erfundenes Werk, in Auftrag gegeben im Rahmen einer Propagandakampagne „Lei Feng folgen“. Seine Rolle im Pantheon der KPCh kommt einer Heiligsprechung gleich. 

Die KPCh wirkt mit neuem Elan darauf hin, dass ihre Heiligen und Märtyrer in der Belletristik erscheinen. Im Jahr 2021 gab der Schanghaier Schriftstellerverband zur Feier des hundertsten Jahrestags der Parteigründung Geschichten aus seinem Programm „Rote Fußspuren“ in Auftrag. Junge Internet-Autoren sollten zur Verbreitung der „roten Kultur“ beitragen. 

Die weltweit erste Universität für Online-Literatur

Die Regierung hat sogar ihre eigene autorisierte Version der Webroman-Industrie gegründet, die weltweit erste Universität für Online-Literatur. Sie soll jährlich 100.000 Studenten anziehen. Der chinesische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger von 2021, Mo Yan, hat nominell den Vorsitz inne, was er ebenso seltsam findet wie alle anderen: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich Ehrenpräsident werde“, sagte er.

Die Universität hat sich zum Ziel gesetzt, „die Bildungspolitik der Partei vollständig umzusetzen, sich vom Konzept der wissenschaftlichen Entwicklung leiten zu lassen, die Bildungsgesetze zu befolgen, die Kultivierung von Talenten zur Grundlage zu machen, die Etablierung akademischer Strenge den Weg weisen zu lassen, den ‚Chinesischen Traum‘ als geistige Richtschnur zu nehmen, die Fortführung der chinesischen Kultur zur Pflicht zu machen, die harmonische Einheit wissenschaftlicher und humanistischer Werte zu verfolgen, an dem Konzept ‚Kreativität verändert das Leben‘ festzuhalten und eine gemeinnützige Berufsbildungsuniversität zu betreiben, die Chinesen in aller Welt dient, welche Online-Literatur lieben.“

Der Zwang, beim Schreiben solch bürokratisch und schwülstig formulierte Richtlinien befolgen zu müssen, lässt die seltsame Welt der Online-Literatur plötzlich in einem sympathischeren Licht erscheinen. Es weckt die Sehnsucht, etwas über belanglose narzisstische Supermenschen zu lesen. Und es lässt einen mit den tapferen, machtlosen Autoren mitfiebern, die gezwungen waren, diese Helden überhaupt erst zu erschaffen.

Aus dem Englischen von Anja Ruf.

erschienen in Ausgabe 6 / 2022: Afrika schaut auf Europa

Neuen Kommentar schreiben