Städtepartnerschaften sollen diverser werden

picture alliance / NurPhoto/Oleksandr Rupeta
Teilnehmer der Swakopmund Gay Pride laufen durch die Straßen der namibischen Stadt. Menschen aus dem ganzen Land trafen sich am 4. Juni 2016 in Swakopmund, um die queere Community zu unterstützen. In vielen afrikanischen Ländern - auch in Namibia - wird gleichgeschlechtliche Liebe noch immer kriminalisiert.
Queere Zusammenarbeit
LGBTQ-Aktivisten sind bislang kaum in die Eine-Welt-Arbeit von Städten und Bundesländern eingebunden. Einige Initiativen leisten Pionierarbeit und loten aus, was möglich ist.

Beim ersten Treffen mit lesbischen Aktivistinnen aus dem südlichen Afrika war Cornelia Sperling tief beeindruckt vom Engagement der Frauen. Das war im Oktober 2018, als lesbische Aktivistinnen aus Düsseldorf, Dortmund, Köln, Essen und Bochum im südafrikanischen Johannesburg auf Partnerinnen aus Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe trafen. Die Idee dafür war aus einem Projekt des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) gemeinsam mit dem Deutschen Lesben- und Schwulenverband und dem Netzwerk Coalition of African Lesbians hervorgegangen. 

Sperling war damals für die Organisation Frauenliebe im Pott e.V. (Flip) an dem Projekt beteiligt. Flip beantragte bei der Stiftung Umwelt und Entwicklung in Nordrhein-Westfalen Geld für das Vorhaben – es war der erste Antrag überhaupt bei der Stiftung für ein LGBTQ-Projekt. Beim Treffen in Johannesburg wurde dann die Idee zu den Partnerschaften zwischen den Aktivistinnen aus Nordrhein-Westfalen und den Ländern im südlichen Afrika geboren. 

Gleichgeschlechtliche Liebe wird kriminalisiert

In allen vier afrikanischen Ländern waren in der Kolonialzeit sogenannte Sodomie-Gesetze erlassen worden, die die gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisieren. Botswana hat diese Gesetze 2019 abgeschafft, in Namibia, Sambia und Simbabwe gelten sie weiterhin. In Namibia gibt es einen gewissen Spielraum für Aktivistinnen, da die Gesetze nur Männer betreffen und zudem in der Praxis kaum angewandt werden. 2013 gab es die erste Pride Parade in der Hauptstadt Windhuk und in den Jahren danach auch in Swakopmund. 

Trotzdem sind Diskriminierung und Übergriffe auch dort verbreitet. Gleichgeschlechtliche Liebe ist gesellschaftlich kaum akzeptiert; Aktivistinnen wollen das ändern. „Durch die Begegnung konnten wir die Situation queerer Frauen im südlichen Afrika viel besser verstehen – und auch, was das mit der Kolonialgeschichte zu tun hat. Das war uns besonders wichtig“, sagt Sperling. In den beteiligten Städten tragen lokale Gruppen und Organisationen heute verschiedene Projekte. In Düsseldorf etwa kooperiert die Frauenberatungsstelle mit der Organisation Young Feminist Movement (Y-FeM) in Windhoek, die mit Workshops und Aktionen mehr Bewusstsein für die Rechte von LGBTQ im Land schaffen will, zum Beispiel in den Kirchen Namibias. 

2019 waren die Partnerinnen aus Namibia beim Christopher Street Day in Düsseldorf und haben dort über ihre Erfahrungen berichtet; danach beschränkte die Corona-Pandemie die Kontakte auf Zoom-Begegnungen. Für 2024 ist nun ein Gegenbesuch in Namibia geplant. Ähnlich laufen die Kooperationen der anderen Städte. So haben Aktivistinnen in Dortmund auf Wunsch lesbischer Frauen in Simbabwe im Juni 2020 in der Hauptstadt Harare eine Initiative für digitales Storytelling ins Leben gerufen. Sie hat während der Covid-19-Pandemie einen sicheren Raum für den Erfahrungsaustausch von queeren Frauen geschaffen. In Lusaka, der Hauptstadt von Sambia, entsteht ein feministisches Bücher-Café.

In Städtepartnerschaften spielen Rechte queerer Menschen kaum eine Rolle 

Rückendeckung bekommen die Initiativen vom 2021 verabschiedeten LSBTI-Inklusionskonzept für die Außenpolitik und die Entwicklungszusammenarbeit der Bundesregierung. Darin wird ausdrücklich die besondere Rolle von regionalen Dachverbänden, Basisorganisationen und Aktivisten betont. Das Inklusionskonzept könnte dafür sorgen, dass dem Thema in kommunalen Partnerschaften in Zukunft mehr Bedeutung zukommt.

In bereits bestehenden Städtepartnerschaften spielen die Rechte queerer Menschen kaum eine Rolle. Eine Ausnahme ist München, wo unter dem Dach der seit 1989 bestehenden Partnerschaft mit Kiew enge Kontakte zu LGBTQ-Aktivisten geknüpft wurden. Die Initiative Munich Kyiv Queer wurde 2012 nach dem Christopher Street Day in München ins Leben gerufen. Mit politischen Aktionen und Kulturveranstaltungen hat man sich gemeinsam für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz queerer Lebensweisen in der Ukraine engagiert. Obwohl sich die rechtliche Lage in den vergangenen Jahren verbessert hat, haben LGBTQ in der Ukraine weiter mit Diskriminierung zu kämpfen. 

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine vor einem Jahr haben sich die Schwerpunkte der Zusammenarbeit verschoben. Die Queere Nothilfe Ukraine wurde gegründet, um Geld- und Sachspenden für LGBTQ in Not zu sammeln. Sie unterstützt queere Menschen auf der Flucht bei der Suche nach Unterkünften, bei Behördengängen und der Integration in den Arbeitsmarkt. 

Inzwischen sind auch andere Städte auf diese Leerstelle in ihrem Engagement aufmerksam geworden. So wollen in Stuttgart und in Bremen LGBTQ-Aktivisten ihre Anliegen in bestehende Städtepartnerschaften einbringen. In Bremen ist das vor allem die seit 1976 bestehende Partnerschaft mit Danzig in Polen. Stuttgart hat unter anderem die Partner Kairo und Menzel Bourguiba in Tunesien. Angesichts der restriktiven Situation für Homosexuelle in diesen beiden Ländern ist nur schwer vorstellbar, wie das funktionieren könnte. 
 

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erschienen in Ausgabe 2 / 2023: Religion und Frieden
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