Kann Simbabwe seine Fachkräfte halten?

Kurz erklärt
Das südafrikanische Land versucht per Gesetz, Gesundheitsfachkräfte im Land zu halten. Julia Stoffner, Referentin für internationale Gesundheitspolitik bei Brot für die Welt, zu den Hintergründen.

Julia Stoffner ist Referentin für internationale Gesundheitspolitik bei Brot für die Welt.

Die Regierung von Simbabwe will laut Medienberichten ein Gesetz gegen die Abwanderung von Fachkräften im Gesundheitsbe­reich erlassen. Warum?
Simbabwe gehört zu den 55 Ländern, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine kritisch niedrige Anzahl an Gesundheitsfachkräften haben. Sie stehen auf der sogenannten Health Workforce Support and Safeguards List, die regelmäßig aktualisiert wird. Laut Weltbank-Statistik hat Simbabwe pro 10.000 Einwohnern nur 21 Pflegekräfte oder Hebammen und 2 Ärztinnen oder Ärzte. Zum Vergleich: Deutschland hat 142 Pflegekräfte und Hebammen und 44 Ärztinnen und Ärzte pro 10.000 Einwohner. Verschärft wird die Situation, da viele Gesundheitsfachkräfte seit Jahren das Land verlassen. Nach Angaben der Regierung sind seit Februar 2021 um die 4.000 Beschäftigte des Gesundheitswesens aus Simbabwe ausgewandert– nach Südafrika, Namibia und Botswana, aber auch beispielsweise nach Großbritannien. 

Warum verlassen die Fachkräfte das Land? 
Eine der Hauptursachen sind die niedrigen Löhne, die sie in Simbabwe bekommen. Eine Ärztin oder ein Arzt verdient nach Angaben der Ärztevereinigung ZADHR umgerechnet um die 400 US-Dollar pro Monat, eine Pflegekraft um die 100 Dollar. Zudem sind die Arbeitsbedingungen hart, es fehlt an Medikamenten und an Gerät. Mindestens jede zweite Stelle im Gesundheitswesen ist nach UN-Angaben mangels Personals nicht besetzt. Das heißt diejenigen, die bleiben, haben extrem viel zu tun. Die Corona-Pandemie hat die Entwicklung noch verschärft. Doch statt ins Gesundheitswesen zu investieren, sind die Ausgaben für Gesundheit in den letzten Jahrzehnten stetig beschnitten worden, nicht zuletzt um strenge Sparauflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) einzuhalten. 

Was kann die Regierung Simbabwes dagegen tun?
Im Prinzip dasselbe, was auch im Norden wichtig wäre: Mehr in die Ausbildung und Löhne der Menschen und in die Arbeitsbedingungen investieren, so dass mehr Fachkräfte im Land eine Zukunft sehen. Aber das klappt ja noch nicht einmal in den Ländern des Globalen Nordens. Umso schlimmer ist es dann, wenn die wenigen Gesundheitskräfte aus Ländern des Globalen Südens von reicheren Staaten abgeworben werden. Die Beschränkungen, die die Regierung gerade plant, sind keine Lösung, aber sie zeugen von der Verzweiflung im Land.

Aus Ländern wie Simbabwe Gesundheitsfachkräfte zu rekrutieren, widerspricht den WHO-Richtlinien. Warum passiert es trotzdem?
Es stimmt, die WHO hat 2010 einen globalen Verhaltenskodex zur Rekrutierung von Gesundheitskräften verabschiedet, auch Deutschland hat ihn unterschrieben. Demnach sollen wohlhabende Länder keine Gesundheitsfachkräfte aus Ländern abwerben, deren Fachkräfteversorgung laut WHO-Liste kritisch niedrig ist. Das Problem ist allerdings, dass dieser Kodex nicht verbindlich ist. Im Februar haben Entwicklungsministerin Schulze und Arbeitsminister Heil im Übrigen Ghana besucht und für neue Einwanderungsmöglichkeiten nach Deutschland geworben – auch Ghana steht auf der Liste der Health Workforce Support and Safeguards List der WHO. Aber eine Anwerbung darf in diesen Ländern keinesfalls stattfinden, weder von staatlicher noch von privater Seite aus. 

Das Gespräch führte Barbara Erbe. 

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erschienen in Ausgabe 3 / 2023: In der Stadt zu Hause
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