Drogensucht im islamischen Staat

Im Iran hat der Konsum von Heroin stark zugenommen

Von Janet Kursawe

In Afghanistan erzeugtes Opium und Heroin sind im Nachbarland Iran leicht verfügbar. Dadurch hat sich der Drogenkonsum dort stark verbreitet. Das stellt die Islamische Republik vor große Probleme und nötigt sie zur Abkehr von einer rein repressiven Drogenpolitik.

Der Iran ist stark von der illegalen Einfuhr enormer Mengen Drogen aus Afghanistan betroffen, die von hier aus auf die Märkte in Europa gelangen. Daher verzeichnet die Islamische Republik seit mehreren Jahren die höchsten beschlagnahmten Mengen von Opium und Morphin weltweit. Jährlich werden im Iran Hunderte Tonnen Drogen konfisziert und Tausende Drogenschmuggler festgenommen; im Jahr 2006 haben iranische Sicherheitskräfte zum Beispiel insgesamt 332 Tonnen Opiate beschlagnahmt. Dabei belaufen sich die sichergestellten Mengen in aller Regel auf höchstens 10 bis 20 Prozent der tatsächlich in ein Land geschmuggelten Drogenmengen.

Entsprechend groß ist das Drogenangebot im Iran. Illegale Rauschsubstanzen sind leicht verfügbar und werden zu niedrigen Preisen verkauft. Seit den 1990er Jahren lässt sich ein eklatanter Anstieg des Opiatmissbrauchs feststellen. Er hat dazu geführt, dass der Iran heute die weltweit höchste Rate von Opiatabhängigen im Verhältnis zur Bevölkerungszahl aufweist.

Der Gebrauch von Opium ist im Iran nichts Neues, das traditionelle Opiumrauchen ist seit Jahrhunderten weit verbreitet. Es wird auch heute noch praktiziert, vor allem von älteren Menschen. Doch daneben breitet sich in der Islamischen Republik seit einigen Jahrzehnten ein problematischer Drogenmissbrauch aus. Am häufigsten konsumiert werden Opium, Heroin, andere Opiate und Cannabis. Bislang fehlt eine umfassende, landesweite Studie zur Verbreitung des Substanzmissbrauchs in Iran. Aber das Gesundheitsministerium schätzt die Zahl der regelmäßig Drogen Konsumierenden auf 3,7 Millionen, darunter 2,5 Millionen Schwerstabhängige und etwa 150.000 gelegentliche Konsumenten. Diese Zahlen von 2007 bedeuten einen deutlichen Anstieg in den vergangenen zehn Jahren. Denn 1997 ging man noch von 1,2 bis 2 Millionen regelmäßiger Drogenkonsumenten im Iran aus.

Der steigende Trend umfasst alle sozialen Schichten. Es lassen sich aber verschiedene Konsummuster nach Schichtzugehörigkeit unterscheiden. Eine Studie aus dem Jahr 2003 hat gezeigt, dass in höheren Einkommensgruppen vor allem Cannabis geraucht, Alkohol getrunken und so genannte „Partydrogen“ (Stimulanzien und Halluzinogene) konsumiert werden. Besonders unter Jugendlichen zeigt sich ein ähnliches Konsumverhalten wie in Westeuropa und Nordamerika. Die Ursachen des Drogenkonsums liegen hier häufig in einem Gemisch aus Mangel an Freizeitmöglichkeiten, Langeweile und Orientierung an westlichen Werten und westlichem Freizeitverhalten.

Beispielsweise hat sich seit 2002 das Angebot an Ecstasy und anderen Amphetaminen vor allem in Teheran stark erweitert und verbilligt. Diese Substanzen werden hauptsächlich von Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren konsumiert. Der einzige Unterschied zu den Konsummustern unter westlichen Jugendlichen besteht darin, dass die Partys, auf denen im Iran Drogen genommen werden, illegal veranstaltet werden müssen und mit einem hohen Risiko einhergehen, entdeckt zu werden. Auch synthetisch hergestellte Methamphetamine werden auf den Partys der Kinder gut situierter und vermögender Iraner immer beliebter. Hier kann man von jugendkultureller Auflehnung und Protest gegen das herrschende klerikale Establishment sprechen. In höheren Altersgruppen vermögender Schichten ist zudem der Gebrauch von Opiaten verbreitet, vor allem von Opium und Heroin. Opium wird vorwiegend traditionell geraucht oder in Flüssigkeit aufgelöst getrunken, während Heroin vor allem injiziert wird.

In den mittleren und unteren Einkommensschichten werden überwiegend Opium und Heroin konsumiert. Hier breitet sich die Opiatsucht besonders stark aus. Die Hintergründe dafür sind vor allem die hohe Arbeitslosigkeit, wachsende Armut, ökonomische Perspektivlosigkeit, desolate Lebensumstände und die daraus resultierende Depression und Verzweiflung. Auch dass man aufgrund enger sozialer und politischer Konventionen die eigenen Lebensentwürfe nicht selbstständig bestimmen kann, scheint Einfluss auf die Entscheidung für den Drogenkonsum zu nehmen.

Darüber hinaus spielen immer noch die Folgen des acht Jahre währenden Krieges zwischen dem Iran und dem Irak (1980-1988) eine große Rolle. So hat der Gebrauch von Opiaten zu medizinischen und psychiatrischen Zwecken – um die Schmerzen von Kriegsverletzungen zu stillen oder Traumatisierungserfahrungen zu bewältigen – aus vielen ehemaligen Soldaten Opiatabhängige gemacht. Aus denselben Gründen ist der Opiatgebrauch bei afghanischen und iranischen Kriegsflüchtlingen besonders hoch.

Bisherige Studien legen nahe, dass im Iran mit einem Anteil von 93 Prozent vor allem Männer Drogen konsumieren und der Durchschnittsabhängige etwa 33 Jahre alt ist. Iranische Experten weisen aber darauf hin, dass sowohl der Anteil der Frauen als auch der jüngerer Drogenkonsumenten deutlich unterschätzt wird. Sie gehen davon, dass die Dunkelziffer besonders bei weiblichen Drogenkonsumenten hoch ist. Die Konsummuster haben sich in den vergangenen Jahren laut neueren Forschungen verändert. Heroin zu spritzen, war vor zehn Jahren auf die urbanen Zentren im Zentraliran begrenzt, während in ländlichen Gebieten vor allem Opium auf traditionelle Weise konsumiert wurde. Seit Anfang 2000 ist der intravenöse Gebrauch von Opiaten um 33 Prozent gestiegen und beschränkt sich nicht mehr auf die Städte.

Dieser Trend lässt sich auch auf den drastischen Rückgang der Opiumproduktion in Afghanistan im Jahr 2001 zurückführen. Die Taliban hatten im Juli 2000 den Anbau von Schlafmohn verboten und bekämpften ihn mit drakonischen Strafen; dadurch sank der Opiumertrag in Afghanistan von 3300 Tonnen im Jahr 2000 auf 185 Tonnen. Das Angebot an Opium im Iran und in allen anderen Nachbarstaaten wurde knapp, während Heroin aufgrund der gut gefüllten Lager weiterhin vorrätig war.  Die Opiumpreise gingen steil in die Höhe. Heroin wurde hingegen verbilligt angeboten – auch weil es mit anderen Substanzen wie Aspirin, Fischschuppen oder Talkumpuder gestreckt werden konnte. Die dramatische Folge war, dass Abhängige im Iran und in anderen Anrainern Afghanistans, die bis dahin Opium konsumiert hatten, auf Heroin umstiegen. Traditionelle Konsummuster wie das Rauchen und Trinken von Opium traten zurück und der intravenöse Heroingebrauch verbreitete sich in der gesamten zentral- und westasiatischen Region. Mit den seit 2002 wieder gestiegenen Ernteerträgen im afghanischen Schlafmohnanbau zeichnet sich in den vergangenen drei Jahren vor allem im Iran eine weitere problematische Entwicklung ab: In verdeckten Laboren im Landesinneren werden chemisch hergestellte Heroin-Derivate produziert. Als besonders schwerwiegend gilt die im Iran erhältliche Substanz mit Namen „Crack“. Dabei handelt es sich nicht um das allgemein bekannte Kokainderivat, sondern um ein aus hoch komprimiertem Heroin hergestelltes Rauschgift. Für die Herstellung von einem Gramm Crack werden je nach Zusammensetzung zwischen 10 und 100 Gramm Heroin gebraucht. Iranisches Crack wird inhaliert oder injiziert; es macht aufgrund seiner hohen Konzentration an Heroin sehr leicht abhängig.

Die Verbreitung von Crack hat in den zurückliegenden Jahren stark zugenommen. Da es geruchlos ist, finden Drogenfahnder und Spürhunde es nur schwer. Crack wirkt stark gesundheitsschädlich, denn es wird unter desolaten hygienischen Bedingungen hergestellt, ist mit Bakterien verunreinigt und hoch infektiös. Neben einer Vermehrung von schädlichen Bakterien im Körper des Konsumenten führt der Gebrauch von Crack unter anderem zu schweren Infektionen, zur Entstehung von Abszessen und Embolien, zu Krebserkrankungen, zu Schäden am Gehirn und vor allem zum Absterben von Zellen mit der Folge, dass sich im Endstadium die Haut und mitunter sogar Körperteile vom Körper lösen. Crack-Tote werden deshalb nicht den islamischen Totenwaschungen unterzogen.

Der hohe Drogenkonsum belasten das gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Gefüge des Iran beträchtlich. Die enormen Ausgaben eines Abhängigen für seine Drogen belasten unweigerlich die Familienangehörigen stark. Auswirkungen auf die Gesundheit sind besonders gravierend für Angehörige von injizierenden Drogenkonsumenten. So befördert die hohe Verbreitung des Nadelaustauschs unter Süchtigen die Ausbreitung des HI-Virus. Nach Schätzungen des Iranischen Nationalen Aids-Programms des Gesundheitsministeriums wächst die Gruppe der Drogenkonsumenten, die Heroin spritzen, jährlich um 5 bis 10 Prozent. Zwischen 30 und 100 Prozent benutzen die Injektionsnadeln gemeinsam – hauptsächlich in niedrigeren sozialen Schichten. Seit Ende der 1990er Jahre hat sich HIV im Iran stark ausgebreitet.

Besonders drastisch ist die Situation in den iranischen Gefängnissen. Da Drogendelinquenten etwa 70 Prozent der Gefangenen stellen, ist der Drogenmissbrauch hier stark verbreitet und das gemeinsame Benutzen einer Spritze die Regel. Im Durchschnitt wurden unter injizierenden Drogenkonsumenten in Gefängnissen HIV-Infektionsraten von 63 Prozent gefunden. Experten schätzen, dass sich die Gesamtzahl der HIV-Infizierten auf 66.000 bis 166.000 beläuft. Die iranische Regierung räumt mittlerweile ein, dass die Islamische Republik derzeit eine kritische Phase in der HIV-Verbreitung durchläuft.

Dies hat ein Umlenken in der Drogenpolitik bewirkt. Der Schwerpunkt in der Drogenbekämpfung lag bis Ende der 1990er auf der Eliminierung von Schmuggelnetzwerken und der Inhaftierung ihrer Mitglieder sowie auf der Verfolgung von Konsumenten und Abhängigen. Seitdem wurden neue Elemente einer modernen nachfrageorientierten Drogenpolitik aufgegriffen. Zentral war die Einführung zweier innovativer Programme, die auf die bislang vernachlässigte Nachfrageseite des Drogenproblems zielen: Für die Behandlung von Süchtigen wurden neue Zentren aufgebaut und innovative Methoden eingeführt wie die Substitution mit Methadon. Und es wurden Maßnahmen eingeführt wie die Verteilung von Spritzen in Behandlungszentren und Gefängnissen sowie die Verteilung von Kondomen, die die Folgeschäden des Drogenkonsums verringern sollen.

Beide Maßnahmenpakete sind vom geltenden Anti-Drogen-Gesetz nicht abgedeckt. Die Verabschiedung eines überarbeiteten Gesetzes, in dem alle Neuerungen berücksichtigt werden können, wird seit Jahren aufgrund von Kompetenzstreitigkeiten zwischen verschiedenen staatlichen Organen wie dem Justizministerium, der Drogenkontrollbehörde, dem Parlament und dem Wächterrat aufgeschoben.

Dennoch ist der Paradigmenwechsel in der Drogenpolitik unbestreitbar. Der Umgang mit Drogenabhängigen hat sich verändert und die öffentliche Diskussion über Drogenkonsum und dessen Folgen ist in den letzten Jahren offener geworden. Von offizieller Seite wird die Drogenverbreitung zwar noch immer mit der Einflussnahme westlicher feindlicher Mächte in Zusammenhang gebracht, die damit angeblich versuchen, das iranische System zu unterlaufen. Es häufen sich aber offizielle Stimmen, die Mängel im Land für die Probleme verantwortlich machen. Die Einsicht, dass der Umgang mit Drogenabhängigen verändert werden muss, zeigt sich auf allen Ebenen. Sie folgt der Erkenntnis, dass die wachsenden Drogenprobleme nicht mehr allein mit Mitteln der Strafverfolgung bewältigt werden können.

Janet Kursawe ist Doktorandin am Leibniz Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA), Institut für Nahost-Studien, in Hamburg. Im Juni dieses Jahres hat sie ihre Doktorarbeit zur Drogen-politik in Afghanistan, Iran und Pakistan abgeschlossen.

 

Opiate: Schmerzstillende Rauschmittel Opium, Morphium und Heroin: Diese Rauschdrogen, auch unter dem Begriff Opiate zusammengefasst, werden aus dem Schlafmohn gewonnen. Dessen Geschichte reicht Jahrtausende zurück. Schon Sumerer und Ägypter sollen um 4000 vor Christus seine heilsame und berauschende Wirkung genutzt haben. Sie beruht auf etwa vierzig in der Pflanze enthaltenen chemischen Verbindungen, den Alkaloiden. Die wichtigsten sind Morphin, Papaverin, Codein, Narcotin und Thebain. Berauschend und zugleich stark schmerzlindernd wirkt vor allem das Morphin.

Ausgangsstoff für die Drogen ist das Rohopium. Zu dessen Gewinnung werden die Kapseln des 50 Zentimeter bis 1,70 Meter hohen Schlafmohns am Ende der Blütezeit mit einem speziellen Messer eingeritzt. Weißer Milchsaft tritt aus und wird fest, am nächsten Tag kann eine braune Masse, das Rohopium, abgekratzt werden. Eine Kapsel liefert bis zu 50 Milligramm. Opium kann geraucht, getrunken, gegessen oder in Salzwasser gelöst injiziert werden.  „Schlummertrünke“ mit Wein waren etwa in der Antike sehr beliebt. Rauchopium (Tschandu) wird mittels Erhitzen, der Extraktion von Wasser und mehrmonatiger Fermentation mit einem Schimmelpilz hergestellt. Es wird in speziellen Pfeifen aus dickem Bambusrohr mit einem besonderen Mundstück geraucht. Opium macht süchtig, ist aber weniger gefährlich als reines Morphin oder Heroin. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelang es dem deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner erstmals, Morphin aus Rohopium zu isolieren. Als Schmerzmittel fand es breite Verwendung, sein hohes Suchtpotenzial wurde hingegen lange unterschätzt. So kehrten zahlreiche Soldaten, denen man zur Behandlung ihrer Schmerzen Morphium verabreicht hatte, aus dem amerikanischen Sezessionskrieg und dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 als Abhängige heim.  

In der Absicht, ein alternatives Mittel zu entwickeln, das Schmerz lindert, aber keine Sucht erzeugt, gewann der britische Chemiker Charles Robert Alder Wright 1874 aus Morphin und Essigsäureanhydrid den Stoff Diacetylmorphin. Er wurde als Heroin bekannt und als Arzneimittel eingesetzt. Erst Jahre später wurde erkannt, dass diese Substanz mit ihrer betäubenden und euphorisierenden Wirkung ein noch höheres Suchtpotenzial besitzt als reines Morphin. Herstellung, Vertrieb und Besitz von Heroin sind in den meisten Ländern verboten. Auf dem illegalen Markt wird es zumeist als Pulver in unterschiedlicher Konzentration und Qualität angeboten. Der Wirkstoffgehalt schwankt zwischen 10 und 95 Prozent. Häufig sind weitere Stoffe beigemischt. Das Rauschgift kann geraucht, geschnupft oder intravenös gespritzt werden.

(gwo)

welt-sichten 11-2008

 

erschienen in Ausgabe 11 / 2008: Drogen: Profit, Gewalt und Politik