Den sozialen Sprengstoff entschärfen

Eine bessere Ausbildung und mehr Jobs für Jugendliche sind dringend gefragt

Sie prägen die Proteste gegen die Regierungen im Norden wie im Süden: zornige junge Frauen und Männer, die keine Arbeit haben und sich um ihre Zukunft betrogen fühlen. Weltweit ist laut dem diesjährigen Weltbildungsbericht der UNESCO jeder achte Jugendliche unter 25 Jahren ohne Job – in Griechenland und Spanien sind es in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sogar jeweils mehr als die Hälfte, im Nahen Osten und in Nordafrika trifft es jeden vierten. Hinzu kommt: Ein Viertel der Jugendlichen, die arbeiten, verdient so wenig, dass es kaum zum Leben reicht. Viele geben ihrer Empörung und Wut mit lautstarken Protesten Ausdruck, gleiten ab in die Kriminalität oder versuchen, auf oft gefährlichen Wegen nach Europa oder in die USA zu gelangen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein sozialer Sprengstoff, der jederzeit und überall detonieren kann.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Um dieser Misere wirksam zu begegnen, müssen zwei Strategien ineinander greifen: Zum einen müssen junge Leute die nötige Ausbildung erhalten, um einen angemessen bezahlten, festen Job ausüben zu können und damit ihren Unterhalt zu sichern. Und zum anderen müssen diese Arbeitsstellen vorhanden sein. Häufig hapert es schon an der Qualifikation, wie ein Blick in den Weltbildungsbericht zeigt: 71 Millionen Mädchen und Jungen weltweit haben keine weiterführende Schule abgeschlossen und deshalb wenig Chancen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ein Rückstand, der sich im späteren Leben nur selten aufholen lässt. Auch Millionen Erwachsene sind laut UNESCO nicht in der Lage, sich auf eine Stelle zu bewerben, geschweige denn die damit verbundenen Anforderungen zu füllen. Mehr Investitionen in die berufliche Bildung von Jugendlichen lautet folgerichtig die Forderung – langfristig schlage sich das auch im Wirtschaftswachstum nieder. Angesichts leerer Staatskassen und strikter Sparkurse dürfte sie aber schwer zu erfüllen sein.

Doch selbst eine gute Ausbildung garantiert noch keinen Job, das wissen griechische Ärztinnen und spanische Ingenieure nur zu gut. Hier will die Weltbank mit ihrem diesjährigen Weltentwicklungsbericht Abhilfe schaffen. Unter dem schlichten Titel „Jobs“ unterstreicht sie die Bedeutung von Arbeit für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung und weitet den Blick über den ökonomischen Tellerrand: Eine Arbeitsstelle erhöhe den Lebensstandard und die Produktivität, sei aber ebenso wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft und für das Selbstwertgefühl und die Würde des Einzelnen. Ein Zusammentreffen am Arbeitsplatz könne zudem zum gegenseitigen Verständnis und zur Toleranz zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen und Nationalitäten beitragen.

Gesicherte Arbeitsverhältnisse zu schaffen, müsse deshalb zum Herzstück jeglicher Entwicklungsstrategie werden, und dürfe sich nicht nur in Arbeitsmarktpolitik erschöpfen, betonen die Autoren des Berichtes. Auch andere Bereiche der Sozial- und Wirtschaftspolitik müssten vorrangig darauf ausgerichtet sein, die Zahl der Arbeitsplätze und ihre Qualität zu erhöhen. Die Wissenschaftler erklären auch, welche Jobs besonders zur Entwicklung eines Landes beitragen: nämlich die, die – wenig erstaunlich – im weitesten Sinne dem Gemeinwohl dienen, also im Umweltschutz, in Bildung, Gesundheit, der Stärkung zivilen Engagements  und in der Bekämpfung von Armut.

Eine Reihe von Empfehlungen für Politiker

Widersprüchlich mutet es bei dieser Aufzählung an, dass die Weltbank weiter im privaten Sektor das Zugpferd für die Schaffung von Jobs sieht, für das vom Staat günstige Bedingungen geschaffen werden müssen. Der öffentliche Sektor dagegen erntet weitgehend Kritik für seine Beschäftigungseffekte. An den genannten Tätigkeitsfeldern dürfte die Privatwirtschaft aber wenig Interesse haben, weil damit kein Geld zu verdienen ist.

Dennoch: Der Weltentwicklungsbericht gibt Politikern eine Reihe von Empfehlungen an die Hand, abhängig von den jeweiligen Gegebenheiten und dem Entwicklungsstand eines Landes. Agrargesellschaften brauchen andere Impulse als Staaten, die sich gerade zur Dienstleistungsökonomie wandeln. Und: Nicht nur im formalen Sektor sieht die Weltbank die Chance, „gute Jobs“ zu schaffen, sondern auch in der informellen Ökonomie. Damit trägt sie der Realität in Entwicklungsländern Rechnung, in denen die Mehrheit der Beschäftigten informell tätig ist.

Die Weltbank kommt mit ihrem Bericht zum richtigen Zeitpunkt: Laut den Vereinten Nationen sind durch die Finanz- und Wirtschaftskrise bislang weltweit rund 30 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen, im kommenden Jahr könnten noch einmal sieben Millionen wegfallen. Da muss viel sozialer Sprengstoff entschärft werden.  

erschienen in Ausgabe 11 / 2012: Die Wirtschaft entwickeln

Kommentare

Die erwähnten Zahlen und Fakten mögen richtig sein. Was fehlt, ist das Bindeglied zwischen den Analysen und den zu schaffenden Arbeitsplätzen. Politiker als Arbeitgeber sind schwer vorstellbar, aber irgendwie "entstehen" dann doch im günstigsten Fall die ersehnten Arbeitsplätze. Und da wird die Schwäche des Berichts erkennbar. Die Begriffe "Unternehmen" oder "Unternehmer" kommen nicht vor. Was etwas verschwurbelt mit "privater Sektor" umschrieben wird ist die Tatsache, dass in unserer weitgehend marktwirtschaftlich orientierten Welt die meisten Jobs aufgrund der Tätigkeit von Unternehmern, Geschäftsleuten und Firmenbesitzern geschaffen werden. Die entstehen also nicht aus dem Nichts und egal warum diese Leute jemanden einstellen, ohne sie geht es nicht. Es wäre an der Zeit, sich hierüber in aller Offenheit auszutauschen. Die Alternative im sogenannten Sozialismus, der Versuch ohne "Kapitalisten" auszukommen, ist krachend gescheitert und sogar die chinesische Führung räumt nun ein, dass es einen besseren Weg zum allgemeinen Wohlstand als das freie Unternehmertum nicht gibt. Deshalb erscheint mir wichtig, gerade jungen Menschen klar zu sagen: Wartet nicht auf ein Wunder, unternehmt selbst etwas! Ohne Unterschied werden in Griechenland, Spanien und in jedem krisengeschüttelten Land Menschen gebraucht, die sich für den Aufbau einsetzen und mit eigener Kraft und Ideen handelbare Werte schaffen. Dabei wäre die Öffentliche Hand in jedem Fall ein willkommener Auftraggeber, weil sie sich leichter verschulden kann als kleine und mittlere Unternehmen und weil sie selbst keine Werte schafft. Nicht unbeachtet bleiben darf dabei, dass keine Werte entstehen, wenn sich die Menschen gegenseitig die Haare schneiden und Kinder hüten. Der Dienstleistungssektor ist nur solange als Jobmotor zu gebrauchen, wie durch den Export von Produkten oder Rohstoffen Geld ins Land kommt. Dem kraftstrotzenden Exportgiganten China gegenüber stehen Versager wie Griechenland, Spanien, Italien und bald auch die USA, deren Scheinblüten auf Pump basierten und die auf den Weltmärkten zu wenig zu bieten haben. Unter den zornigen jungen Frauen und Männern wird es einige geben, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Die gilt es besonders zu fördern und zu unterstützen, denn eine erfolgreiche Firmengründung bleibt in den seltensten Fällen ein Einmannbetrieb. Dazu müsste aber auch von den Etagen die es angeht, die Unterstellung ausgeräumt werden, Unternehmer seien Ausbeuter und Blutsauger. Diese latente oder offene Ablehnung des privaten Kapitals führte und führt dazu, dass sich Unternehmer mit ihren Millionen und Milliarden verkrümeln, weil sie zum Beispiel im Erbfall existenzbedrohend besteuert oder zeitlebens von Finanzbeamten auf unterster Ebene schikaniert werden. Hier ist die Politik gefragt, denn in einem Klima von Neid und Missgunst ist nicht verwunderlich, wenn Millionäre ihren Wohnsitz nach England verlagern und danach für Einkünfte aus anderen Ländern keine Steuern mehr bezahlen müssen. (SPIEGEL 20/2012/Letzte Ausfahrt Kensington)

Neuen Kommentar schreiben