Leuchtet auch ohne Stromnetz: Kinder im kenianischen Kisima mit einer solarbetriebenen LED-Lampe.

„Frauen wollen kochen und Männer Zeitung lesen“

Millionen Menschen in Afrika sind noch immer ohne Strom. Der Kontinent hat ein großes Potenzial zur Nutzung von Solar- und Windkraft, doch deren Ausbau kommt nur schleppend voran. Die Energieexpertin Kulthoum Omari erklärt, weshalb das so ist und warum vor allem die Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt werden sollten.

 

Kulthoum Omari ist bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Südafrika für Programme der nachhaltigen Entwicklung zuständig.

2,6 Millionen Afrikaner haben keinen Zugang zu Strom, vor allem in ländlichen Regionen. Sind erneuerbare Energien eine Lösung?

Da müssen wir unterscheiden: Wir haben kleine, vom Stromnetz unabhängige saubere und effiziente Technologien wie Photovoltaik-Anlagen für Wohnhäuser oder Herde und Warmwasserbereiter, die mit Solarstrom betrieben werden. Und wir haben großflächige Anlagen wie Solar- und Windfarmen, die Strom in das nationale Netz einspeisen. Die Kosten dafür sind sehr hoch und die meisten afrikanischen Länder können sich das nicht leisten. In der Regel haben nur Städte oder größere Dörfer einen Anschluss an das Stromnetz. Deshalb ist es sinnvoll, den Energiebedarf der Armen auf dem Land über kleine, netzunabhängige Technologien zu decken. Die meisten nutzen noch traditionelle Energiequellen wie Holz, Kohle oder Dung, die ihre Gesundheit und auch das Klima schädigen.

Aber können sich arme Menschen solche Technologien überhaupt leisten?

Sie sind natürlich sehr teuer, vor allem für Haushalte, die von Frauen geführt werden. Deren Einkommen ist im Durchschnitt geringer als das von Männern. Sie nehmen Holz und Dung, um ihren Herd anzuheizen, weil sie es einfach nur sammeln müssen. Es kostet nichts. Sie brauchen einen Anreiz, um saubere Technologien zu nutzen. Die Regierung ist verantwortlich dafür, das zu befördern, weil Energieversorgung im Rahmen von Entwicklung und Armutsbekämpfung gesehen werden muss. Die Regierung sollte ärmere Haushalte mit Subventionen unterstützen, um ihren Zugang zu sauberen und effizienten Energiequellen zu ermöglichen.

Tun Regierungen in Afrika das?

Einige schon, aber das reicht nicht aus. Außerdem kommen die Kosten erst an zweiter Stelle. Die größte Sorge ist, dass die Technologien nicht die Prioritäten und Bedürfnisse der Armen erfüllen. In der Regel werden sie von einem Ingenieur oder einem Techniker entwickelt, ohne die lokalen Gemeinschaften einzubeziehen. Vor allem Frauen haben oft keine Chance, bei der Energieversorgung mitzuentscheiden. Das war lange Zeit eine Domäne der Männer. Eine Photovoltaik-Anlage beispielsweise sorgt ausschließlich für Licht. Aber die Mehrheit der Haushalte in ländlichen Gegenden braucht Energie zum Kochen. Frauen, die dafür zuständig sind, sollten angehört werden.

Frauen haben einen anderen Energiebedarf als Männer?

Wenn man Frauen in ländlichen Regionen fragt, für was sie Energie brauchen, werden die meisten von ihnen sagen: zum Kochen und zur Beleuchtung der Straßen, damit sie für unsere Kinder sicherer sind. Männer würden sagen: zum Fernsehen oder Zeitung lesen. Das stimmt wirklich! Die Rollenverteilung ist noch immer sehr traditionell und der Bedarf nach Energie orientiert sich daran. Frauen haben die Verantwortung für den Haushalt. Wenn sie nicht einbezogen werden in die Diskussion über die Energieversorgung, bleiben sie in einem Teufelskreis der Armut gefangen. Sie halten ständig Ausschau nach Ressourcen, die ihnen helfen, ihre Pflichten zu erfüllen, und haben sehr wenig Zeit, eine Ausbildung zu machen oder selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Der Zugang zu sauberer Energie würde ihre Gesundheit verbessern und ihnen die Chance geben, weniger Zeit mit dem Haushalt zu verbringen.

Werden irgendwo in Afrika schon lokale Gemeinschaften bei Plänen zur Energieversorgung einbezogen?

In einigen Ländern bewegt sich etwas in diese Richtung, etwa in Botsuana. Aber lange nicht in dem Ausmaß, wie es nötig wäre. Die Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien kommen ja meist von einem Geber ins Land – so war es jedenfalls in den vergangenen Jahren. Es ist sicher im Interesse der Entwicklungspartner, die Regierung und die lokale Gemeinschaft zu beteiligen. Führt der Privatsektor die Technologien ein, müssen Richtlinien da sein, die dafür sorgen, dass sie die Bedürfnisse der Menschen erfüllen und nachhaltig sind. Wir haben in Afrika ein großes Potenzial für die Nutzung erneuerbarer Energien wie Wind und Sonne. Aber wir müssen lernen, unsere eigenen Technologien zu entwickeln und nicht einfach die von anderen Ländern übernehmen. Wir haben nicht die jahrzehntelange Erfahrung wie Deutschland.

Aber Südafrika scheint sich in die falsche Richtung zu bewegen. Seine Energieversorgung beruht nach wie vor zu 95 Prozent auf Kohle.

Ja, das stimmt. In jüngster Zeit hat sich aber die Sicht auf erneuerbare Energien verändert. Im Rahmen des neuen Energieplans (Integrated Ressource Plan II), der 2010 verabschiedet wurde, ist vorgesehen, dass erneuerbare Energien bis 2030 neun Prozent der Versorgung decken sollen. Früher spielten sie überhaupt keine Rolle. Die Regierung will bis 2016 die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Ausbau dieser Energien schaffen, etwa mit Hilfe eines Beschaffungsprogramms.

Ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien gibt es also noch nicht?

Nein. Das wird gerade im Parlament diskutiert. Die Regierung wollte ursprünglich feste Tarife für die Einspeisung ins Stromnetz festlegen, hat sich aber nun für ein Auktionssystem entschieden. Die Zivilgesellschaft ist sehr dahinter her, sicherzustellen, dass erneuerbare Energien zugänglich und nachhaltig sind. Die Regierung muss ein geeignetes Umfeld schaffen, in dem das verstärkt wird.

Geber wie die Weltbank fördern in Südafrika noch immer Kohlekraftwerke wie Medupi. Ist das nicht kontraproduktiv?

Ja, das ist ein Widerspruch. Es ist nicht schön, dass Südafrika von der Weltbank Fördergeld für Kohlekraftwerke bekommt. Aber die Regierung sagt, wir brauchen Zeit, um zu verstehen, wie erneuerbare Energien funktionieren und wie wir den Übergang in eine kohlenstoffarme Zukunft schaffen. In der Zwischenzeit sind wir aber auf ein Wachstum angewiesen, das auf fossilen Energien beruht. Die hohe Armut und Arbeitslosigkeit sowie der große Energiebedarf behindern die Förderung erneuerbarer Energien.  Außerdem üben Interessenverbände politischen Druck aus, um eine weitere Nutzung fossiler Brennstoffe zu erreichen.

Wer verbirgt sich dahinter?

Die Industrie und einige Unternehmen. Es gibt einen Machtkampf zwischen Unternehmen, die erneuerbare Energien zur Stromerzeugung nutzen, und denen, die fossile Brennstoffe bevorzugen, darunter der Energieversorger ESKOM und energieintensive Industrien wie die Aluminiumproduktion. Außerdem streiten sich auch staatliche Stellen über die künftige Energieversorgung.

Gibt es ein afrikanisches Land als Vorreiter für den Ausbau erneuerbarer Energien?

Kenia ist schon sehr weit. Sie haben intelligente Netze, aber auch netzunabhängige Technologien für arme Menschen. Sie investieren zudem in große Anlagen, etwa die größte Windfarm Afrikas am Turkana-See sowie geothermische Energie aus dem Rift Valley. Soweit ich weiß, sind Kenia und Südafrika am weitesten mit ihren Plänen, erneuerbare Energien im nationalen Energiemix zu berücksichtigen.

Das Gespräch führte Gesine Kauffmann

erschienen in Ausgabe 11 / 2012: Die Wirtschaft entwickeln

Kommentare

Das informative Interview mit Frau Omari gibt mir Anlass einmal mehr auf schon bestehende Initiativen und nachfolgende Möglichkeiten hinzuweisen. Afrika ist groß und deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn BONERGIE mit seinen erfolgreichen Schritten in Senegal und Benin nicht erwähnt wird. Auf der Website bonergie.de kann sich jeder über Ziele des Unternehmens und den Stand der Entwicklung informieren. Mir scheint zunächst wichtig, dass die Anlagen von Frau Schwarz mit Krediten finanziert werden, die von den Frauen leicht bedient werden können, weil Solarstrom sie sofort vom Kauf von Lampenöl und Batterien entlastet und eigenes Einkommen ermöglicht. Schon jetzt werden unzählige Handys mit Solarstrom geladen, wodurch Fahrten in die nächste Stadt wegfallen. Strom und Licht ermöglichen den Frauen nun, mit eigenen Geschäften Geld zu verdienen, Läden und Lokale auch nachts zu beleuchten und Schulen, Kühlschränke und Computer zu betreiben. Mir als Praktiker erscheint noch unverzichtbar der Hinweis auf das breite Spektrum von Akku-Geräten, die inzwischen fast alle netzbetriebenen Maschinen ersetzen können. Damit können Handwerker fern der Städte produzieren und alle Akkus mit Solarstrom laden. Kochen kann man damit zwar nicht, aber dafür gibt es schon seit Jahrzehnten Alternativen zum zerstörerischen Kochen mit Holz. Ein Solarkocher konzentriert Sonnenlicht auf einen Punkt über 150 Grad und seine Herstellung ist, mit einem Investment unter 20 Euro verbunden. Aufwändiger sind Biogas-Anlagen, die allerdings Tag und Nacht Kochgas liefern. Aufwand hier etwa 100 Euro, gefüttert wird die Anlage mit Tierdung, Grünzeug und biogenem Abfall. Die tradionell in Afrika angebaute Purgiernuss liefert Öl, aus dem man Seife herstellt und das Dieseltreibstoff ersetzen kann. Die Pressreste können sowohl Dünger als auch Brennstoff sein. Mir ist eine Ölmühle in Tansania bekannt, die mit 5000 Euro Kirchengeld aufgebaut wurde. Bisher fertigt man dort aber nur Seife aus dem Öl, was jährliche Einkünfte von 50 Euro ergab. Der Antriebsmotor der Presse, ein Einzylinder Diesel, wird mit gekauftem Diesel gefüttert obwohl er mit dem Öl der Purgiernuss laufen würde. Meine Initiativen in dieser Richtung blieben unbeantwortet. Bis auf die PV-Anlagen können alle Komponenten für nachhaltiges Wirtschaften vor Ort hergestellt oder beschafft werden, was schnell Tausende von Arbeitsplätzen ergäbe. Das daran die Großindustrie kein Interesse hat ist naheliegend. Umso wichtiger wäre koordinierte Zusammenarbeit mit den Menschen in den Dörfern. Da haben die Kirchen noch einiges nachzuholen

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