Grundstoffe der Industriegesellschaft

Ohne Metalle würde kaum eine der Maschinen funktionieren, die wir täglich benutzen. Schon der Durchbruch der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert war eng verbunden mit einem enormen Ausbau der Eisen- und Stahlverhüttung. Inzwischen werden zum Beispiel für Handys, Batterien, Flachbildschirme und Windräder auch Metalle benötigt wie Indium, Lithium und Neodym. Mit der Nachfrage steigen die Preise, zumal einige dieser Rohstoffe nur in wenigen Ländern abgebaut werden – etwa die Seltenen Erden in China.
Kommunikation und Mobilität prägen unsere Zeit. Heute Berlin, morgen wieder Stuttgart – oder New York. Noch vor dem morgendlichen Abflug lässt sich via Internet überprüfen, ob eine Regenjacke in die Tasche muss oder die Sandalen. Beinahe jeder Ort der Welt ist erreichbar, wenn wir es uns leisten können. Und von überall können wir Informationen abrufen oder austauschen. Dafür sorgen Autos und Flugzeuge, Mobiltelefone und Laptops. Doch die Schnelligkeit unserer Reisen und unserer Kommunikation ist nur möglich mit erdenschwerem Material: Metallen und Mineralien, Erdöl und Kohle. Europa importiert das meiste davon in Form von Vorprodukten wie Leiterplatten oder Magneten. Außer Kohle gibt es kaum eigene Vorkommen.
 

Autorin

Heike Holdinghausen

ist Redakteurin in der Redaktion Wirtschaft und Umwelt der „tageszeitung“. Gemeinsam mit Armin Reller hat sie das Buch „Wir konsumieren uns zu Tode. Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen“ (Westend, 2011), veröffentlicht.

All die Bilder, Töne und Texte, die uns Handy oder Laptop aus aller Welt zuspielen, entstehen an einem Ort: Zum Beispiel in zwei hauchdünnen Schichten Indiumzinnoxid, mit Flüssigkristallen gefüllt. Deren Aggregatzustand ist, wie ihr Name sagt, flüssig. Doch die Flüssigkeit trägt die Eigenschaften von Kristallen. Sie können Licht so brechen, dass eine bestimmte Farbe sichtbar wird. Zusammen mit dem Indiumzinnoxid, das elektrischen Strom leiten und Magnetfelder erzeugen kann, ergibt das die LCD-Technik in Bildschirmen von Fernsehern, Computern oder Smartphones. Dabei werden winzige Mengen der Materialien gebraucht: Selbst in einem großen Flachbildschirm sind nur wenige Gramm Flüssigkristalle und Indium verarbeitet.

Letzteres galt noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein als ein überaus langweiliges Metall. Entdeckt haben es Wissenschaftler der Bergakademie Freiberg in Sachsen im Jahr 1863. Allerdings wusste niemand etwas damit anzufangen. Erst als die Technik unempfindliche, durchsichtige, Strom leitende und Licht brechende Materialien erforderte, geriet Indium ins Blickfeld von Ingenieuren und Kaufleuten – und damit seine Lagerstätten in China und Südamerika.

Ähnlich unterschätzt wurde lange Zeit das Lithium. Wer das silberweiße Alkalimetall überhaupt kannte, verband mit ihm am ehesten seinen schrecklichen Beitrag zur Weltgeschichte als Bestandteil der Wasserstoffbombe. Außerdem wurde das Metall Schmierfetten beigefügt und in der Produktion von Glas oder Keramik eingesetzt. Alles ganz nützlich, aber wenig aufregend. Heute wird Lithium in den Medien als das „neue, weiße Gold der Anden“ bezeichnet. Denn Lithium kann effektiv Strom leiten. Darum steckt es in jedem Mobiltelefon und in jedem Notebook, und zwar in den Akkus. Lithium-Ionen-Akkus sind besonders klein, leicht und leistungsfähig: ideal also für die Hosentasche.

Indium und Lithium sind aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften in Hightech-Geräten bislang unersetzlich. Gebraucht werden jeweils nur winzige Mengen. Anders ist das bei den bekannten Industriemetallen wie etwa Eisen (in Form von Stahl) oder Kupfer. Dieses Metall kennen die Menschen schon seit Jahrtausenden. 1,8 Millionen Tonnen Kupfer haben Industrie und Handwerk im vergangenen Jahr in Deutschland laut dem Deutschen Kupferinstitut verbraucht, weltweit waren es fast 20 Millionen Tonnen. Aus Kupfer lassen sich Rohre gießen und Dächer hämmern; aber auch Brauereikessel, Bremsleitungen und Leiterplatten werden daraus hergestellt. Rund 7500 US-Dollar kostete die Tonne Kupfer 2010 an der Londoner Metallbörse London Metal Exchange – im Jahr 2000 hatte der Preis, wie schon 1990, noch bei 1815 Dollar gelegen.

Auch der Stahlpreis ist in den vergangenen zehn Jahren explodiert. Während eine Tonne Eisenerz, die Grundlage der Stahlproduktion, 2002 rund 60 US-Dollar pro Tonne kostete, sind es derzeit um die 160 Dollar. Der Stahlpreis bewegt die deutsche Industrie besonders, denn Stahl bildet im wahrsten Sinne des Wortes das Rückgrat der Wirtschaft: Maschinen, Baugerüste, Fahrzeuge, Windräder – sie alle tragen einen Kern oder eine Hülle aus Stahl. Steigt der Stahlpreis, schlägt das auf viele andere Branchen durch; sein Absinken ist ein Anzeichen für eine Konjunkturabschwächung. Produziert wird nur das wenigste der verbrauchten Menge in Deutschland. Längst ist China zum weltweit größten Stahlproduzenten aufgestiegen, daneben Brasilien, Australien und Indien.

Drei Bergbaukonzerne beherrschen den Stahlmarkt: Vale aus Brasilien, BHP Billiton aus Australien und der englisch-australische Konzern Rio Tinto. 13 Milliarden US-Dollar Gewinn hat Vale im ersten Quartal dieses Jahres eingefahren, die Geschäfte laufen blendend. Mit ihrem Oligopol können die drei Unternehmen praktisch weltweit die Eisenerzpreise diktieren. 2010 haben sie sogar ein neues System der Preisbildung durchgesetzt. Anders als Kupfer, Gold oder Platin wird Stahl kaum an der Börse gehandelt, sondern Verarbeiter – etwa Autokonzerne oder Maschinenbauer – kaufen direkt beim Stahlproduzenten. Weil nur wenige Anbieter wenigen Käufern gegenüberstehen, sind die Lieferbeziehungen langfristig, und die Preise waren lange Zeit relativ stabil. Aber die drei Riesen wollten vom Rohstoffboom an den Börsen profitieren und zwangen ihren Kunden 2010 ein neues, kurzfristigeres System der Preisbildung für Stahl auf. Seitdem sind die Preise für die Unternehmen schwieriger als bislang zu kalkulieren.

Die großen Autokonzerne und Maschinenbauer in Deutschland denken deshalb laut über Einkaufsgemeinschaften nach, um den Anbietern mit mehr Marktmacht gegenübertreten zu können. Jetzt rächt sich, dass sich die großen deutschen Unternehmen seit den 1970er Jahren im Zuge moderner Unternehmensstrategien aus der Rohstofferzeugung zurückgezogen haben. Was nicht zum Kernbereich von Produktion und Verkauf gehörte, wurde abgestoßen, Beteiligungen an Minen oder Rohstoffgesellschaften wurden verkauft. Die Rohstoffstrategie, die der Bundestag Ende Oktober verabschiedet hat, sieht deswegen unter anderem vor, die „Rückwärtsintegration“ deutscher Unternehmen zu fördern – neben diplomatischen Anstrengungen und vermehrtem Recycling.

Jahrzehntelang waren Rohstoffe kein großes Thema, weder in den Unternehmen noch in den Büros von Abgeordneten oder den Ministerien. Metalle und Mineralien schienen bei stabilen Preisen unbegrenzt verfügbar. Doch seit Europa mit rohstoffhungrigen Schwellenländern wie China oder Indien konkurriert, sind Rohstoffe „knapp“. 14 „kritische“ Rohstoffe hat die EU-Kommission in ihrer Rohstoffstrategie definiert, darunter Platin, Kobalt und Graphit. Das grau-schwarze Mineral Graphit kommt in der Erdkruste sehr häufig vor und ist eine Modifikation des Kohlenstoffs. Begehrt und wichtig ist das Mineral, weil sich daraus ein Stoff herstellen lässt, der die Herzen von Ingenieuren höher schlagen lässt: Diamanten.

Die geschätzte Weltfördermenge von rund 20 Tonnen an natürlichen Diamanten deckt die Nachfrage nämlich nicht. Daher sind die Hersteller von Schleif- und Poliermaschinen, Halbleitern und Elektroden auf künstliche Diamanten angewiesen. Wie Graphit bestehen Diamanten aus Kohlenstoff; sie sind das härteste bekannte Material. Ende des 19. Jahrhunderts löste Südafrika Indien und Indonesien als hauptsächliche Lieferländer für Diamanten ab. Gefunden hat man die glitzernden Steine auf der ganzen Welt, die bekannten Hauptvorkommen jedoch liegen heute in Russland, Südafrika, dem Kongo, Botsuana, Australien und Kanada. Diamanten gelten nicht als Teil des Rohstoff-, sondern des Edelsteinhandels. Er wird über eigene Börsen abgewickelt, die bekannteste und älteste ist die in der alten belgischen Hafenstadt Antwerpen. Die Diamantenhändler sind eine kleine, diskrete Gesellschaft.

Diskretion gilt allerdings auch im Rohstoffhandel. So sind etwa über den Branchenführer Glencore mit Sitz in der Schweiz kaum Informationen zu erhalten, obwohl er seit Frühjahr dieses Jahres an der Börse notiert ist. Obwohl die Rohstoffversorgung für die Industrie wahrlich „systemrelevant“ ist – ohne eine verlässliche Lieferung von Metallen, Erdöl oder Mineralien zu kalkulierbaren Preisen ist unsere Konsumgesellschaft nicht denkbar –, ist der Handel mit Rohstoffen kaum reguliert und völlig intransparent.

In Berlin jagt zur Zeit ein Ressourcenkongress den nächsten. Eingeleitet werden sie stets mit der Feststellung, das Deutschland ein ressourcenarmes Land sei. Dabei besitzt die Bundesrepublik Ressourcen, für die viele Menschen in anderen Ländern dankbar wären – und mit denen wir nicht gemäß ihrer Bedeutung als Grundlage unseres Lebens umgehen: fruchtbare Böden und ausreichend Trinkwasser. Während die Ressource Wasser schon in den Bereich der Wahrnehmung vorgedrungen ist – als möglicher Konfliktgrund –, behandeln wir unseren Boden, als sei er unendlich verfügbar und belastbar. Dabei ist nur etwas mehr als ein Zehntel der nicht vom Meer bedeckten Erde für die Landwirtschaft geeignet. Auch fruchtbare Böden sind also eine kritische Ressource.

Kritisch ist die Versorgung aber nicht nur, wenn zu wenig von einer Ressource vorhanden ist. In der Ressourcenstrategie der EU sind zum Beispiel die Seltenen Erden aufgeführt. Einige von ihnen kommen in der Erdkruste häufiger vor als Silber oder Blei. Ihren Sammelnamen erhalten die Seltenerdmetalle wie Yttrium, Scandium, Neodym und Europium, weil sie in Mineralien, Metalloxiden und Metallphosphaten vorkommen, die früher als „Erden“ bezeichnet wurden. Und als selten erscheinen sie, weil sie immer nur in geringen Mengen gefunden werden statt in Erzadern konzentriert. Fein verteilt sind sie über den ganzen Erdball. Trotzdem sind sie zum Symbol des Rohstoffmonopols eines Staates geworden: China produziert heute rund 97 Prozent aller Seltenen Erden auf der Welt. Dabei handelt es sich, wie beim Indium, um so genannte Kuppelprodukte: Es gibt keine Bergwerke, in denen ausschließlich Seltene Erden oder Indium abgebaut werden, sie begleiten etwa Nickel oder Zinn, Kupfer und Zink.

Bayan Obo in der Inneren Mongolei, einem autonomen Gebiet im Norden Chinas, ist die größte Eisenerzmine der Welt. Mit dem Erz werden Mineralien abgebaut, aus denen sich dann die Seltenen Erden herauslösen lassen. Das geht allerdings nicht mit Hammer und Meißel, sondern mit aufwendigen und äußerst giftigen chemischen Prozessen. Nicht nur Giftstoffe gelangen dabei in Böden, Luft und Grundwasser. Die Regionen rund um Produktionsstätten Seltener Erden sind auch radioaktiv verseucht, sind doch auch immer strahlendes Thoriumdioxid und Uranoxid in den Ausgangsstoffen enthalten. Unter anderem weil sie die Umweltprobleme nicht in den Griff bekamen, hatte weltweit eine Mine nach der anderen geschlossen – in Malaysia, Australien oder zuletzt 2002 in Kalifornien. China, das diesen Prozess mit einer entsprechenden Preispolitik unterstützte, hat so ein Monopol erhalten.

Allerdings wird es nicht von Dauer sein. Denn schon stehen die Konkurrenten in den Startlöchern. Ein australischer Rohstoffkonzern will in Malaysia ein Werk für Seltene Erden eröffnen und in der Mine Mountain Pass in Kalifornien soll im nächsten Jahr wieder abgebaut werden – allerdings hat sich ihre Wiedereröffnung schon öfter verzögert.

Die Preisspirale dürfte sich dann etwas langsamer drehen: In diesem Jahr sind manche Seltene Erden laut der Deutschen Rohstoffagentur um bis zu 700 Prozent teurer geworden. Wobei Industrievertreter immer wieder betonen, nicht hohe Preise seien ihr Problem – die müssten schließlich auch die Konkurrenten zahlen. Beschwerden bereiten ihnen vielmehr die starken Preisschwankungen. Und die nehmen auf den Rohstoffmärkten immer mehr zu. Der Handel mit Rohstoffen verläuft auf verschiedenen Wegen: Erstens mittels direkter Kaufverträge zwischen Produzenten und Industrieunternehmen wie etwa beim Stahl. Zweitens existiert ein Handel auf den sogenannten Spot-Märkten. Gemeint ist eine kurzfristige Handelsbeziehung – im Englischen bedeutet „on the spot“ sofort. Zwar wird laut den Autoren des jüngst erschienenen Buches „Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz“ noch immer eine etwa neunmal größere Menge an Metallen oder Getreide mit langfristigen Lieferverträgen gehandelt als an den Spotmärkten. Doch beim Erdöl beträgt deren Anteil schon 30 Prozent.

Drittens werden Aluminium, Gold oder Schweinebäuche auch an Börsen gehandelt. An den Preisen, die dort gebildet werden, orientieren sich die an den Spotmärkten. Der Börsenhandel dient Käufern und Verkäufern dazu, sich gegen schwankende Preise abzusichern, im Wortsinn des englischen „to hegde“ (einhegen). Benötigt zum Beispiel eine Fluggesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Treibstoff, dann bestellt sie einen Teil davon an der Börse zu einem festgelegten Preis, das heißt sie erwirbt sogenannte Derivate. Sind die Preise bis dahin gestiegen, macht sie ein gutes Geschäft, sind sie gefallen, hat sie Pech gehabt. Ausgeglichen wird dies dadurch, dass sie den Rest der Menge auf den Spotmärkten zu tagesaktuellen Preisen einkauft. Durch die Mischkalkulation bleiben die Kosten kalkulierbar.

Allerdings ist das System des Hegdings aus den Fugen geraten. Ob ein Käufer Derivate über einen Rohstoff erwirbt, weil er sich für einen bestimmten Zeitpunkt sicher mit Metall oder Getreide eindecken will, oder ob er nur auf steigende oder fallende Preise spekulieren möchte, ist am Handel selbst nicht ersichtlich. Laut einem Bericht der Entwicklungsorganisation Weed ist aber der Wert von Rohstoffderivaten, die außerhalb der Börsen (Over the Counter, OTC) gehandelt wurden, zwischen Juni 2005 und Juni 2007 um 160 Prozent gestiegen, obwohl die Produktion in der realen Wirtschaft weit dahinter zurückgeblieben ist. Das ursprünglich sinnvolle Instrument des Hegdings ist inzwischen Teil der höchst problematischen Spekulationsblasenwirtschaft. So werden etwa zehnmal mehr Kontrakte über Öl gehandelt, als tatsächlich Öl zur Verfügung steht.

Besonders dramatisch ist das bei den Agrarrohstoffen. Die USA und die Europäische Union (EU) bemühen sich daher, den Markt zu regulieren. Auch auf dem Gipfel der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer Anfang November in Cannes war die Rohstoffspekulation ein Thema. Die EU plant, dass Aufsichtsbehörden die Menge an Derivaten, die ein Händler besitzen darf, für einen gewissen Zeitraum begrenzen. Ähnlich gehen auch die USA vor. Kritiker, etwa die Verbraucherorganisation Foodwatch, sehen den einzigen Ausweg aus dem Spekulationsdilemma darin, Versicherungen oder Pensionsfonds vom Rohstoffhandel auszuschließen. Nur wer Öl, Alu oder Silber tatsächlich braucht, soll damit handeln dürfen.

Doch noch flimmern auf den Computerbildschirmen der Händler von großen Hedgefonds, von Versicherungen oder vermögenden Stiftungen im Sekundentakt Kaufs- und Verkaufsempfehlungen von Rohstoffen, an deren physischem Besitz sie überhaupt kein Interesse haben. Das verstärkt die Preisschwankungen bei genau den Metallen und Mineralien, die diese moderne Technik erst möglich machen.

erschienen in Ausgabe 12 / 2011: Bodenschätze: Reiche Minen, arme Länder

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