Frauen protestieren auf dem Tahrir-Platz Ende 2012 gegen die neue Verfassung und ihr Frauen­bild – Fatma al-Sharif hat sich die Haare abgeschnitten.

Aufbruch der Frauen

Sie war jung, trug Kopftuch und schrieb Geschichte. Am 25. Januar 2011 forderte Asmaa Mahfus ihre Landsleute per Video auf Facebook dazu auf, auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen Korruption und Machtmissbrauch zu demonstrieren. Es kamen viel mehr als erwartet und die ägyptische Protestbewegung führte knapp drei Wochen später zum Sturz von Diktator Hosni Mubarak. Asmaa Mahfus, Mitbegründerin der Jugendbewegung 6. April, wurde zu einer ihrer wichtigsten Symbolfiguren.

Andere Frauen mit und ohne Schleier skandierten und demonstrierten, manche übernachteten sogar in Zelten auf dem Platz – eine für ägyptische Verhältnisse unerhörte Tatsache. „Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft waren beteiligt“, erinnert sich die Schriftstellerin Salwa Bakr, die ebenfalls mit dabei war. „Für mich war dieser Aufbruch der Frauen die wichtigste Botschaft der Revolution. Frauen hatten plötzlich das Gefühl, etwas Wichtiges für die ganze Gesellschaft beizutragen.“

Zwei Jahre später fragen sich viele Ägypterinnen ernüchtert, was ihnen der mutige Einsatz gebracht hat. Waren die Ereignisse auf dem Tahrir nur ein nationaler Taumel, ein kurzer und heftiger Freiheitsrausch, aus dem man verkatert aufwacht? Oder haben Frauen heute einen anderen, einen höheren Stellenwert in einer traditionell männlich bestimmten Kultur? Zwar haben seitdem vorerst die Islamisten den Kulturkampf über die künftige Ausrichtung des Landes gewonnen. Aber der Prozess der Transformation ist am Nil längst noch nicht abgeschlossen.

Autorin

Claudia Mende

ist freie Journalistin in München und ständige Korrespondentin von „welt-sichten“. www.claudia-mende.de

Rechtlich hat sich seit dem Sturz Mubaraks die Lage der Frauen nicht verändert. Im Juni 2012 wurde mit dem Muslimbruder Mohammed Mursi knapp ein Islamist zum Staatspräsidenten gewählt und im Dezember 2012 stimmten die Ägypter für eine neue Verfassung. Sie steht wie die alte Verfassung von 1971 im Spannungsbogen zwischen individuellen Freiheitsrechten und  islamischem Recht. Danach sind Mann und Frau gleich vor dem Gesetz, gleichzeitig gilt aber wie bisher die islamische Rechtsordnung, die Scharia, in Familien- und Erbschaftsangelegenheiten, die nicht in allen Teilen damit kompatibel ist. Neu ist der Artikel zehn, der die Familie als Fundament der Gesellschaft bezeichnet, das auf den Werten von Religion, Moral und Patriotismus beruhe. Kritiker befürchten, diese Festschreibung traditioneller Rollenmuster in der Verfassung könnte sich als nachteilig erweisen, wenn  konkrete Gesetzesvorhaben zu Frauenrechten anstehen.

Im Parlament, in dem die Islamisten eine Zweidrittelmehrheit stellen, versuchten die Salafisten, das gesetzliche Heiratsalter von Mädchen von 18 auf zwölf Jahre herabzusetzen. Ob dieser Vorschlag konsensfähig gewesen wäre, ist nicht klar. Denn das Parlament wurde im Juni 2012 wegen angeblicher Verfahrensfehler bei den Wahlen vom Militärrat wieder aufgelöst. Neuwahlen stehen in den kommenden Monaten an, einen Termin dafür gibt es aber noch nicht. Dann werden die Karten wieder neu gemischt.

Rawia Abdel Kaders Finger formen mit der Leichtigkeit einer Künstlerin den unförmigen Klumpen Lehm in eine vollendete Kanne. An der Töpferscheibe ist sie in ihrem Element. Die 35-jährige Mutter von drei Kindern betreibt zusammen mit ihrem Mann Mohammed eine eigene Töpferwerkstatt in der Oase Fayum rund eine Stunde südlich von Kairo und verkauft die Keramik im Hofladen und in den Boutiquen der Hauptstadt. Davon kann die Familie gut leben. Am liebsten mag Rawia die Motive aus dem ländlichen Leben: Kamele, Fische, Pflanzen und jung Verheiratete in Galabiya, dem bodenlangen traditionellen ägyptischen Gewand.

Vor einem Wahllokal in Kairo bei der Präsidentschaftswahl im Juni 2012. Die politischen Mitsprachemöglichkeiten von Frauen haben sich seitdem nicht verbessert.Patrick Baz / afp / Getty Images

Idyllisch ist das Landleben aber nur auf den Tellern und Schüsseln von Rawias Keramik. Ihre Berufstätigkeit hat  sich die Töpferin gegen den Widerstand der Eltern hart erkämpfen müssen, denn normalerweise verläuft das Leben einer Frau hier in den klassischen Bahnen von Ehe, Haushalt, Feldarbeit und Kindererziehung. „Ich bin die einzige verheiratete Frau in unserem Dorf, die berufstätig ist“, betont sie mit Stolz. Einige Bewerber um ihre Hand hat sie abgelehnt, weil sie das Töpfern nicht aufgeben wollte. Ehemann Mohammed jedoch wirkt zwar in seiner Galabiya traditionell, akzeptiert aber nicht nur, dass sie der Kopf der Werkstatt ist. Durch die unternehmerischen Fähigkeiten seiner Frau ist die Familie zu bescheidenem Wohlstand gekommen.

Insgesamt sind laut Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums von 2012 lediglich 24 Prozent der Ägypterinnen berufstätig – im Vergleich zu anderen arabischen Ländern mit mittlerem Einkommen ein sehr geringer Anteil. Das liegt vor allem an dem ausgeprägten Stadt-Land-Gefälle. In der Hauptstadt Kairo leben die Menschen in einigen Vierteln genau wie in anderen Metropolen der Welt. Das ländliche Ägypten hingegen ist eine vernachlässigte, patriarchalische Gesellschaft unabhängig davon, ob die Menschen Muslime oder Christen sind. Selbst bei den jungen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren können noch fast ein Fünftel nicht lesen und schreiben, die meisten dieser Analphabetinnen leben auf dem Land. In Oberägypten haben fast 43 Prozent der Frauen nie eine Schule besucht.

Frauenrechte waren bisher in erster Linie ein Thema für die besseren gesellschaftlichen Kreise in Kairo und Alexandria. Als sich Hoda Shaarawi 1923 in Kairo öffentlich ihren Schleier herunterriss, war das die Geburtsstunde des arabischen Feminismus. Rechtlich und politisch haben die Frauen seitdem einiges erreicht, aber an den Frauen in ländlichen Gebieten sind ihre Erfolge fast vollständig vorbeigegangen. Zu ihren Errungenschaften gehört eine Liberalisierung der Scheidung und eine Frauenquote im nationalen Parlament. Ein Gesetz aus dem Jahr 2000 hat Frauen die Scheidung erleichtert, ohne den Rahmen des islamischen Rechts zu sprengen.

Damals sorgte die Diktatorengattin Suzanne Mubarak dafür, dass die Liberalisierung gegen die Stimmen konservativer Widersacher im Parlament durchgepeitscht wurde. Eine Frauenquote im Parlament behielt 20 Prozent der Sitze für weibliche Abgeordnete vor. Allerdings waren die Quotenfrauen allesamt Vertreterinnen von Mubaraks Einheitspartei NDP und das Parlament nicht frei gewählt. 2008 wurde die weibliche Genitalverstümmelung nach dem Tod zweier Mädchen gesetzlich verboten, in dem Jahr waren laut der ägyptischen Bevölkerungs- und Gesundheitsstatisik 91 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren an ihren Genitalien verstümmelt, auch wenn die Zahl bei den jüngeren Frauen leicht zurück gegangen ist.

Politisch haben Frauen seit dem Rücktritt Mubaraks an Einfluss verloren. Die Quotenregelung für weibliche Abgeordnete wurde 2011 vom Militärrat abgeschafft. Im neuen, im Juli 2012 aufgelösten Parlament waren nur noch zwölf Frauen, vier von ihnen für die Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“ der Muslimbrüder, statt wie zuvor 64 weibliche Abgeordnete vertreten. Nach einer neuen Regelung ist jede Partei nur noch verpflichtet, eine Frau auf ihrer Kandidatenliste aufzuführen.

Vor der Revolution wurde die Erfahrung von Gewalt totgeschwiegen. Jetzt brechen immer mehr Frauen ihr Schweigen

Für Hoda Badran, Vorsitzende der Egyptian Feminist Union und Grande Dame der ägyptischen Frauenbewegung, überwiegt deshalb zwei Jahre nach der Revolution die Sorge vor Rückschritten bei den Frauenrechten. Badran sieht Frauen zerrieben zwischen zwei frauenfeindlichen Ideologien, dem Männlichkeitskult der Militärs und dem religiösen Fundamentalismus der Islamisten. „Frauen haben keinen Platz in den Institutionen der Transformation“, kritisiert sie. Ein Zweckbündnis mit den weiblichen Abgeordneten der Partei „Gerechtigkeit und Freiheit“ hält sie für sinnlos. „Es gibt Sklavinnen, die nicht befreit werden wollen“, lautet ihr hartes Urteil über die Ikhwanias, die Frauen bei den Muslimbrüdern.

Doch die Realität ist komplizierter als das Klischee von den fortschrittlichen Säkularen und den rückwärts gewandten Religiösen. Die Befürchtungen einer Hoda Badran spiegeln auch die Arroganz der alten liberalen Elite, die auf ihre ungebildeten Landsleute herabschaut. „Hoda Badran repräsentiert nicht die Mehrheit der ägyptischen Frauen, weil sie aus der Oberschicht stammt“, hält die Schriftstellerin Salwa Bakr dagegen, die aus einfachen Kairoer Verhältnissen kommt. Für sie sind nicht nur die Muslimbrüder, sondern vor allem die zutiefst frauenfeindliche Kultur des Landes das Hauptproblem. Andere Liberale gestehen auch den Frauen aus dem islamischen Spektrum zu, dass sie für weibliche Anliegen eintreten werden. So wie die junge Psychiaterin und Aktivistin Basma Abdel Asis, die durch ihre Arbeit für das Gesundheitsministerium einen guten Einblick in die Alltagsprobleme von Frauen hat. „Alle Frauen sprechen über ihre Rechte, egal ob religiös oder nicht religiös“, sagt sie. „Es gab sogar Demonstrationen von Frauen in der schwarzen Vollverschleierung, dem Niqab, für mehr Frauen in der Verfassungskommission.“

Basma Abdel Asis und viele Aktivistinnen der jüngeren Generation setzen auf den gesellschaftlichen Wandel. Der macht sich zum Beispiel beim Thema sexuelle Belästigung bemerkbar. Nach einer Umfrage des ägyptischen Zentrums für Frauenrechte haben 83 Prozent der Ägypterinnen Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Das Thema ist allgegenwärtig, aber die gesellschaftliche Wahrnehmung hat sich gewandelt. Vor der Revolution wurde das Problem totgeschwiegen. Falls doch einmal ein Opfer zur Polizei ging, gaben Polizisten und Gerichte der Frau selbst die Schuld. Jetzt brechen immer mehr Frauen  ihr Schweigen. Basma Abdel Asis kennt solche Fälle durch ihr Engagement beim Nadeem Center, das Opfern von Gewalt hilft, ihr Recht zu erstreiten – etwa einer Frau, die ihren Peiniger vor ein Kairoer Gericht brachte. Im November 2012 wurde der 42-jährige Mann schuldig gesprochen und zu zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe von 2000 ägyptischen Pfund (223 Euro) verurteilt. Solche Erfolge machen Mut. „Frauen kämpfen heute mehr für ihre Rechte, und deshalb hat sich ihre Lage verbessert“, meint Salwa Bakr. „Sie fangen an, ihre Schuldgefühle und ihre Scham zu überwinden und klagen die andere Seite an. Das ist eine gewaltige Veränderung.“

Die Revolution hat einen Umbruch in der ägyptischen Gesellschaft angestoßen. Die soziale Realität ägyptischer Frauen entspricht längst nicht mehr dem konservativen Familienbild, das  Muslimbrüder und große Teile der Gesellschaft pflegen. Bis zu 30 Prozent der Haushalte werden von Frauen geführt.  Frauen aus allen Bereichen der Gesellschaft fordern mehr Rechte. Koptische Frauen kämpfen für die Einführung einer Zivilehe und dem damit verbundenen Recht auf Scheidung, das ihre Kirche bisher nicht kennt. Islamisch orientierte Feministinnen wie Heba Raouf, Professorin an der Amerikanischen Universität in Kairo, streiten gegen die rigide Koran-Auslegung der Salafisten. Netzaktivistinnen beteiligen sich an der Facebook-Initiative „Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt“, deren Logo als Grafitti auf Hauswänden in Kairo auftaucht. Schon einen Monat nach dem Start hatte die Seite bereits 60.000 Fans, darunter viele Männer. Der Aufstand der Frauen gegen konservative Rollenbilder und Bevormundung durch eine männlich geprägte Gesellschaft wird weiter gehen. 

erschienen in Ausgabe 2 / 2013: Ägypten: Aufruhr und Aufbruch

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