Willkommen im Anthropozän

Für jedes Problem gibt es Fachleute. Die erklären uns etwa, dass man den Finanz- und Staatsschuldenkrisen mit Wirtschaftswachstum beikommt, der Erschöpfung von Öl- und Gasfeldern mit Investitionen in neue Lager und dem Klimaproblem mit der effizientesten Technik. Diese Versprechen glaubt Hans-Joachim Spangenberg nicht, lobt "welt-sichten"-Chefredakteur Bernd Ludermann. Denn Spangenberg blickt auf das Gesamtbild, und das zeigt: Unsere Wirtschaftsweise missachtet entscheidende Grenzen für die Tragfähigkeit des Planeten. Ein Umbruch hin zu einer Wirtschaft mit geringem Energie- und Rohstoffkonsum steht bevor, ob wir das wollen oder nicht.

Wir leben in einer singulären Epoche, einer einmaligen Periode in der Historie der Menschheitsentwicklung: Noch nie sind so viele Dinge gleichzeitig so schief gegangen. Seit 10.000 Jahren befindet sich die Erde im Holozän, einer Periode mit erdgeschichtlich ungewöhnlich stabilem Klima. Vor ebenfalls 10.000 Jahren gab es die ersten Agrargesellschaften - kaum ein Zufall. Jetzt sind wir dabei, in eine neue Periode einzutreten, das Anthropozän, eine Zeit vom Menschen verursachter hoher Instabilität. Wenn wir die Folgen begrenzen und die Anpassung an ein Leben im verfügbaren Umweltraum schaffen wollen, muss der Übergang von der Industriegesellschaft in eine nachhaltige, dematerialisierte Solarwirtschaft gelingen.

Wir haben gerade die schwersten Symptome einer Weltwirtschaftskrise überwunden, nicht aber ihre Ursachen. Sie wurde ausgelöst von einer Krise der Finanzmärkte, und die resultierende Verschuldungskrise wird durch eine Verschärfung der sozialen Krise zu lösen versucht. Bis zu einem Drittel der deutschen Bevölkerung ist objektiv oder subjektiv von Prekarisierung betroffen. In der europäischen Peripherie wird den Staaten, die von den Spekulanten der internationalen Finanzmärkte nur zu horrenden Zinsen mit Geld versorgt werden, ein Sozialabbau-Programm nach dem nächsten auferlegt, und die deutsche Regierung zahlt, um die eigenen Banken zu retten, die an der Verschuldung gut verdient haben. Nur die neuen Industriestaaten des Südens haben sich von der Krise schnell erholt, aber sie sind mehr noch als die Dienstleistungsökonomien des Nordens von den kommenden Krisen betroffen. Nur die obersten Einkommensgruppen haben entweder an der Krise verdient oder zumindest ihre Verluste wieder kompensieren können: ein fragiler Reichtum für eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung.

Autor

Joachim H. Spangenberg

ist Diplom-Biologe, Ökologe und promovierter Volkswirt. Er ist hauptamtlich Mitarbeiter des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung und ehrenamtlich Sprecher des BUND-Arbeitskreises Wirtschafts- und Finanzpolitik.
Dass die Krise der US-Immobilienmärkte zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise führen konnte, liegt insbesondere an der doppelten globalen ökonomischen Integration. Vertikale Verflechtungen machen den Kleinbauern in Burkina Faso von den Gemüsepreisen auf den Pariser Großmärkten abhängig, aber auch die Verkäufe von Toyota Europa von Kleinunternehmen in Japan, die, von Erdbeben und Tsunami zerstört, ihre Produktion einstellen mussten. Erschütterungen der Produktionsstrukturen irgendwo auf der Welt pflanzen sich im Zeitalter des „global sourcing" in kürzester Zeit von unten nach oben wie von oben nach unten fort. Hinzu kommt die horizontale Verflechtung: Die Landwirtschaft braucht Chemie und Fahrzeugbau, der Fahrzeugbau die Chemie, alle brauchen Energie. Sie alle beziehen zunehmend Rohstoffe aus der Landwirtschaft, die in Preis- und Flächenkonkurrenz zur Nahrungserzeugung stehen. Agrartreibstoffe wie Äthanol als Benzin- und Pflanzenöle als Dieselersatz können Erdöl weder mengenmäßig ersetzen, noch sind sie umweltverträglich: Sie dürften die Klimabilanz in vielen Fällen eher verschlechtern

Den Schaden haben die Armen des Südens, die auf internationalen Märkten mit europäischen und US-amerikanischen Limousinen um den Zugriff auf (potenzielle) Lebensmittel konkurrieren - und da entscheidet die Kaufkraft zugunsten der Automobile. Die Gesamtmenge der 2010 als Treibstoff verbrannten Agrarprodukte hätte ausgereicht, um 400 bis 450 Millionen Menschen zu ernähren. So machen die steigenden Nahrungsmittelpreise binnen Wochen die Errungenschaften von 20 Jahren Entwicklung zunichte; die Zahl der Unterernährten ist seit der Explosion der Nahrungsmittelpreise 2008 dramatisch gestiegen und liegt wieder deutlich über einer Milliarde Menschen.

Im April 2011 erreichten die Nahrungsmittelpreise ein nie, auch 2008 noch nicht dagewesenes Hoch, angetrieben von schlechten Ernten, der Umwandlung von Nahrungsmitteln in Benzinersatz und besonders der Spekulation. Diese hat sich auf Rohstoffe verlagert, seit mit Immobilien kein Geld mehr zu machen ist. Die wachsende Dynamik der Weltwirtschaft erhöht die reale, aber auch die erwartete künftige Nachfrage nach Rohstoffen insgesamt, besonders nach Erdöl. Das ruft die Spekulanten mit ihren Wetten auf steigende Rohstoffpreise auf den Plan und beschleunigt den Preisschub zusätzlich. Bis zu einem Drittel des Preisniveaus kann spekulationsbedingt sein.

Nicht zu trennen von den ökonomischen und sozialen Krisen sind die ökologischen. Angesichts der Löcher in den öffentlichen Kassen sind sämtliche Zusagen zur Erhöhung der Entwicklungshilfe einschließlich der Anpassungshilfen für den Klimawandel längst zur Makulatur erklärt worden und für die Umsetzung der 2010 in Nagoya getroffenen Vereinbarungen zum Schutz der Biodiversität fehlt das Geld. Die Europäische Union hofft hier auf Mittel aus dem Privatsektor. Ökologische Grenzüberschreitungen sind eine Folge, aber auch mit Ursache der ökonomischen Krise, und sie machen die bevorzugte Lösung, aus der Krise hinauszuwachsen, unmöglich.

„Mit einer wachsenden Wirtschaft scheinen viele der drängenden Probleme der Menschheit lösbar. Die Wirtschaft könnte aus den immensen Schulden, die die Staaten zur Rettung der Finanzvermögen derzeit machen, herauswachsen. Auf expandierenden Märkten können mehr Waren abgesetzt und zu deren Produktion neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Kampf gegen Armut und Hunger wäre vielleicht doch noch erfolgreich und die Millenniums-Entwicklungsziele der UNO aus dem Jahr 2000 wären vielleicht zu erreichen", so skizziert der Politikwissenschaftler Elmar Altvater die Motive der Wachstumshoffnungen. Deshalb kommt das Wort „Wirtschaftswachstum" mehr als 40 Mal im Koalitionsvertrag der gegenwärtigen CDU/CSU/FDP-Bundesregierung vor - im Gegensatz zum „Umweltschutz", der nur dreimal vorkommt.

Die Wachstumswirtschaft darf nicht fortgesetzt werden

Dabei stehen die Befürworter derartiger Lösungen weltweit vor einem Dilemma, denn Wachstum funktioniert nicht auf Dauer. Die Wachstumsraten in den Industriestaaten sinken von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, und doch wächst die Wirtschaft immer schneller. Die Erklärung dieses scheinbaren Widerspruchs ist, dass bei größerer Basis ein geringeres prozentuales Wachstum dennoch mehr Zuwachs darstellen kann. So bedeutete das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik (ohne Saarland und Westberlin) von 14,1 Prozent im Jahr 1955 bei einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 91,9 Milliarden Euro einen absoluten Zuwachs von 11,5 Milliarden Euro, während 50 Jahre später das geringe Wachstum von 1,5 Prozent bei einem BIP von 2243,2 Milliarden Euro für Gesamtdeutschland einen fast doppelt so hohen Zuwachs von 22,3 Milliarden Euro darstellt (alles in Preisen von 1991).

Verglichen mit der „Goldenen 50ern" wächst die Wirtschaft in absoluten Zahlen also mehr, nicht weniger, nur die Wachstumsraten sind gesunken. Für die Umwelt zählt aber die Belastung in absoluten Zahlen: Der Natur ist es gleichgültig, wie viel Reichtum bei ihrer Zerstörung geschaffen wurde. Eine Strategie des „grünen Wachstums" mit Wachstumsraten von zum Beispiel 3 Prozent pro Jahr (auf solche Zuwachsraten sind unsere Sozialsysteme strukturell ausgelegt) würde also in absoluten Zahlen fünfmal so viel Wirtschaftswachstum ausmachen wie 1950. Zwar sind Ressourcenverbrauch und Emissionen je Euro Bruttoinlandsprodukt seitdem deutlich gesunken, dennoch wäre es bei solchen Wachstumsraten kaum möglich, die Tragfähigkeit der Umwelt nicht zu überlasten.

Johan Rockström und seine Mitautorinnen und -autoren haben 2009 eine erste Abschätzung vorgelegt, wo diese Grenzen liegen könnten. Demnach gibt es zehn essenzielle Schwellen, die nicht überschritten werden dürfen, wenn nicht die Umwelt als Ganze destabilisiert werden soll. Beim Verlust an biologischer Vielfalt gibt es bereits massive Grenzüberschreitungen, starke bei der globalen Stickstoffbelastung und spürbare in Bezug auf die Klimaänderung. Kurz vor der Grenze befinden wir uns bezüglich der Phosphorbelastung und der Versauerung der Ozeane. Ozonabbau, Süßwasserverbrauch und Landnutzung sind noch nicht so kritisch, aber die Trends weisen in Richtung „nicht nachhaltig". Für die chemische Verschmutzung und die Belastung der Atmosphäre mit Aerosolen konnten die Schwellen noch nicht quantifiziert werden.

Die schlechte Nachricht ist: Die Wachstumswirtschaft darf nicht fortgesetzt werden, weil sonst die ökologischen Großsysteme (Klima, Monsun, Ozeane und andere) vom Kollaps bedroht sind. Das Resultat wäre der Übergang des ökologischen Gesamtsystems der Erde in einen Zustand, der mit dem, in dem sich die Menschen entwickelt haben, wenig gemein hat, also nicht sehr menschenfreundlich ist. Die gute Nachricht ist dagegen: Die Wachstumswirtschaft kann auch gar nicht fortgesetzt werden, weil sie lange vor Erreichen der schlimmstmöglichen Systemveränderung (aber immer noch bei einem historisch einmaligen Schadensniveau) wegen Ressourcenmangels kollabieren würde. Ökologische Vorsorge ist deshalb auch sozial und wirtschaftlich positiv.

Die Maximalförderung von Öl (Peak Oil) ist wahrscheinlich schon überschritten, so dass das Produktionsniveau nur noch mit massiven Investitionen für eine begrenzte Zeit aufrecht erhalten werden kann. Gas dürfte - gerade wenn seine Nutzung als Übergangsenergie deutlich ausgebaut wird - spätestens Mitte des Jahrhunderts das Fördermaximum überschreiten. Kohle wird nicht, wie oft angegeben, für Jahrhunderte reichen: Wenn sie wie bei der Kohleverflüssigung wie schon in den USA und China als Treibstoffersatz genutzt wird, und falls zudem die CO2-Abscheidung und Speicherung funktionieren sollte (das verbraucht Energie und steigert so den Steinkohle-Einsatz je Megawattstunde um bis zu 40 Prozent) und der Kohleeinsatz deshalb nicht mehr aus Klimaschutzgründen begrenzt wird, dann reicht sie nicht viel länger als bis zum Ende dieses Jahrhunderts.

Es geht um eine High-Tech-Solargesellschaft

Zusätzlich werden die Förderhöhepunkte für verschiedene Metalle bei weiter exponentiell steigendem Verbrauch nach Berechnungen von Valero zwischen 2024 und 2068 überschritten, bei einer hypothetischen Verdoppelung der Reserven durch Neufunde zwischen 2056 und 2111. Phosphat und Wasser werden knapp, was beides zusätzlich zu Klimawandel und Bodenverlust die Ernteerträge bedroht (Peak Everything). Wir müssen also in absehbarer Zeit mit den Folgen von Peak Oil und im Laufe des Jahrhunderts mit Peak Everything rechnen und sind damit in punkto Ressourcen auf dem Wege von einer Überfluss- zu einer Mangelgesellschaft. Eine Umstellung auf biogene, nachwachsende Ressourcen ist schon rein von der Menge her nicht möglich, aber auch weil wir zunehmend mehr Biodiversität vernichten und damit die Reproduktion überlebenswichtiger Dienstleistungen der Ökosysteme wie Wasserreinigung, Bodenfruchtbarkeit und Kohlenstoffspeicherung unterminieren. Wir sind dabei, den wichtigsten Puffer gegen den fortschreitenden Klimawandel gerade dann zu eliminieren, wenn wir ihn am notwendigsten brauchen, um Zeit für die seit 30 Jahren verschleppten Maßnahmen zum Klimaschutz zu gewinnen.

Als Lösung zur Überwindung der Knappheiten werden uns steigende Öko-Effizienz und vermehrtes Recycling im Rahmen eines „grünen Wachstums" angeboten. (Markt-)Wirtschaft ist per definitionem der Umgang mit und das Management von Knappheiten - aber mit relativen Knappheiten, nicht mit absoluten. Dann steigt bei Knappheit der Preis, und zu dem höheren Preis sind die nachgefragten Güter wieder verfügbar. Peak Everything bedeutet aber nicht relative, sondern absolute Knappheit, also Mangel: Zu welchem Preis auch immer, das Angebot reicht nicht, um die Nachfrage zu befriedigen. Damit ist ein Marktsystem überfordert und politische Gestaltung unverzichtbar.

Diese muss darauf zielen, Schock und Kollaps zu vermeiden indem Knappheit graduell erzeugt wird, schon bevor der Markt den kommenden Mangel wahrnimmt. Dies kann geschehen, indem auf nationaler oder regionaler Ebene (EU) die Ressourcenpreise kontinuierlich erhöht und vervielfacht werden, oder indem Obergrenzen für die Ressourcenverfügbarkeit festgelegt werden (analog den Emissionsobergrenzen für CO2). International würde eine politische Gestaltung der Märkte, die den strukturellen Nachteil der Rohstoffverkäufer ausgleicht und so den „ungleichen Tausch" oder „unfairen Handel" eliminiert, zusammen mit einer Zähmung des vagabundierenden Kapitals (Spekulation) die richtigen Signale setzen. Ein positiver Nebeneffekt wäre die relative Verbilligung der Arbeit gegenüber den Ressourcen. Menschliche Arbeit würde leichter bezahlbar, Dienstleistungen könnten ausgebaut und verbessert werden, Wartung und Reparatur würden gegenüber der Neuproduktionen gefördert.

Ökosteuern, handelbare Zertifikate, Emissionsobergrenzen, Effizienzrevolution, Kreislaufgesellschaft: Wird das Resultat eine intelligentere, aber sonst der Gegenwart in den USA oder Schweden ähnliche Lebensweise sein oder sind das Stichworte für eine radikale Umkehr? Angesichts drohender Schwellen und drohendem Mangel ist die Herausforderung, Ressourcen nicht schneller zu verbrauchen, als sie erneuert oder ersetzt werden können, und die Energie ausschließlich aus Sonne (einschließlich Wind und Biomasse), Schwerkraft (Wasserkraft, Gezeiten) und Erdwärme zu beziehen - und das ohne materialaufwändige und wartungsintensive Infrastrukturen. Ein intelligentes Stromnetz (smart grid) ist erst dann wirklich intelligent, wenn es mit einem Minimum an Ressourcen für seine Instandhaltung auskommt, ein modernes Zugnetz erst dann modern, wenn sein Betrieb mit einem Minimum an Material und Energie gewährleistet werden kann.

Es geht um eine High-Tech-Solargesellschaft (da verbieten sich rückprojizierte Idealisierungen der bäuerlichen Lebensweise wie die Stilisierung der Pachamama, der janusköpfigen Göttin von Fruchtbarkeit und Zerstörung, zum Idealbild der Harmonie mit der Natur), aber auf einem Verbrauchsniveau, das Jägern und Sammlern näher ist als historischen Agrargesellschaften. Das ergibt sich direkt aus dem Ziel, 80 bis 90 Prozent an Energie und Material einzusparen (Faktor 5 bis Faktor 10): In Jäger- und Sammlergesellschaften liegt der Energieverbrauch bei 10 bis 20 Gigajoule, der Materialverbrauch bei 1 Tonne pro Kopf und Jahr. In Agrargesellschaften beträgt der Verbrauch etwa 65 Gigajoule und 4 Tonnen, in einer typischen Industriegesellschaft (Österreich 1990) 223 Gigajoule und 22 Tonnen. Nachhaltig wären heute etwa 25 Gigajoule Energie und 2 Tonnen Rohstoffe pro Kopf und Jahr.

Der Konsumwandel wird global und radikal sein müssen

Soll also das Konsumniveau nicht sinken, so muss binnen 40 Jahren aus einem Zehntel der Ressourcen dieselbe Wertschöpfung erzeugt werden wie heute aus dem Ganzen. Eine solche Steigerung trifft aber auf physikalische, technische und wirtschaftliche Grenzen (letztere zuerst). So gibt es zum Beispiel aufgrund physikalischer Gesetze keine Energieumwandlung ohne Verluste. In der technischen Praxis sind die Verluste höher, und die besten Technologien sind oft auch die teuersten, so dass sich die effizienteste mögliche Technik häufig nicht finanzieren lässt.

Auf der globalen Ebene und auf der Ebene von Volkswirtschaften ist die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch gang und gäbe, 1 bis 2 Prozent jährliche Zunahme an Ressourcenproduktivität ist „normal". Das bedeutet in 40 Jahren aber nur eine Verdoppelung, einen Faktor 2 statt des notwendigen Faktors 5 bis 10. Wenn es so weitergeht wie bisher, geht es nicht weiter. Ist die Kreislaufwirtschaft eine Lösung? Mit einem Wort: nein, denn nur relativ wenige Stoffe lassen sich im Kreis führen. Verbrannte Energieträger (20 Prozent Masseanteil), Biomasse (30 Prozent) einschließlich verzehrter Speisen und ausgebrachter Dünger können nicht rezykliert werden. Zurückgewinnen kann man Metalle (5 Prozent) und mineralische Baustoffe (40 Prozent), aber solange unsere Infrastrukturen weiter wachsen, kann aus dem Recyclingmaterial der Neubedarf nicht gedeckt werden.

Welche Stellschrauben bleiben noch? Bevölkerungspolitik ist global ein untaugliches Mittel, denn zum einen wirkt sie erst binnen einer Generation, zum anderen leben vier Fünftel der nach der mittleren UN-Prognose für 2045 erwarteten maximalen Weltbevölkerung bereits heute. Die „Bevölkerungsexplosion" (das exponentielle Wachstum) findet nicht statt, auch wenn es lokal erhebliche Probleme geben kann. Ursache der globalen Probleme ist vielmehr die „Wirtschaftsexplosion", das fortgesetzte exponentielle Wachstum der Wirtschaft und des mit wachsendem Wohlstand steigenden Konsums pro Kopf. Der Konsumwandel wird global und radikal sein müssen, insbesondere bei der globalen Konsumentenklasse und hier in den Bereichen Transportaufwand und Ernährung. Ein Beispiel: Die Landwirtschaft erzeugt in Deutschland rund 13 Prozent der CO2-Emissionen, ebenso viel wie der Straßenverkehr. Das könnte durch ökologischen Landbau um rund die Hälfte reduziert werden. Dann würden aber die Flächen in Deutschland nicht mehr ausreichen (die Getreideproduktion sänke um rund ein Fünftel). Will man netto keine Agrarflächen außerhalb Deutschlands in Anspruch nehmen, so gibt es nur einen Weg: den Verbrauch tierischer Produkte (Fleisch, Milch, Butter, Wurst, Käse) um über zwei Drittel senken. Das hätte eine Reduktion der CO2-Emissionen um rund 70 Prozent zur Folge, plus geringere Emissionen anderer Treibhausgase (Methan, Lachgas). Es würde zudem unsere ungesunde Ernährungsweise verbessern und so die Gesundheitskosten senken.

Fazit: Zwei Drittel der Menschen befinden sich derzeit in einem rasanten Übergang von der agrarischen Subsistenzwirtschaft in die Industriegesellschaft. Viele globale Nachhaltigkeitsprobleme hängen unmittelbar damit zusammen. Die Umstellung auf eine hochtechnische Solarwirtschaft wird unsere Lebens- und Denkweisen ebenso drastisch verändern wie die erste, die neolithische Revolution (Übergang von Jagen und Sammeln zum Ackerbau) und die zweite, die industrielle Revolution samt Aufklärung.

erschienen in Ausgabe 6 / 2011: Wir konsumieren uns zu Tode

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