Die verkaufte Opiumbraut

Viele Mohnbauern und Drogenhändler in Afghanistan verschulden sich und verhökern unter dem Druck der Gläubiger ihre Töchter. Die Mädchen werden gegen ihren Willen mit doppelt oder dreimal so alten Männern verheiratet. Wenn sie sich weigern, ihren Ehemännern zu folgen, bringt das nicht nur ihr Leben, sondern die gesamte Familie in Gefahr.

Touraj lebt im wasserarmen Westen Afghanistans nahe der Grenze zum Iran in dem staubbedeckten Dorf Ghurian. Bis Ende der 1990er Jahre verdiente er seinen Lebensunterhalt als Schafhirte. Dann setzte eine Dürre dieser Tätigkeit ein Ende und er stieg in das lukrative Drogengeschäft ein. Seine Hauptaufgabe war es, Kuriere für den Transport über die Grenze anzuheuern. Anfangs lohnte sich das Risiko – er konnte ein zweistöckiges Haus bauen und Goldschmuck für seine Frau kaufen. Sich selbst genehmigte er ein Motorrad und eine teure Armbanduhr. Da er im Geld zu schwimmen meinte, leistete er sich sogar ein Mädchen aus der Stadt als Zweitfrau.

Doch nach einigen verlustreichen Geschäften häufte Touraj in den vergangenen Jahren bei Schmugglern aus der Provinz Helmand um die 10.000 US-Dollar (rund 7600 Euro) Schulden an und landete im Gefängnis. Um sich freizukaufen und den Rest seiner Familie zusammenzuhalten, verkaufte er zwei seiner Töchter. Die zwölfjährige Darya und ihre vierzehnjährige Schwester Saboora wurden an Opiumhändler verhökert. Die Eheschließung wurde ohne ihr Einverständnis in Helmand vereinbart: Touraj und die Schmuggler vollzogen die islamische „Nikah“-Zeremonie, mit der eine Heirat bekanntgegeben wird.

Allerdings blieb Saboora von dem ihr zugedachten Schicksal verschont: Ihr Ehemann erschien nicht, um sie abzuholen. Wahrscheinlich wurde er unterwegs umgebracht. So blieb sie bei ihrer Familie. Daryas Ehemann Haji Tor dagegen wollte seine Braut mitnehmen. Er war 34 Jahre älter als sie und hatte bereits eine Frau und acht Kinder. Er sprach Paschtunisch, sie aber nur Dari, das afghanische Persisch. Zwei Jahre lang weigerte sie sich, mit ihm zu gehen. Er war nachgiebig genug, sie bei ihrer Familie zu lassen. Aber er tauchte regelmäßig auf und wollte sie dazu bringen, ihm nach Helmand zu folgen.

Die Drogenhändler sind für ihre rabiaten Methoden berüchtigt

Die Zahl solcher Fälle hat in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Es wurde üblich, zur Begleichung von Opiumschulden Töchter zu verkaufen. Bauern, Zwischenhändler, Drogenkuriere und manchmal sogar die Drogenbosse selbst überlassen ihre Töchter Händlern und Schmugglern in überlegenen Positionen. Die Frauen sind Tausende Dollar wert, und das bedeutet viel in einem Land, wo ein Beamter durchschnittlich 70 US-Dollar (54 Euro) im Monat verdient. Manche Mädchen werden verkauft, noch ehe sie die Pubertät erreicht haben – oft an Männer, die 30 oder 40 Jahre älter sind. Je jünger die Ehefrau, desto höher steigt das Ansehen des Mannes, denn sie dient als Beweis für seinen Reichtum und seine Manneskraft.

Wenn ein Mädchen sich weigert, dem Ehemann zu folgen, gerät unter Umständen die ganze Familie in Gefahr. Die Drogenhändler sind für die Mittel berüchtigt, mit denen sie ihre Ansprüche durchsetzen: Sie entführen die Mädchen, zünden Häuser an oder töten die Familie, um sich zu rächen. Das Geschäft mit den Opiumbräuten gibt es in Afghanistan schon lange. Doch seit der Opiumhandel mehr als die Hälfte der Wirtschaftstätigkeit des Landes ausmacht, sind jedes Jahr tausende Mädchen zusätzlich in Gefahr. Zuverlässige Statistiken gibt es kaum, aber offensichtlich sind die Mädchen aus grenznahen Dörfern dem größten Risiko ausgesetzt. In einem Dorf in Kandahar zeigte man mir eine Häusergruppe, in der zu jeder Familie Zweit- und Drittfrauen gehören, die als Opiumbräute gekauft wurden. Die Drogenindustrie bietet in diesen Regionen praktisch die einzige Verdienstmöglichkeit, und manche Familien haben sogar die Rosenbeete in ihren Innenhöfen umgegraben, um ihr Einkommen mit dem Anbau von Mohn aufzubessern.

Autorin

Fariba Nawa

ist die Autorin des 2011 erschienen Buches „Opium Nation. Child Brides, Drug Lords and One Woman’s Journey Through Afghanistan“.

Darya lernte ich 2003 bei der Recherche für mein Buch kennen. Ich informierte die „Afghanistan Independent Human Rights Commission“ über ihre Situation, doch die Organisation erklärte, sie könne für ein einzelnes Mädchen nichts tun. Ein Jahr nach meinem Besuch wurde Darya von ihrer Familie dazu gedrängt, ihrem Ehemann zu folgen. Doch schon wenige Monate später bat die Mutter mich, in Helmand nach ihrer Tochter zu suchen. Darya hatte mit Selbstverbrennung gedroht.

Die Situation wird verständlicher, wenn man sich den Drogenhandel in Afghanistan anschaut. Zwei Drittel des Rohopiums wird durch Aufkochen mit Wasser und diversen Chemikalien zu Heroin verarbeitet. Vor 2001 geschah dies überwiegend in Pakistan, in der Türkei und einigen Golfstaaten. Im Jahr 2000 untersagten die Taliban den Mohnanbau, denn so verbesserten sie ihr Image im Ausland und die Preise stiegen. Die Verarbeitung und den Handel förderten sie aber weiter.

Die pakistanische Regierung hob Labore in den Grenzregionen aus, und die Heroinkocher wanderten über die Bergpässe nach Afghanistan ab. Heroin bringt zehn Mal höhere Gewinne als Opium. Die Chemikalien sind leicht zu beschaffen und die Rebellen brauchen den Drogenhandel, um ihren Bürgerkrieg zu finanzieren. Kleinere Mengen Heroin mit geringem Reinheitsgrad lassen sich auch in einer normalen Küche herstellen, doch das hochkonzentrierte, als „China White“ gehandelte Heroin kommt aus modernen, in Höhlen versteckten Industrielaboren in den Bergen.

Laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen-und Verbrechensbekämpfung werden in Afghanistan zwischen 380 und 400 Tonnen Heroin pro Jahr produziert und damit mehr, als weltweit nachgefragt wird. Die Drogenfahnder bekommen häufig Informationen darüber, wo Heroin hergestellt wird, doch wenn sie dort eintreffen, sind die Chemiker und ihre Gehilfen meist über alle Berge. In der afghanischen Regierung wimmelt es von Doppelagenten: Sie informieren zuerst die Drogenkocher und anschließend die Drogenfahnder, und die heben dann Labore aus, in denen sich weder Menschen noch Drogen befinden.

Mit der Herstellung von Opium und Heroin werden weltweit 65 Milliarden US-Dollar (knapp 50 Milliarden Euro) pro Jahr verdient. Davon gehen etwa vier Milliarden Dollar (drei Milliarden Euro) nach Afghanistan; der größte Teil fließt in die Taschen der Drogenbosse und der korrupten Beamten, von denen sie gedeckt werden. Die Bauern, für die es oft keine Alternative zum Mohnanbau gibt, bekommen nur 20 Prozent der Gewinne, und sie geraten leicht in eine Schuldenspirale: Nach einem antiquierten Kreditsystem namens „Salaam“leihen die einheimischen Schmuggler den Bauern den Mohn für die erste Aussaat. Wenn die Ernte gut ausfällt, können sie ihre Schuld begleichen und den Anbau fortsetzen. Doch wenn der Ertrag nicht ausreicht oder wenn die Opiumpreise sinken, können sie ihr Darlehen nicht zurückzahlen und verschulden sich noch weiter. Erst wenn sie für ihren Lebensunterhalt ausreichend produziert und ihre Schulden abgetragen haben, können sie den Mohnanbau aufgeben.

Mehr als die Hälfte des afghanischen Heroins wird durch den Iran transportiert, denn dies ist die kürzeste Strecke nach Europa. Auch die Zwischenhändler und Kuriere, die es über die Grenze bringen, verschulden sich häufig, wenn ihre Ware von den Drogenfahndern konfisziert wird oder wenn sie unterwegs in Feuergefechte geraten und ihre Rivalen ihnen die Ware abnehmen. Die Schmuggler konkurrieren unablässig um ihre Territorien und bekämpfen einander mit modernen Waffen und leistungsstarken Fahrzeugen. Häufig werden Drogen gegen Waffen getauscht, denn auf dem Schwarzmarkt akzeptieren die Drogenhändler ein Maschinengewehr als Entgelt für ein Kilo Heroin. Die Drogenindustrie ist ein risikoreicher Geschäftszweig, und viele unschuldige junge Mädchen (oder zuweilen auch Jungen) werden ihr zum Opfer gebracht.

Bei meiner Suche nach Darya stieß ich überall auf Spuren eines ausgedehnten Beziehungsgeflechts, das sich vom Westen bis in den Süden ausdehnt und in dem Drogen und Geld an die Töchter geknüpft sind. Die internationale Gemeinschaft hat Milliarden Dollar ausgegeben, um den Mohnanbau in Afghanistan zu stoppen. Es wurde versucht, die Felder zu zerstören, den Bauern alternative Verdienstmöglichkeiten zu bieten und Eliteeinheiten der Drogenpolizei auszubilden. Diese Bemühungen waren bis zu einem gewissen Grad erfolgreich: Gegenwärtig wird in weniger Provinzen Mohn angebaut als im Jahr 2007, als die Rekordmenge von 8000 Tonnen Opium produziert wurde.

14 Frauenhäuser in Afghanistan bieten Schutz

Doch eine dauerhafte Lösung ist nicht in Sicht. Wenn man die Felder der ärmeren Bauern zerstört, kurbelt man den Verkauf von noch mehr Töchtern an, denn der Verlust der Ernte bedeutet, dass die Väter Schulden anhäufen. Solange sie verschuldet sind, werden sie von den Drogenhändlern ständig unter Druck gesetzt. Doch selbst wenn sie durch den Verkauf der Töchter ihre Schulden tilgen können, bauen sie weiterhin Mohn an, weil es für sie keine gewinnbringendere Alternative gibt. Die meisten Kleinbauern teilen ihr Land in drei Teile auf: Auf einem pflanzen sie Mohn, auf dem zweiten Weizen für den Eigenbedarf, und den dritten lassen sie brach liegen, damit der Boden sich erholt.

Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis Afghanistan dauerhaft ohne den Opiumanbau auskommt. In der Zwischenzeit muss die internationale Gemeinschaft sich stärker für den Schutz der Mädchen engagieren. 14 Frauenhäuser bieten derzeit in Afghanistan misshandelten Mädchen und Frauen eine Zuflucht. Diese Zahl scheint gering, stellt aber doch einen Fortschritt dar. Die Adressen der Häuser werden geheim gehalten. So bieten sie den Mädchen die Möglichkeit, sich dem Zugriff der Drogenhändler zu entziehen, auch wenn ihre Familien dann immer noch gefährdet bleiben. Es wäre eine große Hilfe, wenn in solche Projekte noch mehr investiert würde.

Außerdem muss darauf gedrungen werden, dass die Provinzgouverneure und andere führende Persönlichkeiten für die Einhaltung der afghanischen Gesetze gegen erzwungene und verfrühte Eheschließungen sorgen. Auch eine verstärkte Aufklärung der Afghanen über die Menschenrechte ist wichtig. Und schließlich sollten die USA, Großbritannien und jedes andere Geberland Partnerschaften mit einheimischen Organisationen aufbauen, die den Verkauf von Mädchen bekämpfen und den Bauern helfen, ihre Schulden abzutragen.

Über Daryas Schicksal konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Dass Mädchen wie sie zu Zehntausenden verkauft werden, erfüllt nicht nur den Tatbestand der Kinder- und Zwangsheirat, sondern es bedeutet Menschenhandel und Sklaverei. Dieses Unrecht ist eine Schande für all diejenigen, die die Augen davor verschließen.

Aus dem Englischen von Anna Latz

Zusatzinformationen: 

Die Namen der Personen in diesem Beitrag wurden zu ihrem Schutz geändert. Der Artikel ist mit freundlicher Genehmigung leicht gekürzt übernommen aus Foreign Affairs vom 7. März 2012. Copyright (2012) Council on Foreign Relations, Inc; www.ForeignAffairs.com.

erschienen in Ausgabe 6 / 2012: Holz: Sägen am eigenen Ast

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