Nothilfe aus der Ölmonarchie: Pakistanische Soldaten ent­laden im August 2010 Hilfsgüter aus Saudi-
Arabien für Opfer der großen Flut in Pakistan.

Großzügige Geheimniskrämer

Die reichen Golfstaaten und viele private islamische Organisationen mischen kräftig mit in der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe. Sie haben Geld und Einfluss – und sie lassen sich nicht so gern in die Karten schauen.

Saudi-Arabien zeigte sich spendabel – wieder einmal. Die stolze Summe von 3,25 Milliarden US-Dollar sagte der reiche Golfstaat seinem krisengeplagten Nachbarland Jemen bei einer internationalen Geberkonferenz im Mai 2012 zu. Wofür genau, blieb jedoch im Dunkeln. Das Königreich werde sich mit der jemenitischen Regierung über Entwicklungsprojekte abstimmen, sagte Außenminister Prinz Saud al-Faisal unverbindlich. Westliche Entwicklungsexperten sind mit solch vagen Aussagen unzufrieden. Die Golfstaaten förderten am liebsten Infrastrukturprojekte, kritisierte ein Oxfam-Mitarbeiter gegenüber der Nachrichtenagentur „Irin“. Oft missachteten sie die humanitären Bedürfnisse, die gerade im Jemen viel dringender seien als der Bedarf an Straßen und Gebäuden.

Mit viel Geld und geringem Interesse an Koordination im internationalen, aber vom Westen geprägten System – so leisten die Mehrzahl der Golfstaaten und viele islamische nichtstaatliche Organisationen (NGOs) Entwicklungs- und humanitäre Hilfe. Über finanzielle Mittel verfügen sie reichlich. Der Zakat, die Pflichtspende, ist einer der fünf Pfeiler des Islam und damit fest in der Tradition verankert. Jeder Gläubige muss sie entrichten. In einigen Ländern wie Pakistan, Saudi-Arabien und dem Sudan ist die Sammlung des Zakat staatlich organisiert. In anderen erhalten NGOs das Geld. „Muslime sind sehr spendabel“, sagt der Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland, Tarek Abdelalem.

Das gegenseitige Misstrauen zwischen islamischen und westlichen Beteiligten hat ebenfalls Tradition, wie Abdel-Rahman Ghandour berichtet. Seit Beginn der 1990er Jahre engagierten sich muslimische Hilfsorganisationen verstärkt in armen Ländern – zunächst in islamischen. „Sie wollten Muslimen helfen, weil sie den Eindruck hatten, dass die vom Westen diskriminiert werden. Und gleichzeitig wollten sie den islamischen Glauben verteidigen und weiterverbreiten“, sagt Ghandour, der für eine internationale Entwicklungsorganisation arbeitet und sich seit zwanzig Jahren mit islamischer Wohltätigkeit befasst. Das könne als eine Form des Widerstands gegen christliche Hilfsorganisationen betrachtet werden, die sie als missionarisch wahrnahmen. Insbesondere gelte das für Saudi-Arabien, das eine besonders strenge Form des Islam, den Wahhabismus, befördert. Westliche Geber und Organisationen hätten zunächst nicht gewusst, wie sie damit umgehen sollten. „Sie waren völlig verwirrt von diesen neuen Akteuren.“

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Und die wurden sehr schnell groß. Saudi-Arabien etwa hat seine offizielle Entwicklungshilfe (ODA) zwischen 1999 und 2011 von 185 Millionen US-Dollar auf rund fünf Milliarden US-Dollar gesteigert, die Vereinigten Arabischen Emirate immerhin von 587 Millionen US-Dollar auf 737 Millionen. Saudi-Arabien ist damit der größte Geber außerhalb des Entwicklungsausschusses der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD-DAC). Die beiden Golfstaaten sowie das Emirat Kuwait melden seit Jahren ihre ODA-Zahlungen an den DAC, die Vereinigten Arabischen Emirate schlüsseln sie seit 2010 sogar genauso detailliert auf wie die DAC-Mitglieder. Der geringste Teil der Mittel fließt laut DAC-Statistik jedoch über multilaterale Hilfskanäle: Im Falle von Saudi-Arabien waren das 2011 etwa sechs Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Nothilfe. Das Büro für humanitäre Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UN-OCHA) bittet bei Krisen und Katastrophen mit gemeinsamen Spendenaufrufen (Consolidated Appeals), die Vorhaben unterschiedlicher Hilfsorganisationen zusammenfassen, um Unterstützung. Auf den Geberlisten tauchen die Golfstaaten auf – aber nur mit einem Bruchteil des Geldes, das sie einem Land in Not tatsächlich zur Verfügung stellen. Warum sie das UN-System etwa im Fall von Syrien umgehen, wurde Ende Januar bei einer Geberkonferenz für das Land deutlich. Vertreter kuwaitischer Hilfsorganisationen erklärten, sie und ihre lokalen Partner hätten einen besseren Zugang zu Notleidenden in den von Rebellen kontrollierten Gebieten – westliche Helfer wagen sich kaum dorthin. Außerdem wollten ihre Spender genau wissen, wem ihr Geld zugute komme.

Allerdings vergeben auch manche DAC-Geber humanitäre Hilfe gern bilateral. Abdel-Rahman Ghandour spricht deshalb lieber von „Entwicklungen“ als von „Fortschritten“ bei der Koordination. Die größte Aufgabe sei es, alle Geber, auch die islamischen Länder, an einen Tisch zu bekommen. Multilaterale Kanäle seien der beste Weg, um Hilfe transparent zu machen. „Hier sind diplomatische Anstrengungen nötig“, betont Ghandour. „Entwicklungen“ gibt es unbestritten, auf verschiedenen Ebenen. So lud das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) gemeinsam mit dem Weltkongress muslimischer Philanthropen im November 2012 in New York erstmals zu einem Workshop ein. Ziel war es, muslimische Hilfsorganisationen besser in den Einsatz für die Millenniums-Entwicklungsziele einzubinden, die bis 2015 erreicht werden sollen, und auch in die Diskussion, wie es danach weitergehen soll. Der DAC und die arabische Koordinationsgruppe, in der mehrere arabische Länder ihre Hilfe für arme Staaten untereinander abstimmen, hatten im Sommer 2011 eine engere Zusammenarbeit vereinbart.

Helena Fraser von UN-OCHA erklärt, die Koordination zwischen islamischen Gebern und dem humanitären Hilfesystem der Vereinten Nationen habe sich in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Das zeige sich vor allem im Jemen und in Somalia. 2012 sei im Internet das zweisprachige „Arab Humanitarian Portal“ eingerichtet worden, um den Informationsaustausch mit den Golfstaaten über die Reaktion auf humanitäre Krisen zu erleichtern. „Die digitale Plattform hat eine große Lücke geschlossen“, unterstreicht Fraser.

Vor allem in den USA macht sich schnell verdächtig, wer an eine islamische Organisation spendet

Schon 2004 hatten westliche und islamische NGOs das in Großbritannien ansässige „Humanitäre Forum“ gegründet, um ihr Engagement für Menschen in Not besser zu koordinieren und voneinander zu lernen. Regionale Foren bestehen in Indonesien, in Kuwait, im Sudan, im Süd-Sudan und im Jemen. Zu den Unterstützern zählen neben UN-OCHA auch Oxfam, das britische Entwicklungsministerium, die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, der katarische Rote Halbmond und die Hilfsorganisation Islamic Relief, die vielen Experten als Vorbild für gute Koordination gilt.

„Wir verstehen uns als Brückenbauer“, bestätigt der Geschäftsführer von Islamic Relief Deutschland, Tarek Abdelalem. Seine Organisation, 1984 im britischen Birmingham gegründet, sei „im Westen aufgewachsen“. Sie verstehe die westliche Welt ebenso wie die islamische Kultur in vielen Projektländern und könne deshalb vermitteln. Die westliche Hilfe orientiere sich an sehr hohen Standards, scheitere jedoch manchmal daran, dass sie die gesellschaftlichen Umstände zu wenig berücksichtige. Im Verband deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) und als Gastmitglied des humanitären Bündnisses „Aktion Deutschland hilft“ engagiert sich Islamic Relief Deutschland für Austausch und Kooperation. 

Ein weiterer Grund für das Misstrauen der westlichen Welt gegenüber islamischen NGOs ist eine mögliche Vermischung von humanitären mit politischen Anliegen. Seinen Höhepunkt fand es nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 9. September 2001. Damals gerieten zahlreiche Organisationen unter den Verdacht, den islamischen Terrorismus zu fördern, und mussten zum Teil ihre Arbeit einstellen. Das hat sich inzwischen abgeschwächt, aber viele NGOs kämpfen noch immer darum, ihren Ruf wiederherzustellen. Vor allem in den USA macht sich schnell verdächtig, wer an eine islamische Organisation spendet.

Entwicklungsexperten kritisieren außerdem, die Hilfe, die muslimische Staaten und Organisationen leisten, sei wenig professionell. In einem Lager von Vertriebenen im Norden des Jemen etwa hatten die Vereinigten Arabischen Emirate laut einem Papier des Berliner Global Public Policy Institute (GPPi) Zelte zur Verfügung gestellt, die über Klimaanlagen verfügten, sauberes Wasser gab es jedoch nicht. Das Essen wurde an einer zentralen Stelle gekocht – schwierig für Frauen, die am Rande des Lagers untergebracht waren und sich in der Öffentlichkeit nicht so weit von ihrer Unterkunft wegbewegen durften. Lokalen islamischen NGOs wird oft vorgeworfen, sie hielten sich nicht an die internationalen Standards von Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe.

Tarek Abdelalem von Islamic Relief Deutschland hält das kritische Urteil für gerechtfertigt. Dahinter stehe jedoch kein Mangel an gutem Willen. Lokale Hilfsorganisationen müssten geschult werden, wie Projekte geplant und verwirklicht werden müssen, um Wirkung zu zeigen, fordert er. Das regionale „Humanitäre Forum“ im Jemen etwa hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit UN-OCHA mehrere Workshops veranstaltet, um Mitarbeiter lokaler und internationaler NGOs besser auf den Umgang mit den Folgen von Katastrophen vorzubereiten, bei der Gesundheitsversorgung und bei der Hilfe für Vertriebene. Solche Angebote würden „sehr gut aufgenommen“, meint Abdelalem.

Viele traditionelle Geber fahren aufgrund knapper Haushalte ihre Entwicklungshilfe zurück

Wenn die Hilfe professioneller werde, werde sie auch transparenter, ist Abdelalem überzeugt. Er widerspricht der Behauptung, der Islam fördere Geheimniskrämerei, weil Geber lieber anonym spendeten, als öffentlich mit ihren guten Taten zu werben. „Die islamische Kultur legt Wert auf Transparenz“, betont er. Je mehr sich westliche Gesellschaften für Muslime öffneten, desto eher seien diese auch zu Offenheit bereit. „Wir sind auf einem guten Weg“, erklärt Abdelalem.
Und wie steht es mit der praktischen Zusammenarbeit vor Ort? Abdel-Rahman Ghandour hat auch hier Misstrauen zwischen muslimischen und westlichen Helfern beobachtet, das er vor allem auf kulturelle und sprachliche Barrieren zurückführt. Diese Hindernisse seien jedoch leicht mit Hilfe persönlicher Kontakte und einer verstärkten Zusammenarbeit zu überwinden, meint Helena Fraser von UN-OCHA. Das sieht auch Roland Hansen so, der bei Malteser international für die Programme in Asien und Haiti zuständig ist. Die katholischen Malteser kooperierten seit 2000 etwa in der Türkei, in Pakistan und Syrien erfolgreich mit der türkischen NGO „International Blue Crescent“, sagt er. Die sei „extrem gut vernetzt“ und könne so in Konflikt- und Katastrophengebieten schnell den Bedarf an humanitärer Hilfe feststellen und sie auch organisieren. Mit Islamic Relief planen die Malteser für das kommende Frühjahr ein gemeinsames Projekt in Pakistan.

Es gehe längst nicht mehr darum, ob traditionelle und islamische Geber in humanitären Krisen und in der Entwicklungshilfe zusammenarbeiten wollen. Entscheidend sei, wie sie es tun, bilanzieren Andrea Binder und Claudia Maier in dem Ende 2011 veröffentlichten GPPi-Papier. Sie sehen einen dreifachen Gewinn für das internationale Hilfesystem und für die Menschen, die unter Krisen und Katastrophen leiden. So schwäche die Zusammenarbeit die Kritik, humanitäre Hilfe sei der Handlanger eines westlichen Imperialismus, die den Zugang in Ländern wie Afghanistan, Somalia oder Myanmar erschwert.

Ferner könnten die etablierten Geber von ihren „neuen“ Counterparts lernen, die Regierungen in Ländern, die von Katastrophen getroffen werden, ernster zu nehmen. Laut Evaluationen werden sie häufig übergangen und damit in ihrer Fähigkeit geschwächt, künftig besser auf Krisen zu reagieren. Und zu guter Letzt: das Geld. Viele traditionelle Geber fahren aufgrund knapper Haushalte ihre Entwicklungshilfe zurück und sind vom magischen 0,7-Prozent-Ziel weit entfernt, das bis 2015 erreicht werden soll. Die „neuen“ reichen Geber könnten, so die Hoffnung, einspringen, um die Lücke zu schließen. Wie Saudi-Arabien: Das Königreich am Golf gab 2010 rund 0,8 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Entwicklungshilfe aus. 

erschienen in Ausgabe 3 / 2013: Neue Geber: Konkurrenz stört das Geschäft

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