Somalia hat in den vergangenen Jahren mehr und mehr Entwicklungshilfe bekommen, die Armut ist jedoch nicht gesunken. Kritiker könnten jetzt sagen, die Hilfe hilft nicht. Haben sie recht, zumindest mit Blick auf Somalia?
Nein, denn in den vergangenen dreißig Jahren hat Somalia vor allem humanitäre Hilfe bekommen. Und die soll nicht in erster Linie Armut reduzieren, sondern Leben retten. Erst seit einigen Jahren gibt es darüber hinaus Projekte der Entwicklungszusammenarbeit, etwa der Weltbank. Es ist noch zu früh, dass solche Vorhaben messbar die Armut reduzieren helfen.
In welchen Bereichen gibt es solche Projekte?
Etwa zum Aufbau von Infrastruktur, in der Gesundheitsversorgung oder zur Unterstützung der Zivilgesellschaft. Gemessen an der Größe des Landes geht es um eher kleine Beträge. Die humanitäre Hilfe hat in Somalia große Wirkung entfaltet, während sich die Wirkung der noch jungen Entwicklungszusammenarbeit noch nicht so gut messen lässt.
Aber wirkt sie in manchen Bereichen schon?
Auf jeden Fall in der Gesundheitsversorgung. Da gibt es eine Menge internationaler Organisationen, die im ganzen Land gute Arbeit leisten, die der Bevölkerung zugutekommt. Etwa mit Impfprogrammen gegen weit verbreitete Krankheiten wie Hepatitis B und Polio. Hinzu kommt: Diese Arbeit ist nicht so anfällig für Korruption und Misswirtschaft wie andere Formen von Hilfe, etwa wenn Geld oder Lebensmittel verteilt werden.
Wie findet solche Korruption statt?
Ein Beispiel ist die Ausbeutung von intern Vertriebenen, also internally displaced persons, kurz IDPs. Es ist in Somalia weit verbreitet, dass Menschen, die in einem IDP-Camp Zuflucht suchen, einen Teil der Hilfe, die ihnen zusteht, an den Manager des Camps abgeben müssen. Diese Manager, wir nennen sie „Gatekeeper“, sind die Bindeglieder zwischen dem Camp und der Regierung oder dem Besitzer des Landes, auf dem das Camp errichtet wurde. Das Geld, das die Gatekeeper den IDPs abnehmen – teilweise bis zur Hälfte der Hilfe, die ihnen zusteht –, wird dann unter den Beteiligten aufgeteilt. Das gibt es schon lange.
Und die internationalen Hilfsorganisationen wie das UN-Welternährungsprogramm WFP unternehmen nichts dagegen?
Doch, sie versuchen, dagegen vorzugehen. Aber die an dem Missbrauch Beteiligten sind ziemlich erfahren und geschickt, Vorkehrungen dagegen immer wieder zu umgehen. So wurden zum Beispiel unabhängige Beobachter eingesetzt, die bei der Verteilung von Hilfe dabei sind, sogenannte third-party monitors. Das bringt aber nicht viel – oder nur für eine kurze Zeit, bis die Gatekeeper Wege gefunden haben, diese Beobachter auszutricksen. Das Grundproblem ist: Es ist sehr schwierig, in Somalia zu arbeiten, schon aufgrund der instabilen Sicherheitslage. Man kann nicht einfach in einem Camp herumspazieren und prüfen, ob alles okay ist, die Leute fragen, was passiert, und so weiter. Alles, was man tut, berührt die Sicherheitsinteressen von irgendwem. Das macht es schwierig, Beziehungen zu den Vertriebenen aufzubauen und zu verstehen, was wirklich vor sich geht, und Missstände abzubauen.
Das heißt, den internationalen Hilfsorganisationen kann man hier keinen Vorwurf machen?
Im Prinzip nicht. Wobei der Wille der Organisationen, auch internationaler NGOs, etwas zu unternehmen, unterschiedlich stark ist und schwankt. Er hängt nicht zuletzt sehr von der Führung der Organisationen ab. Da gibt es welche, die ernsthafter interessiert sind, und andere, die eher wegsehen. Aber wenn man Korruption unter den Teppich kehrt, geht sie nicht weg. Die Entwicklungszusammenarbeit und die humanitäre Hilfe haben hier ein grundsätzliches Problem: Jeder weiß, dass es Korruption und Misswirtschaft gibt. Aber wenn man zu viel darüber spricht und zu offen damit umgeht, wächst das Risiko, dass sich Regierungen und Steuerzahler abwenden und die Mittel gekürzt werden. Vor allem in einem schwierigen Umfeld wie Somalia braucht es hier starke Führungspersönlichkeiten, die sich davon nicht abschrecken lassen und mit Problemen offen umgehen.
Das Beispiel der Gatekeeper betrifft die humanitäre Hilfe. Wie läuft Korruption in der Entwicklungszusammenarbeit ab?
Ein typisches Beispiel ist Korruption oder Veruntreuung bei der Vergabe von Projektaufträgen. Angenommen, die Weltbank schreibt ein Projekt zum Bau einer Straße aus, auf das sich verschiedene lokale und internationale Organisationen oder Unternehmen bewerben. Manche Bewerber versuchen, die Verantwortlichen bei den Geldgebern zu bestechen, um einen Auftrag zu erhalten oder um an Informationen zu gelangen, die einen Wettbewerbsvorteil bringen. Und selbst solche, die sauber an einen Auftrag gelangt sind, versuchen, einen Teil der Projektmittel für sich selbst abzuzwacken, etwa indem sie Leistungen überteuert abrechnen.
Sind das Einzelfälle?
Nein, das ist systemisch in der Entwicklungszusammenarbeit, nicht nur in Somalia. Und verantwortlich gemacht werden können nicht nur die lokalen Organisationen in Somalia; das wäre zu einfach. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen Auftraggebern und durchführenden Organisationen. Alle internationalen Organisationen und NGOs, die Aufträge vergeben, haben Schutzvorkehrungen gegen Korruption, aber wer daran verdient, findet immer wieder Wege, den Schutz zu umgehen. In einem schwierigen Umfeld wie Somalia, das ganz unten im Korruptionsindex von Transparency International steht, sollte das niemanden überraschen. Entwicklungsorganisationen sind hier besonders gefordert, denn sie sollten an sich selbst höhere Standards anlegen als etwa ein Wirtschaftsunternehmen, das in erster Linie Profite machen will. Wobei natürlich auch Hilfs- und Entwicklungsorganisationen Eigeninteressen haben und im Zweifel wachsen wollen. Viele große Hilfsorganisationen werden heute ja wie Unternehmen geführt.
Kommt es vor, dass in Somalia Leute gegen Korruption protestieren, etwa weil Hilfe nicht bei ihnen ankommt?
Nach solchen Beispielen muss man lange suchen, aber in der Stadt Baidoa etwa haben religiöse Führer gegen die Ausbeutung von IDPs durch die Gatekeeper protestiert. Sie haben gesagt, das sei „haram“, also eine Sünde: Einige würden sehr reich, indem sie sehr armen Leuten Geld abnehmen.
Ist Entwicklungszusammenarbeit ohne Korruption möglich?
Niemand erwartet von Hilfsorganisationen, dass immer alles perfekt und sauber läuft. Ich erwarte aber, dass sie offen und ehrlich mit Problemen umgehen, um mögliche Lösungen voranzubringen. Es geht oft ja auch gar nicht um echte Korruption, sondern um Kompromisse, die man schließen muss, vor allem in einem Land wie Somalia. Man muss sich etwa mit lokalen Machthabern abstimmen, um überhaupt arbeiten zu können. Die können ziemlich skrupellos sein, und das Ziel muss dann sein, den Vorteil, den sie aus solchen Kompromissen ziehen, möglichst klein zu halten. Das gelingt aber nicht, wenn man alles unter den Teppich kehrt, denn dann kann man nichts daraus lernen.
Was müsste sich grundsätzlich in der Entwicklungszusammenarbeit mit Somalia ändern, um Korruption möglichst klein zu halten?
Internationale Hilfsorganisationen müssen sich stärker bemühen, vor Ort integre und verlässliche Partner zu finden, die wirklich im Interesse der Bevölkerung arbeiten und deren Vertrauen genießen. Das ist in Somalia besonders wichtig, da hier alles über gewachsene Beziehungen und Vertrauen läuft und weniger über geschriebene Regeln und Gesetze. Solche Partner gibt es, etwa in Religionsgemeinschaften, aber die Hilfsorganisationen sind nicht sehr gut darin, mit ihnen umzugehen.
Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

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