Die Fluchterfahrung verbindet

Flüchtlingsunterkünfte in der Region Taiz.
Amal Mamoon
Flüchtlingsunterkünfte in der Region Taiz: Seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe im September wurden im Jemen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 200.000 Menschen aus ihrer Heimatregion vertrieben.
Jemen
Die umkämpfte Region Taiz steht gerade im Mittelpunkt des Krieges im Jemen. In improvisierten Zeltlagern leben dort Angehörige der stark ausgegrenzten Gruppe der Muhamasheen neben anderen Jemeniten – gemeinsam ist allen, dass sie wegen der Kämpfe ihre Heimatregion verlassen mussten.

Mohanned Abdulwase konnte als Bauer in seinem Dorf im Bezirk Al-Wazeyah im Gouvernement Taiz gut leben. Für seine Frau, die vier Kinder und sich hatte der 36-Jährige ein Haus mit vier Zimmern gebaut. Doch als die Kämpfe zwischen den vom Iran geförderten Huthis und den von Saudi-Arabien unterstützten Regierungstruppen bis an sein Dorf heranrückten, blieb der Familie nichts anderes übrig, als zu fliehen: „Wir luden unsere Kinder und unser Vieh in ein Auto und ließen unser Haus mit allem darin zurück.“

So gelangten sie ins Lager Al-Safiah im Bezirk Al-Shimayateen, ebenfalls im Gouvernement Taiz, in dem Hunderte weitere vertriebene Familien leben. Viele gehören zur Gruppe der Muhamasheen – einer stark ausgegrenzten, kastenähnlichen Minderheit im Jemen, die traditionell in informellen Siedlungen lebt und deren Mitglieder meist als Schuster, Schuhputzer oder Straßenkehrer arbeiten.

Erstmals lebt nun Abdulwase mit seiner Familie in einem Zelt, genauso wie die Angehörigen der Muhamasheen im Lager. In der Vergangenheit sei so etwas undenkbar gewesen, erzählt er. „Ich möchte nicht auf die Muhamasheen herabblicken, aber sie sind es gewohnt, in Zelten zu leben. Für uns ist das alles neu und eine enorme Belastung, und ich komme damit nicht zurecht.“ Zusammen mit Muhamasheen auf einem Feld zu arbeiten, etwa während der Maisernte, sei etwas ganz anders, als im selben Lager zu leben und dasselbe Leid zu teilen.

5,2 Millionen Vertriebene 

Seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe im September wurden im Jemen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) 200.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, und die Zahl steigt weiter. Viele von ihnen sind Muhamasheen. Bereits vor der jüngsten Eskalation im Jemen waren 5,2 Millionen Menschen aus ihren Dörfern geflohen. Auch die neu vertriebenen Familien brauchen nun dringend Unterkünfte, Nahrung, Wasser und andere lebenswichtige Hilfsleistungen, da sie meist ohne Hab und Gut geflohen sind und sich das Nötigste nicht leisten können.

Ein solcher Neuankömmling ist auch Musheer Mohammed aus dem Bezirk Maqbanah in Taiz. Er ist in den Vierzigern, kennt sein genaues Alter jedoch nicht – so wie viele Muhamasheen, da die Mehrheit, wie Mohammed, Analphabeten sind und keinen Zugang zu Bildung hatten. „Das Leben in Zelten ist für uns in Ordnung, aber wir brauchen humanitäre Organisationen, die uns mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Wasser und anderen Hilfsleistungen versorgen“, sagt Mohammed.

Auch die Muhamasheen leiden unter der Situation, bekräftigt er, glaubt aber, dass die Umstellung für die nicht marginalisierten Jemeniten noch härter ist. „Unser Leben ist im Großen und Ganzen dasselbe geblieben, da wir schon seit Jahren leiden. Aber wenn man früher ein gutes Leben, ein schönes Zuhause und Bauernhöfe hatte und sich plötzlich unter einer Plastikplane wiederfindet, ist das ein gewaltiger Schock.“

Familien teilen Last und Leid

Im Lager lebten die Muhamasheen nun mit den nicht marginalisierten Jemeniten wie Brüder zusammen, meint er, und erklärt, dass sie Mitgefühl für die Notlage des jeweils anderen empfinden: „Wenn jemand krank wird, stehen sowohl die Muhamasheen als auch die nicht marginalisierten Jemeniten an seiner Seite.“

Der Soziologe Hail Saeed erklärt, dass die Kämpfe unweigerlich dazu führten, dass alle Teile der Gesellschaft zusammenrücken, unabhängig von Alter oder sozialem Hintergrund. „Familien verschiedenster Hintergründe landen in denselben Lagern, sodass ihnen nichts anderes übrigbleibt, als die Last und das Leid zu teilen.“

Im Gegensatz zu anderen Regionen im Jemen gibt es dabei in Taiz kaum Konflikte zwischen den Muhamasheen und den „typischen“ Jemeniten. Alle scheinen vollauf damit beschäftigt, sich um das Nötigste zu kümmern – viel Zeit verbringen die verschiedenen Gruppen allerdings auch nicht miteinander.

Aus dem Englischen von Barbara Erbe.

 

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