Liebe Leserin, lieber Leser,
in Ägypten ist die Verstümmelung der weiblichen Genitalien seit 2008 verboten und wird mit Gefängnis bestraft. Trotzdem müssen im Land am Nil jeden Tag Frauen und Mädchen diese brutale Prozedur über sich ergehen lassen. Laut einer aktuellen Studie sind acht von zehn Ägypterinnen "beschnitten", wie das oft verharmlosend genannt wird. Die Journalistin Monika Bremer lässt in ihrem Artikel auch Männer und Frauen zu Wort kommen, die das rechtfertigen, unter anderem einen Friseur, der im heimlichen Nebenerwerb im Hinterzimmer seines Salons in Kairo Mädchen verstümmelt. Er macht keinen Hehl daraus, worum es geht: um die Kontrolle des Mannes über die Lust der Frau. Mit Religion, wie oft behauptet wird, hat das also nichts zu tun.
Bremers Artikel ist streckenweise nur schwer zu ertragen, aber unbedingt lesenswert. Sie hat auch mit Aktivistinnen gesprochen, die erklären, was gegen diese Verletzung von Menschenrechten von Frauen helfen würde. Soviel sei gesagt: Es bringt nichts, vom hohen Ross herunter moralisch zu argumentieren und etwa die Mütter zu beschämen, die ihre Töchter zum Beschneider bringen.
Aufschlussreiche Lektüre wünscht
Heute morgen kam mir von seriösen Kollegen aus New York, die über UN-Politik informieren, ein Newsletter auf den Schirm, in dem sie sich ausführlich der Frage widmen, warum die Rolltreppe im UN-Gebäude stehen geblieben ist, auf der US-Präsident Donald Trump am Dienstag zu seiner - laut Medienberichten wohl ziemlich dümmlichen - Rede vor der UN-Generalversammlung fahren wollte, und da habe ich mich mal wieder gefragt: Müssen wir eigentlich über alle Faxen dieses selbstverliebten Ignoranten und über allen Quatsch, den er von sich gibt, so ausführlich berichten und uns das alles jeden Tag reinziehen? Ja, müssen wir wohl, zumindest soweit diese Faxen und dieser Quatsch ganz praktische politische Folgen haben und Menschen in aller Welt darunter leiden, etwa die Flüchtlinge, die Trump jetzt aus den USA nach Afrika transportieren lässt. Oder die Mädchen und Jungen, die in Schulen in afrikanischen Ländern kein Mittagessen mehr kriegen, weil die USA das Geld dafür gestrichen haben.
Aber mindestens ebenso wichtig ist es, darauf hinzuweisen, dass das nicht immer passiv und ohne Gegenwehr hingenommen wird. So hat die Opposition im ghanaischen Parlament dagegen protestiert, dass die Regierung beim Handel mit Flüchtlingen mitmacht. Das verstoße gegen die ghanaische Verfassung und müsse deshalb gestoppt werden. Und etliche afrikanische Regierungen haben ihre Mittel für die Schulspeisung erhöht, so dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler auch ohne Hilfe aus dem Ausland versorgt werden können. Meistens gibt es auch gute Nachrichten in den schlechten - und die machen die Kapriolen des Möchtegerndiktators in Washington oft leichter verdaulich.
Der Papst und das Weltfinanzsystem: Vom Vatikan beauftragte Experten haben einen Plan vorgelegt, wie die Schuldenkrise in Ländern des globalen Südens bewältigt werden könnte. Private Gläubiger sollen demnach nicht mehr bevorzugt werden, berichtet Katja Dorothea Buck.
Große kleine Weltorganisation: Zu ihrem 80. Jubiläum wirken die Vereinten Nationen schwächer denn je. Aber auch wenn sie Kriege nicht beenden können: Ohne sie wäre die Welt ein noch düsterer Ort. Mein Kommentar anlässlich der derzeit laufenden UN-Generalversammlung.
Gegen Dürren, Schädlinge und Terror: Kameruns Baumwollbauern organisieren sich selbst, um zu überleben. Vor allem im Norden des Landes wächst vor den kommenden Wahlen der Wunsch nach politischer Mitsprache, berichtet Helena Kreiensiek.
Mehr als nur ein neues Label: Hat das Konzept der feministischen Entwicklungspolitik Deutschlands Entwicklungszusammenarbeit verändert? Ja, sagt der Gutachter Frank Bliss, der das untersucht hat. Allerdings gibt es etliche Mängel bei der Verwirklichung.
Kommission für eine bessere Welt? Deutschland werde eine neue Nord-Süd-Kommission zur Bearbeitung globaler Probleme gründen, heißt es im schwarz-roten Koalitionsvertrag. Die Debatte darüber gewinnt an Fahrt. Manche meinen, schon der Name weise in die falsche Richtung, berichtet Marina Zapf.
Am Anfang stand der monströse Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem mehr als tausend Menschen ermordet und Hunderte entführt wurden. Seitdem übt die israelische Regierung unbarmherzig Rache an den Palästinensern in Gaza, hat Zehntausende von ihnen getötet und treibt Hunderttausende in dem mittlerweile völlig verwüsteten Küstenstreifen hin und her. Das alles geschieht unter dem Deckmantel, die Hamas auszuschalten. Aber die Terrormiliz wird immer noch da sein, wenn Gaza endgültig zu Staub zerbombt ist und alle Geiseln tot sind. Warum sich die Hamas so nicht besiegen lässt, hat Max Rodenbeck von der Crisis Group vor einigen Monaten in diesem immer noch lesenswerten Interview erklärt.
Zurück in die 1950er: Weil eine konservative US-amerikanische Lobbyorganisation Einspruch erhoben hat, hat das UN-Kinderhilfswerk UNICEF Material zur Sexualkunde von seiner Webseite gelöscht, berichtet "Devex". Der Vorwurf: UNICEF "normalisiere" LGBTQ-Partnerschaften und Selbstbefriedigung.
Mehr Geschäft, weniger Solidarität: Der globale Süden ist fest integriert in die Weltwirtschaft, und auch miteinander sind die Länder enger denn je verflochten. Mit der Idee der solidarischen Süd-Süd-Zusammenarbeit aus den 1960er und 1970er Jahren hat das aber wenig zu tun, ist bei "Foreign Policy" zu lesen.
Hitzige Debatte ums Namensrecht: Das Verfassungsgericht von Südafrika hat einstimmig beschlossen, dass Männer die Nachnamen ihrer Ehefrauen annehmen dürfen. Der Kongress der traditionellen Führer findet das „ekelhaft und unafrikanisch“, berichtet "The Conversation".
Klimakiller Rüstung: Europa will aufrüsten und weltweit sind die Militärausgaben bereits stark gestiegen. Wie viel zusätzliche Treibhausgase das verursacht, schätzen die Autoren einer neuen Studie der Scientists for Global Responsibility ab. Bernd Ludermann fasst sie zusammen.
Nur ein weiterer Gipfel? Dass die Starken und Reichen den Schwachen und Armen helfen, ist außer Mode geraten: Die humanitäre Hilfe wird gekürzt, der Sozialstaat steht unter Beschuss. Was also ist vom Weltsozialgipfel demnächst in Doha zu erwarten? Das Global Policy Forum liefert eine Einschätzung.
Regeln für Roboter: Die UN starten in diesen Tagen einen globalen Dialog zur Regulierung von künstlicher Intelligenz. Er ist Teil eines größeren Pakets mit dem Ziel, den Nutzen von KI zu fördern und die Nachteile einzudämmen. Unter welchen Bedingungen das Wirkung entfalten kann, prüft Chatham House.
"Zwischen Macht und Moral: Europas Rolle in der neuen Welt(un)ordnung": Nächste Woche startet die Stiftung Entwicklung und Frieden eine mehrteilige Online-Gesprächsreihe zur Frage, wie sich Europa in unserer unübersichtlichen Welt positionieren sollte und wie es dazu beitragen kann, Gewaltkonflikte einzudämmen. Das erste Gespräch findet am kommenden Mittwoch, 1. Oktober, statt. Anmeldung und weitere Informationen hier.