Syrien: Zurück in die Trümmer

Liebe Leserinnen und Leser,

Syrerinnen und Syrer haben keinen Grund, in Deutschland weiter Schutz zu suchen, findet Bundeskanzler Friedrich Merz. Unsere Korrespondentin Meret Michel hat das Land besucht und bestätigt mit ihrem Bericht den Verdacht, dass Merz es sich hier wieder einmal viel zu einfach macht. In einem Lager im Norden Syriens für im Land Vertriebene hat Michel erfahren, dass zwar die meisten jetzt in ihre Herkunftsorte zurückgekehrt sind – aber manche von denen warnen nun die Zurückgebliebenen, ihnen besser noch nicht zu folgen. Im Stadtteil Jarmuk im Süden von Damaskus hat Michel eine Trümmerlandschaft vorgefunden, in der Menschen sich mühsam etwas aufbauen, oft mit Unterstützung von Syrern, die ins Ausland geflohen sind. Also auch von Menschen, die der Bundeskanzler und sein Innenminister in die Trümmer zurückschicken möchten.  Außenminister Johann Wadepuhl hat sich klüger und mitfühlender geäußert. Anschauung hilft offenbar – und natürlich helfen Berichte wie der von Meret Michel, klarer zu sehen.

Aufschlussreiche Lektüre wünscht

Das bewegt die Redaktion

Vom UN-Klimagipfel kommt eine begrenzt erfreuliche Nachricht: Deutschland will eine Milliarde Euro zum Tropical Forest Forever Fund (TFFF) beisteuern, für den Brasiliens Präsident Lula da Silva sich einsetzt. Staaten, die ihre Regenwälder schützen, statt sie rasch zu Geld zu machen, sollen auf Dauer aus dem Fonds entschädigt werden. Das kann ein wichtiger Schritt für Wald- und Klimaschutz sein, wenn die Details der Umsetzung stimmen – zum Beispiel Indigene angemessen beteiligt werden und Sanktionen greifen, sobald ein Land erst Geld nimmt und dann vom Waldschutz wieder abrückt. Gleichzeitig ist der Fonds paradoxerweise ein Menetekel dafür, wie wenig selbst die reichsten Länder noch fähig sind, für globale öffentliche Güter wie Klima- oder Artenschutz Mittel aufzubringen. Denn der TFFF ist im Grunde ein öffentlich subventionierter Hedge Fonds. Staaten sollen dort 25 Milliarden US-Dollar einlegen und weitere 100 Milliarden von privaten Investoren einwerben. Die 125 Milliarden sollen auf dem Kapitalmarkt angelegt werden und gute Renditen bringen. Das Anlagerisiko aber übernehmen allein die Staaten, die zum Fonds beitragen; deshalb sind die Investments für die Privaten sicher und ihre Gewinne können niedriger sein als die des ganzen TFFF. Der Überschuss – erwartet werden 4 Milliarden US-Dollar pro Jahr – fließt in den Waldschutz. Soweit, so gut. Aber wird der Finanztrick in der nächsten größeren Finanzkrise noch funktionieren? Erschreckend ist, dass Staaten meinen, nur so längerfristig Geld für etwas aufbringen zu können, das für unser aller Zukunft unentbehrlich ist. Wieso besteuern sie nicht stattdessen Nutznießer von Waldzerstörung und die Profite reicher Investoren?

Neu auf "welt-sichten"

Indien kämpft gegen Kinderehen: Im indischen Bundesstaat Haryana verhindert die Polizei die Hochzeit einer Jugendlichen – ein Fall, der zeigt, wie neue Allianzen, Aufklärung und ein Gerichtsurteil den Kampf gegen Kinderehen stärken, berichtet Antje Stiebitz. 

Nehmt die Reichen in die Pflicht: 30 Jahre nach dem ersten Weltsozialgipfel der Vereinten Nationen fand Anfang November in Doha der zweite statt. Die Abschlusserklärung enthält viele Versprechen, aber keine Zusagen. Dabei wären mutige Reformen nötig, kommentiert Melanie Kräuter.

Abwendung vom Pazifismus: Auf ihrer Synode in Dresden hat die EKD ihre neue Friedensdenkschrift vorgestellt. Die einen feiern sie als mutige Antwort der Kirche in unruhigen Zeiten – die anderen staunen, dass aus evangelischer Perspektive Atomwaffen plötzlich legitim sein sollen, schreibt Katja Dorothea Buck.

Schweizer Treibhausgas nach Norden: Abkommen mit Dänemark und Norwegen sollen es der Schweiz ermöglichen, abgesaugtes Kohlendioxid dort unterirdisch einzulagern. Fachleute halten das für nötig, kritisieren aber, dass es in der Schweizer Klimapolitik zu langsam vorangehe, berichtet Meret Michel.

„Zollvergünstigung war der Wettbewerbsvorteil“: Die USA haben das Gesetz, unter dem Länder Afrikas vieles zollfrei in die USA liefern konnten, nicht verlängert. Welchen Ländern das Gesetz geholfen hat und was nun droht, erklärt der Ökonom Bedassa Tadesse.

Was Sie verpasst haben könnten

Erst einmal ein Sieg: In Madagaskar ist ein autokratischer Staatschef gestürzt – dank Protesten der Generation Z, aber auch dank eines Teils der Armee. Warum das so schnell ging, welche tiefe Krise die Protestbewegung ausgelöst hat und vor welchen Aufgaben die jetzt steht, erklärt Solofo Randrianja

„Kinderarbeit können wir nicht hinnehmen“: Andreas Frick, Hauptgeschäftsführer von Misereor, erklärt im Interview, wie das Hilfswerk mit Mittelkürzungen umgeht, welche Errungenschaften der Entwicklungszusammenarbeit er in Gefahr sieht und was er von der neuen Bundesregierung erwartet.

Noch immer interessant

Tierquälerei ist da normal: Mehrere Wochen musste ein Schiff voller lebender Rinder vor der türkischen Küste liegen und schließlich nach Uruguay zurückkehren. Für die Tiere war das eine Qual – aber das ist kein Einzelfall: Wie wenig das Leiden der Tiere beim Transport von Rindern aus Südamerika zählt, hat unsere Korrespondentin Sarah Fernandes vor über einem Jahr eindrücklich geschildert. Noch immer lesenswert!

Medienschau: Was andere berichten

Podcast-Tipp: Militärs regieren heute drei Sahelländer und bekämpfen mit russischer Hilfe, aber wenig Erfolg große islamistische Terrorgruppen. Dennoch sollte die EU dort engagiert bleiben und auch, aber nicht nur mit den Militärregierungen in Kontakt, sagen zwei Mitarbeitende des Projekts „Megatrends Afrika“ von der SWB Berlin. Sie schildern die Lage im Sahel und erklären, welche teils unterschiedlichen Interessen europäische Staaten dort noch verfolgen.

Vergiftet für den Profit: Die "New York Times" hat sich angeschaut, wo und wie in Nigeria Blei für Autobatterien recycelt wird. Ganze Dörfer und ihre Bewohner werden dabei vergiftet, das zeigen ihre Blutwerte. Dabei ginge auch grünes Recycling, aber das kostet Geld.

Denkfabrik: Was Fachleute sagen

Folgeschäden der Aufrüstung: Die globalen Militärausgaben sind höher als seit 35 Jahren. Das untergräbt die UN-Nachhaltigkeitsziele und macht die Welt weniger sicher, finden zwei Fachleute vom SIPRI und empfehlen Schritte aus der Spirale. Ich fasse das Papier für Sie zusammen.

Nicht alles verschenken: Auch der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und TB hat Finanznot. Das Center for Global Development macht einen interessanten Lösungsvorschlag: den ärmsten Ländern weiter Zuschüsse geben, für Projekte anderswo künftig aber mehr oder weniger vergünstigte Kredite vergeben.

Islamisten blockieren neuerdings Bamako. Erobern sie bald die malische Hauptstadt? Dafür sind sie wohl zu schwach, sagt Alex Thurston – es sei denn, das Militär kollabiert. Er erklärt den Aufstand und rät Europa, humanitär zu helfen und sich militärisch rauszuhalten.

Ausblick

Einsatz im Ausland gesucht? Auf der Messe „Engagement weltweit 2025“ kommen dieses Wochenende in Siegburg bei Bonn Menschen, die einen Job in der Entwicklungszusammenarbeit, der humanitären Hilfe oder in internationalen Organisationen anstreben, mit Anbietern solcher Arbeitsmöglichkeiten zusammen. Im Rahmenprogramm geht es um Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit, aber auch um den Zwiespalt von kolonialem Erbe und Solidarität. Details gibt es hier

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