Viele Fakten, doch kein roter Faden

Heinrich Bergstresser
Nigeria. Macht und Ohmacht am Golf von Guinea
Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt
2010, 268 Seiten, 24,90 Euro


Nigeriakenner können das Buch von vorn nach hinten lesen, weniger Kundige sollten den umgekehrten Weg nehmen. Denn erst im letzten Drittel wird die politische Geschichte des Vielvölkerstaates nicht nur kenntnisreich dargestellt, sondern analysiert. Das Buch beginnt mit der umstrittenen These vom „Ressourcenfluch“ infolge des Ölreichtums; das Öl hat in den 1990er Jahren das Ogoni-Land im südöstlichen Landesteil zu einem „Schlachtfeld“ gemacht und zur Hinrichtung des Schriftstellers Ken Saro Wiwa geführt. Dann schleudert der Autor den Leser in den Biafrakrieg der 1960er Jahre, um anschließend die Herausbildung der Nationalismen der Yoruba, Igbo und Haussa Fulani seit den 1930er Jahren zu schildern – leider ohne grundlegend über die vorkoloniale Geschichte und die Interessen der Kolonialmacht Großbritannien zu informieren. Selbst bei gutem Willen fällt es schwer, bei der Stange zu bleiben. Es fehlt der rote Faden, der die vielen Machtwechsel, Putsche, Politiker und Militärs in einen Zusammenhang stellt oder in eine historische These einordnet.

Erst ab dem vierten von fünf Kapiteln wird das Buch sehr viel lesbarer. Das Verhältnis zwischen Nigerias Bundesregierung und den Bundesstaaten wird erläutert, ansatzweise die Wirtschaftsgeschichte aufgerollt und die Entwicklung zu einem Rentierstaat nachgezeichnet, der einen großen Teil seiner Einnahmen aus der Ölförderung bezieht. Der historische Prozess wird nun verständlich als eine Geschichte politischer Allianzen zwischen ethnischen Eliten, die stets die Ausplünderung der Rohstofflager im Blick haben, im übrigen aber blass und farblos bleiben.

Interessant sind auch die Ausführungen über die außenpolitischen Ambitionen des bevölkerungsreichsten afrikanischen Staates und über die europäischen und US-amerikanischen Interessen in der Region sowie die Darstellung von „Macht und Metamorphose des Militärs“, einem wichtigen Herrschaftsfaktor im„System Nigeria“. Die lernfähigen und cleveren militärischen Führer bekommen hier endlich eine Biografie. Das einfache Volk, das Opfer des Systems, kommt dagegen in dem Buch so gut wie nicht vor.

Ein erfreuliches Extra sind Bergstressers gute Kenntnisse der schönen Literatur. Seine langjährige Bekanntschaft mit dem nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka macht einen eigenen Erzählstrang aus. Soyinka wird als Vertreter der engagierten Intellektuellen geschildert, der zäh, aber erfolglos versucht, der Herrschaft der ihm persönlich bekannten Militärs die Stirn zu bieten und für Demokratie zu kämpfen. Einige Besonderheiten Nigerias –die Personalisierung der Politik, das Staatswesen als große Familie der Eliten, der Staat als einziges Sprungbrett in die Zirkel der Macht – werden hier deutlich.

„Macht und Ohnmacht“ in Nigeria werden faktenreich dargestellt. Insofern ist das Buch ein etwas ungeordnetes Geschichtsbuch, dem eine chronologische Gliederung gut getan hätte. Eine spannende Frage aber bleibt leider unbeantwortet: Warum kommt es in Nigeria zu den immer wiederkehrenden „ethnischen“ Spannungen, die eine Demokratisierung in weite Ferne rücken lassen?


Birgit Morgenrath

 

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