Krieg ohne Sinn und Ziel

Sebastian Junger
War. Ein Jahr im Krieg
Karl Blessing Verlag, München 2010,
336 Seiten, 19,95 Euro


Im Buch von Sebastian Junger erscheint von Afghanistan nicht mehr als ein 40 Kilometer langes Tal im Osten des Landes, nahe der Grenze zu Pakistan. Dort hat der 49-jährige Journalist insgesamt 15 Monate„eingebettet“ in einem Außenposten der US-Armee verbracht. Der Auftrag der Soldaten lautete, das enge und strategisch wichtige Korengal-Tal zu halten und gegen Angriffe der Taliban zu verteidigen. Junger befasst sich nicht mit den Fragen, die die Diskussionen an den „Heimatfronten“ bestimmen – etwa ob der Krieg in Afghanistan moralisch gerechtfertigt, verhältnismäßig oder Erfolg versprechend ist. Er berichtet aus der Perspektive der Soldaten – und denen geht es nur ums Überleben.

Junger versteht es, eine Ahnung von der ständig lauernden Todesgefahr zu vermitteln, in der sich die Männer befinden – selbst im scheinbar sicheren Lager: „Als ich einmal an einigen Sandsäcken lehnte, spürte ich verblüfft, dass mir etwas Erde ins Gesicht geflogen kam. Ich hatte keine Erklärung, bis ich eine Sekunde später die Schüsse hörte.“ Angesichts dieser permanenten Bedrohung stehen die Soldaten ständig unter Hochspannung – mit der paradoxen Folge, dass sie Gefechte mit den Taliban regelrecht herbeisehnen. Im Kampf bauen sie den aufgestauten Druck und die Aggressionen ab. Krieg, so wie Junger ihn erlebt hat, ist eine nervenaufreibend monotone Angelegenheit: Wochenlang passiert gar nichts, die Soldaten sitzen im Lager, langweilen sich und warten auf das nächste Gefecht – kurze Eruptionen der Gewalt, die jeweils durch heftige Bombardements amerikanischer Kampfhubschrauber oder -flugzeuge beendet werden. Dann warten sie wieder.

Junger stellt all die Politiker in den Hauptstädten des Westens bloß, die angesichts gefallener Soldaten gern Krokodilstränen vergießen und von „feigen“oder „hinterhältigen“ Angriffen der Taliban sprechen. Hinterhältigkeit ist in Afghanistan die wichtigste Kriegstaktik – und zwar auf beiden Seiten. Es gehe darum, „den Feind in eine Position zu manövrieren, in der er aus sicherer Entfernung niederzumachen ist“. Mit Ehre habe der Krieg nichts zu tun, sondern nur mit Sieg, „was bedeutet, dass der Feind unter möglichst ungleichen Bedingungen getötet werden muss“.

Junger ist aber kein Zyniker, der emotionslos vom Schlachtfeld berichtet. Er beschreibt, wie der Krieg die Männer verändert und viele psychisch kaputt macht. Der Krieg ist schrecklich, aber eben auch„wahnsinnig aufregend“: „In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das mit anderen Dingen beschäftigt ist.“ Damit werden viele Soldaten nicht fertig. Sie haben sich im Kugelhagel am Hindukusch behauptet und wissen nun im zivilen Leben nichts mehr mit sich anzufangen. Einer von ihnen steht nach seiner Rückkehr aus Afghanistan am Rande des Wahnsinns und ist überzeugt, dass die Army plant, ihn umzubringen. Nach ein paar Monaten in der Heimat teilt er Junger mit, dass er wieder in den Krieg will.

Ins Korengal-Tal wird er nicht zurückgekehrt sein, denn das hat die US-Armee im Frühjahr 2010 verlassen. Die Militärführung war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Anwesenheit der Soldaten den Aufruhr in der Bevölkerung angefacht und die Lage noch unsicherer gemacht hat. Insofern lässt sich Jungers Buch dann doch als Stellungnahme gegen den Krieg in Afghanistan lesen – gegen einen Krieg ohne Sinn und Ziel, in dem es nur ums Töten und Sterben geht.


Tillmann Elliesen

 

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