Mehr Schein als Sein

Muhammad Yunus
Social Business. Von der Vision zur Tat
Carl Hanser Verlag, München 2010,
266 Seiten, 19,90 Euro


Social Business ist eine neue Idee, meint der Friedensnobelpreisträger und Vorreiter der Mikrokreditbewegung, Muhammad Yunus, in seinem jüngsten Buch. So neu, dass er dem Vorstandsvorsitzenden der Danone-Gruppe, Franck Riboud, erst einmal erklären musste, was das eigentlich ist: „Ein Unternehmen, das rentabel arbeitet, dessen Daseinszweck aber nicht die Erwirtschaftung von Gewinn, sondern die Schaffung sozialer Nutzeffekte ist.“ Riboud war fasziniert, 2006 schlug die Geburtsstunde von Grameen Danone, dem„weltweit ersten gezielt geplanten Social Business“. Jedenfalls wenn man dem Buch Glauben schenkt.

Auf der Website des multinationalen Lebensmittelkonzerns, der zusammen mit Yunus’ Grameen-Bank„Grameen Danone Foods“ gegründet hat, stellt sich das anders dar. Schon 2005 kam nämlich in Südafrika ein Danone-Joghurt auf den Markt, der mit Vitamin A, Eisen und Zink angereichert und zur Bekämpfung von Mangelernährung bestimmt war. Verkauft wurde das Produkt in Townships von den sogenannten Dani-Ladies, die von Tür zu Tür gehen und die laut der Website auch das Vorbild für die Grameen-Ladies in Bangladesch waren. Hier wie dort wird der Joghurt vor Ort in kleinen Fabriken produziert. Das Erzeugnis soll für Arme bezahlbar sein und die Nährwertzusammensetzung insbesondere Kindern zugute kommen. Der einzige Unterschied: Die Joghurt-Variante in Bangladesch enthält Jod statt Eisen. War Franck Riboud bei dem Gespräch mit Yunus entfallen, dass sein Konzern bereits ein Sozialunternehmen ins Leben gerufen hatte? Grameen Danone wird immerhin als Modellfall betrachtet und genießt internationale Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt indem er die Urheberschaft für dieses Projekt für sich reklamiert, stilisiert sich Muhammad Yunus zum Vater jedes Social Business. Schon im Klappentext heißt es, dass sich namhafte Unternehmen (neben Danone zum Beispiel BASF und Adidas) „auf seine Initiative hin zum Social-Business-Gedanken bekennen“.

Das Modell und die Überlegungen, die Yunus dazu entwickelt hat, sind es sicher wert, kontrovers diskutiert zu werden. Ärgerlich sind jedoch die Überhöhungen und Mystifizierungen, die sich durch das Buch ziehen. Während Yunus neben dem „vertrauten Universum der an Gewinnmaximierung orientierten Unternehmen“ bereits eine „Parallelwelt“ von Sozialunternehmen am Entstehen sieht, existiert in Bangladesch nur eine Grameen Danone-Fabrik. Der Lebensmittelgigant hat 2009 weltweit 5,1 Millionen Tonnen Milchfrischprodukte verkauft; die kleine Fabrik produziert 100 Tonnen im Monat. Nach Rückschlägen arbeitet Grameen Danone heute mit rund 175 Verkäuferinnen zusammen, die nicht einmal fest angestellt sind. Bescheidenheit wäre also eine Zier.


Anja Ruf

 

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