Die unstillbare Sehnsucht nach Freiheit

Das Mädchen Wadjda
Regie: Haifaa Al Mansour
Saudi-Arabien, Deutschland 2012
98 Minuten,
Kinostart: 5. September 2013

Das autokratisch regierte Saudi-Arabien gilt als konservativstes Land im Nahen und Mittleren Osten, vor allem bei den Frauenrechten. Auch das Kino in Saudi-Arabien ist verboten, und so grenzt es fast an ein Wunder, dass die saudische Regisseurin Haifaa Al Mansour den ersten Langspielfilm drehen konnte, der je in ihrem Geburtsland entstanden ist. Allerdings wäre das wohl kaum ohne die Hilfe der Berliner Produktionsfirma Razor Film möglich gewesen, die mit „Paradise Now“ und „Waltz with Bashir“ bereits zwei Spielfilme im Mittleren Osten realisiert hat.

In den Mittelpunkt ihres vordergründig einfachen Drehbuchs stellt Al Mansour die elfjährige Wadjda, die am Stadtrand von Riad aufwächst. Auf dem Weg zur Schule sieht sie in einem Spielzeuggeschäft ein grünes Fahrrad, das sie unbedingt haben möchte. Denn dann könnte sie in einem Wettrennen den Nachbarsjungen Abdullah besiegen. Allerdings gehört es sich für Mädchen nicht, Fahrrad zu fahren, weil sie dabei ihre Jungfräulichkeit verlieren könnten. Auch ihre Mutter lehnt den Kauf ab, sie leidet still, weil ihr Mann eine Zweitfrau heiraten will: Sie kann nach der schweren Geburt Wadjdas keine Kinder mehr bekommen, also auch keinen Sohn.

Die aufgeweckte Wadjda gibt nicht auf und verkauft auf dem Schulhof Armringe und Musikcassetten, um das Geld für das Rad selbst zu verdienen. Als ihre verbotenen Geschäfte auffliegen, droht ein Schulverweis. Nun bleibt nur noch die Teilnahme an einem hochdotierten Wettbewerb zur Koran-Rezitation. Obwohl keineswegs fromm, trainiert Wadjda unermüdlich – und gewinnt sogar. Doch die verbitterte Direktorin zwingt sie, das Geld an die Palästinenser zu spenden. Wadjdas Traum scheint geplatzt.

Angesichts der schwierigen Drehbedingungen überrascht es nicht, dass das kammerspielartige Emanzipationsdrama kleinere inszenatorische Unebenheiten aufweist. Weil sich Frauen in Saudi-Arabien auf der Straße nicht frei bewegen dürfen, musste Al Mansour die Dreharbeiten teilweise von einem Zelt aus per Funkgerät dirigieren und auf dem Monitor kontrollieren. Schwierig war es auch, im offiziel filmfeindlichen Saudi-Arabien eine junge Hauptdarstellerin zu finden. Nur 50 Bewerberinnen meldeten sich, am Ende setzte sich die ausdrucksstarke zwölfjährige Waad Mohammed durch.

Keine platte Anklage der Frauenunterdrückung

Die Regisseurin, die in Kairo und Sydney ausgebildet wurde, erzählt die Abenteuer Wadjdas in ruhigem Rhythmus und ermöglicht Einblicke in einen weiblichen Alltag, der westlichen Augen sonst so gut wie verschlossen bleibt. Überraschend ist weniger, dass Frauen im saudischen Patriarchat von Männern streng reglementiert werden, sondern wie weit Frauen an diesem entwürdigenden Kontrollsystem mitwirken, ja ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen das Leben schwer machen.

Erfreulicherweise liefert Al Mansour keine platte Anklage der Frauenunterdrückung oder zeichnet plakative männliche Feindbilder. In problemanalytischen Miniaturen zeigt sie vielmehr, wie die zum Nonkonformismus tendierende Wadjda sich kleine Freiheiten erkämpft oder gegen die Normen rebelliert, etwa wenn sie einen Zettel mit ihrem Namen auf ein Plakat mit dem Familienstammbaum pinnt, der nur Männer verzeichnet. Indem der Nachbarsjunge das Mädchen so akzeptiert wie es ist, macht die eindringliche Parabel Hoffnung, dass sich mit dem Wandel individueller Einstellungen bei Jugendlichen auch die Gesellschaft verändern könnte.

Der Film ist seit der Uraufführung in Venedig 2012 auf mehreren internationalen Festivals ausgezeichnet worden, unter anderem in Cannes und Rotterdam. Auf dem Filmfest München 2013 erhielt er zuletzt den katholischen Fritz-Gerlich-Preis im Wert von 10.000 Euro. Damit werden Filme gewürdigt, die sich wie der gleichnamige Widerstandskämpfer für die Menschenrechte einsetzen. (Reinhard Kleber)

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