Gegen die Besatzung, für mehr Frauenrechte

Art/Violence
Regie: Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled, Udi Aloni
Palästinensische Gebiete / USA 2013
75 Minuten
Kinostart: 17. Oktober 2013

Es zählt zu den außergewöhnlichsten und bekanntesten Theatern der Welt: das Freedom Theatre im palästinensischen Flüchtlingslager in Dschenin im Westjordanland. Gegründet wurde es 2006 von dem Regisseur, Schauspieler und Friedensaktivisten Juliano Mer-Khamis. Der 1958 in Nazareth geborene Sohn einer jüdischen Mutter und eines arabischen Vaters gibt jungen Leuten die Gelegenheit, sich mit den Mitteln der Kunst gegen die israelische Besatzung zu wenden. Zugleich ermöglicht das Theater palästinensischen Frauen, sich ein wenig von den Restriktionen der patriarchalischen Gesellschaft zu emanzipieren. Nachdem das Freedom Theatre wiederholt Ziel von Brandanschlägen geworden war, wurde Juliano Mer-Khamis am 4. April 2011 vor seiner Wirkungsstätte erschossen. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Seine Schüler und Mitarbeiter ließen sich aber nicht entmutigen, sondern setzen seine Arbeit fort. Der Film ist ein Gemeinschaftswerk von zwei jungen Schülerinnen des Theaterpioniers, Batoul Taleb und Mariam Abu Khaled, sowie des israelischen Theater- und Filmregisseurs Udi Aloni.

Mit sprunghaften Montagen und einer ruhelosen Handkamera baut die Low-Budget-Produktion Interviews und Reflexionen, Bühnenszenen und Aufnahmen eines Hip-Hop-Konzerts, Animationen und dokumentarische Rückblicke zu einer quicklebendigen Collage zusammen. Immer wieder schlägt der Film den Bogen zwischen der täglichen künstlerischen Arbeit und den widrigen Lebensbedingungen unter israelischer Besatzung. Er zeigt, wie Mitglieder der Theatergruppe das Grab von Mer-Khamis besuchen, des Toten gedenken und dort auch über die laufenden Projekte sprechen. An anderen Stellen des Films machen Theateraktivisten deutlich, dass sie trotz Schikanen und Repressionen der israelischen Behörden ihre Theaterprojekte fortsetzen wollen.

Doppelter Normverstoß

„Art/Violence“ gliedert sich in drei Kapitel, die sich auf drei Bühnenprojekte des Freedom Theatre beziehen. „Alice im Wunderland“ beruht auf dem 1865 veröffentlichten Buch von Lewis Carroll und ist die letzte Regiearbeit von Mer-Khamis. Mariam Abu Khaled spielt darin die Herrscherin des Wunderlands, in das die Titelheldin gerät. In „Warten auf Godot“ interpretiert die Truppe Samuel Becketts Bühnenklassiker von 1952 neu und provoziert die konservativen Kreise in Dschenin: Die meisten männlichen Rollen werden von Frauen gespielt, und Männer und Frauen treten gemeinsam auf – ein doppelter Normverstoß.

Das letzte Kapitel greift ein Filmprojekt auf, an dem Mer-Khamis zuletzt mit seinem israelischen Kollegen Udi Aloni gearbeitet hat: eine freie Interpretation der antiken Tragödie „Antigone“ von Sophokles. Ein Jahr nach dem Mord an Mer-Khamis kommen Aloni, mehrere Schauspielerinnen sowie Milay Mer, die zwölfjährige Tochter des Getöteten, in Jaffa zusammen, um eine Schlüsselszene zu drehen. Darin diskutieren die Frauen erregt über ihre alltägliche Unterdrückung und stellen auf diese Weise die Frage nach der patriarchalischen Sozialstruktur der Palästinensergebiete. „Juliano hat uns auf die Bühne gebracht“, sagt eine der Schauspielerinnen, „und wir werden auf der Bühne bleiben.“ Hier wird vielleicht am deutlichsten, warum dieses Theater ein Brennpunkt nicht nur des kulturellen Widerstands ist, sondern auch eines überfälligen sozialen Wandels.

Die palästinensisch-amerikanische Koproduktion erhielt auf der Berlinale 2013 den „Cinema fairbindet“-Preis, den das Bundesentwicklungsministerium seit 2011 vergibt. Zudem gewann er auf dem MedFilm Festival in Rom den Open Eyes Award 2013. Der Film wird von Oktober bis Dezember 2013 im Rahmen der „Cinema fairbindet“-Roadshow in mehr als 20 deutschen Städten vorgestellt. (Reinhard Kleber)

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