Bundeswehr: Kämpfen und Sterben in Kundus

Sascha Brinkmann, Joachim Hoppe, Wolfgang Schröder (Hg.)
Feindkontakt. Gefechtsberichte aus Afghanistan
Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg 2013, 224 Seiten, 19,95 Euro

Deutsche Soldaten berichten von ihren Erfahrungen in Afghanistan. Sie geben einen drastischen Einblick in den Krieg am Hindukusch.

Im Jahr 2010 geriet die Bundeswehr in der Provinz Kundus im Norden Afghanistans in schwere Gefechte mit Aufständischen. Sie wurden nicht nur mit Kalaschnikows und Panzerfäusten angegriffen, sondern auch mit den gefürchteten improvisierten Sprengsätzen, die am Straßenrand vergraben waren und gezündet wurden, sobald ein Fahrzeug darüber fuhr.

In diesem Buch ist man mittendrin. Soldaten beschreiben, wie Panzerfäuste detonieren, Schüsse peitschen und Getroffene in sich zusammensacken. Verwundete wehren Angreifer in dreißig Meter Entfernung mit Handgranaten ab, Maschinengewehre fallen nach stundenlangem Schießen wegen Überhitzung aus. Die Soldaten schildern Patrouillen, Gespräche mit Dorfvertretern und die ständige Unsicherheit beim Vorrücken in ein Dorf.

Der Leser bekommt ein Gefühl dafür, wie es ist, von einem meist unsichtbaren Gegner attackiert zu werden, wie schwierig es war, afghanische Gesprächspartner einzuschätzen, und dass es bereits wenige Meter außerhalb der deutschen Außenposten lebensgefährlich werden konnte.

Vorwiegend Offiziere schildern das militärische Vorgehen der Bundeswehr, gemeinsame Aktionen mit US-Amerikanern, Belgiern und Afghanen. Ihre Berichte machen klar, dass der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch in dieser Zeit nicht anders als als Krieg bezeichnet werden kann. In diesem Buch scheppert es gewaltig, und beim Lesen stockt manches Mal der Atem.

Wem stand man eigentlich gegenüber?

In einem zweiten Abschnitt ordnen Autoren das Vorgehen der ISAF-Truppen weiter ein. Sie erläutern das taktische Vorgehen und geben zu, dass es an Informationen mangelte darüber, wem man eigentlich gegenüberstand, wer einem wohlgesonnen war und wer nicht. Was man nicht so genau erfährt: Wie viele „Gegner“ jeweils getötet werden. Es scheint, als wüssten es die Soldaten selbst nicht so genau.

Auch die Frage nach dem Sinn des Einsatzes wird nicht erschöpfend behandelt. In der Provinz Kundus sollte die Bevölkerung mit Hilfe von Elektrifizierung und neuen Straßen davon überzeugt werden, nicht mit den Taliban und anderen bewaffneten Gruppierung zu paktieren. Aber ohne Sicherheit war das nicht möglich, erklären die Autoren. Und die Aufständischen wollten solche Fortschritte verhindern.

Mehrere deutsche Soldaten sind in diesen Kämpfen gestorben, noch mehr wurden schwer verwundet und sind seitdem schwerbehindert. Und eine nicht bekannte Zahl der Soldaten hat psychische Schäden davongetragen, Traumata, die früher oder später ausbrechen und ihr Leben in eine Hölle verwandeln. Nach und nach wenden sich immer mehr Soldaten mit Berichten über ihre Erfahrungen an die Öffentlichkeit, so auch im bereits 2012 erschienenen Buch „Vier Tage im November“ des Fallschirmjägers Johannes Clair. Ende März ist der Film „Zwischen Welten“ über den Afghanistaneinsatz angelaufen.

Soldaten geben Einblicke in ihre Denkweise

Das vorliegende Buch ist wertvoll, weil die Soldaten darin Einblicke in ihre Denkweise und ihre militärisch geprägte Sprache geben. Ein Autor macht sich Gedanken über Begriffe wie Ehre und Vaterland. Das mag für Außenstehende überholt und fremd klingen. Soldaten denken aber über diese Begriffe nach und messen ihnen in unterschiedlichem Maße Bedeutung bei. Sie helfen ihnen offenbar, lebensbedrohliche Missionen durchzustehen.

Man muss nicht jeden Gedankengang in diesem Buch sympathisch oder richtig finden. Der große Verdienst der Autoren ist aber unbestritten, dass sie ein Gefühl dafür geben, was es seit einigen Jahren bedeuten kann, Soldat der Bundeswehr zu sein. Und es ist davon auszugehen, dass selbst die drastischen Schilderungen in diesem Buch längst nicht alles offenbaren. (Felix Ehring)

Erschienen in welt-sichten 4-2014


 

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