Schwieriger Drahtseilakt

Claire Magone, Michaël Neuman, Fabrice Weissman (Hg.)
Humanitarian Negotiations Revealed
The MSF Experience

C. Hurst & Co, London 2011,
287 Seiten, 19,99 Euro


Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ gewährt in diesem Buch Einblick in ihre Verhandlungen mit Regierungen und Rebellengruppen. Das ist hochinteressant, spannend zu lesen – und noch dazu ziemlich mutig.

Humanitäre Hilfe ist unabhängig und unparteiisch. Zumindest ist das der Anspruch der Helfer, die in Kriegsgebieten Opfer medizinisch versorgen oder Lebensmittel verteilen. Dieses Buch zeigt, wie schwierig es ist, diesem Anspruch zu genügen. Und es zeigt, dass sich humanitäre Helfer dabei mitunter auf Verhandlungen und Kompromisse mit Kriegsparteien einlassen müssen, mit denen man eigentlich nicht näher zu tun haben möchte. Für„Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins Sans Frontières, MSF) sind solche Deals dann gerechtfertigt, wenn sie dazu beitragen, das Leiden der Opfer zu verringern, schreibt Marie-Pierre Allié, die Präsidentin der französischen Sektion von MSF, in ihrer Einleitung. In Fallstudien aus Krisengebieten wie Sri Lanka, Afghanistan, Somalia oder Myanmar wird erklärt, inwieweit das gelingen kann und welche Bedingungen dafür erfüllt sein müssen.

Dabei werden Muster deutlich. Eines ist, dass Kriegsparteien humanitäre Hilfe für ihre Zwecke instrumentalisieren. Das war in Sri Lanka so, wo die Regierung die „Ärzte“ am Ende des Bürgerkriegs im Frühjahr 2009 zunächst daran hinderte, in die umkämpften Gebiete zu gelangen, sie dann aber –nachdem die tamilischen Rebellen geschlagen waren– regelrecht dazu einlud, in den Flüchtlingsund Internierungslagern eine medizinische Versorgung aufzubauen. Das ist auch in Afghanistan so, wo sich MSF sogar mit drei Parteien arrangieren muss: der Regierung, den Aufständischen und den Soldaten aus dem Westen.

In Somalia wollten die „Ärzte“ in einem Außenbezirk von Mogadischu eine Kinderklinik einrichten. Der Bedarf war da, aber die zu dieser Zeit dort herrschenden islamistischen Rebellen sowie die mächtigen Clanführer wollten lieber einen Operationssaal– den MSF dann auch wunschgemäß lieferte, um die Akzeptanz ihrer Anwesenheit nicht zu gefährden. Das Beispiel zeigt, wie weit Hilfsorganisationen Machthabern vor Ort manchmal entgegenkommen müssen, um überhaupt arbeiten zu können. Die Studie zu Somalia macht zudem deutlich, wie standfest und nervenstark humanitäre Helferinnen und Helfer sein müssen, die in Regionen arbeiten, wo ihnen buchstäblich die Kugeln um die Ohren fliegen und die Machtverhältnisse ständig wechseln.

Das Buch gewährt auch Einblick in die Debatten innerhalb der vor 40 Jahren in Frankreich gegründeten Organisation, inwieweit man zu kriegerischen Konflikten politisch Stellung beziehen und sich für militärische Interventionen aussprechen soll. Die Meinungen dazu schwanken bis heute und unterscheiden sich auch deutlich zwischen den MSF-Sektionen in verschiedenen Ländern. Insgesamt aber sei die Skepsis gegenüber einem „humanitären Interventionismus“ in den vergangenen zehn Jahren gewachsen, schreibt Fabrice Weissman vom MSF-Forschungszentrum in Paris – auch weil in Zeiten des „Krieges gegen den Terror“ intervenierende Mächte zunehmend versuchen, humanitäre Helfer für ihre Zwecke einzuspannen.

Die „Ärzte ohne Grenzen“ geben sich mit diesem Buch durchaus die eine oder andere Blöße, räumen Fehler und Irrtümer ein. Das schmälert die Hochachtung vor ihrer Arbeit in den Kriegs- und Katastrophengebieten dieser Welt aber keineswegs. Im Gegenteil.


Tillmann Elliesen

 

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