Welt ohne Sinn

Der ägyptische Autor Ahmed Khaled Towfik hat einen düsteren und verstörenden, gleichzeitig aber ungemein spannenden Roman vorgelegt: Bleibt nur die Hoffnung, dass seine Vision sich nicht erfüllen wird.

Towfik bedient keines der gängigen Klischees über die arabische Literatur. Nichts erinnert an das erzählerische Schwelgen des Literaturnobelpreisträgers Nagib Mahfus und nirgends wird ein Orient beschworen, an dem sich westliche Leser ergötzen könnten. „Utopia“ ist ein erschreckendes Gesellschaftsbild, das die aktuellen Verhältnisse in Ägypten in eine nicht allzu ferne Zukunft verlegt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist so weit aufgegangen, dass sich zwei getrennte, extrem polarisierte Völker herausgebildet haben, die keine Mittelschicht mehr verbindet: eine hochexplosive Situation.

Der Romantitel ist der Name, den Towfik einer Luxuskolonie irgendwo an der ägyptischen Mittelmeerküste gegeben hat. In „Utopia“ haben sich die Superreichen eingerichtet. Scharfe Kontrollsysteme und ein Heer von Marines halten sie abgeschottet von den Armen, die in dem verelendeten, anarchischen Moloch Kairo leben. In drastischer Manier, teilweise sogar ekelerregend,  beschreibt Towfik das sinnentleerte Leben hier wie dort. Die einen sind durch Armut und Hunger zu gefühllosen Tieren geworden. Die anderen ersticken förmlich an den unbegrenzten Möglichkeiten und ertragen die große Langeweile nur noch mit Sex, Drogen und Horrorvideos.

Die Jeunesse d’Orée in Utopia hat nur noch einen großen Traum: Einmal einen Menschen aus der Armenkolonie zu jagen, brutal zu töten und dann mit einer Trophäe – etwa einem abgetrennten Arm – nach Utopia zurückzukehren. Dann werden ein junger Mann und seine Freundin auf einer solchen Jagd enttarnt – und es beginnt ein spannungsgeladener Thriller, bei dem nie klar ist, wer hinter wem her ist.

Beide „Völker“ sind sich erschreckend ähnlich. Die Reichen „nehmen Drogen, um der Langeweile zu entfliehen. Sie praktizieren die Religion, weil sie fürchten, alles zu verlieren, denn sie wissen nicht, warum und wie sie es verdienen. Wir nehmen Drogen, um die quälende Gegenwart zu vergessen. Wir praktizieren die Religion, weil wir es nicht aushalten, uns für nichts und wieder nichts so zu schinden“, lässt Towfik einen jungen Mann aus der Armenkolonie sagen. Das mag zynisch klingen, angesichts der realen Kluft zwischen Arm und Reich in Ägypten und der gesamten arabischen Welt, lässt sich diese Aussage aber kaum von der Hand weisen.

Erstaunlich ist, dass Towfik seinen Roman schon 2009 geschrieben hat, also vor den Umwälzungen, die als Arabischer Frühling bezeichnet werden. Die Hoffnungen der jüngsten Revolutionen sind mittlerweile wieder zerstört und mehr denn je steht die Frage im Raum: Wohin treibt die arabische Welt? Es fällt schwer, der Utopie Towfiks etwas entgegenzusetzen, der eingangs klarstellt, dass die Luxuskolonie und alle beschriebenen Personen rein fiktiv seien, „wenn sich der Autor auch der baldigen Existenz dieses Ortes gewiss ist“. Bleibt zu hoffen, dass „Utopia“ eine Utopie bleibt und nicht irgendwann zur Realität wird.                                

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