Letzter Ausweg Emigration

Acht der zehn Städte mit den weltweit höchsten Mord­raten liegen in Lateinamerika. Die Autoren dieses Sammelbandes untersuchen Ursachen und Auswirkungen der ausufernden Gewalt und beleuchten Lösungsansätze.

Von den 60er bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben Diktaturen und Guerillabewegungen, paramilitärische Gruppen und Bürgerkriegsfraktionen das Leben in vielen lateinamerikanischen Städten geprägt. Inzwischen haben die Diktatoren weitgehend abgedankt, die bewaffneten Konflikte sind fast überall beendet. Aber die Gewalt hat nicht ab-, sondern zugenommen: 2009 starben in Rio de Janeiro mehr Menschen durch Polizeigewalt als während der 21-jährigen Militärdiktatur in ganz Brasilien getötet oder zum Verschwinden gebracht wurden. In El Salvador wurden nach dem Friedensabkommen 1992 mehr Menschen von Banden oder der Polizei ermordet als während des gesamten Bürgerkriegs von 1979 bis 1992.

Dass diese Entwicklung etwas mit der rasanten Verstädterung und dem Anwachsen der Elendsviertel zu tun hat, liegt auf der Hand. Und doch warnt das niederländische Herausgeberduo davor, einen direkten Zusammenhang zwischen Armut und Gewalt herzustellen. Sie betonen, dass vor allem soziale Ausgrenzung, Mangel an legalen Einkommensquellen und fehlende staatliche Präsenz Unsicherheit und Gewalt generieren – gepaart mit der allzu leichten Verfügbarkeit von Feuerwaffen, die die bewaffneten Konflikte hinterlassen haben.

Für ihre Analyse vergleichen sie Städte mit ähnlichen Charakteristika wie beispielsweise Bogotá und Caracas, die zentralamerikanischen Hauptstädte San Salvador und San José, oder auch die karibischen Metropolen Kingston und Santo Domingo. Bogotá galt noch vor 20 Jahren als eine der gefährlichsten Städte der Welt, heute ist die dortige Mordrate vergleichsweise gering. In Caracas ist es genau umgekehrt. „Von der Zweigstelle des Himmels zur urbanen Hölle“ heißt das Kapitel, in dem beschrieben wird, wie die Regierung von Hugo Chávez Caracas verändert hat. So erlaubte die wenige Monate nach Chávez‘ Amtsantritt 1999 verabschiedete neue Strafprozessordnung Festnahmen nur, wenn Täter in flagranti erwischt werden – und verbot eine Untersuchungshaft von mehr als zwei Jahren.

Polizisten ließen Verbrecher lieber laufen, als sie festznehmen

Deshalb wurden praktisch über Nacht über 8000 potentielle Gewalttäter aus der Untersuchungshaft entlassen – 35 Prozent der gesamten Gefängnispopulation. Polizisten, die ihre Autorität erschüttert sahen, ließen Verbrecher lieber laufen, als sie festzunehmen. Dazu kam, dass Hugo Chávez die Verfassung und damit auch die Rechtsordnung attackierte und die alte Weisheit „Gewalt ist die Waffe der Dummen“ in Frage stellte.

In Bogotá dagegen konnte in den 1990er Jahren Bürgermeister Antanas Mockus mit seinem Konzept der Bürgererziehung sowie mit Verbesserungen des Transportwesens und anderer städtischer Infrastruktur einen bereits vorhandenen Trend zur Abkehr von der Gewalt noch verstärken.

In San Salvador drosselte im Jahr 2012 ein Abkommen zwischen Staat und Bandenchefs die von Jugendbanden ausgehende Gewalt. Danach sank zwar die Zahl der Morde – Drogenhandel und Schutzgelderpressungen aber bestehen fort, und die Bewohner arrangieren sich damit. Eltern halten ihre Kinder an, zu Hause zu bleiben. Die Freizeit verbringt man nicht auf der Straße, wo man von den Banden entweder schikaniert oder zum Mitmachen animiert wird, sondern in von privaten Sicherheitsdiensten geschützten Shopping Malls. Als letzter Ausweg bleibt die Emigration in die USA.

Dieser auf neuer Feldforschung und Fallstudien basierende Band bietet sowohl wissenschaftlich Arbeitenden als auch Politikern und allen Lateinamerika-Interessierten wertvolle Ansätze und Informationen. Ein Patentrezept gegen die ausufernde Gewalt wird nicht geliefert. Zu unterschiedlich sind die Erfahrungen. Doch überall dort, wo es gelungen ist, die Mordrate zu senken, haben kommunale Verwaltungen mit Initiativen der Zivilgesellschaft an einem Strang gezogen.

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