Vom Versagen der Väter geprägt

Melanie Verwoerd und Sonwabiso Ngcowa haben 16 junge Erwachsene in Südafrika zu ihrer Identität, ihren Zukunftsplänen und ihrer Position in der Gesellschaft befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd. Doch zumindest im Privaten geben sich die „Frei Geborenen“ hoffnungsvoll.

Yonela ist Rapperin und lesbisch. Seit ihre Schwester ermordet wurde, lebt sie in Angst. Jenna stammt aus einer privilegierten weißen Familie und leidet an einer seltenen Lungenkrankheit. Ihr größter Wunsch ist es, ihren 21. Geburtstag zu erleben. Wandisa wuchs in schwierigen Verhältnissen ohne Eltern auf, fand einen Freund und erstach im Affekt eine Nebenbuhlerin. Joost kommt aus Orania, wo es eine eigene Währung, eigene Feiertage, aber keine Schwarzen gibt. Als Rassist sieht er sich nicht.

Alle vier haben eines gemeinsam: Sie sind Teil der ersten Generation, die 1994 nach dem Ende der Apartheid in Südafrika geboren wurde. Sie, die so genannten „Frei Geborenen“, sind fast oder gerade 21 Jahre alt, fühlen sich aber nicht sonderlich frei.

Befragt und porträtiert werden sie – wie zwölf weitere junge Erwachsene – von Melanie Verwoerd, die 1967 in eine weiße Burenfamilie geboren und 1994 als jüngste Abgeordnete ins südafrikanische Parlament gewählt wurde, und von dem Schriftsteller Sonwabiso Ngcowa, Jahrgang 1984. Die Protokolle zeigen junge Menschen, die sich viele Gedanken über sich, ihre beruflichen Perspektiven und ihre Familie machen, die sich aber kaum mit der politischen Situation des Landes auseinandersetzen. Sie streben nach dem persönlichen Glück. Der Gesellschaft, die ihnen wenig Chancen gegeben hat, fühlen sie sich kaum verpflichtet. Viele mussten ihre Ausbildung abbrechen, als kein Geld mehr da war. Der Staat fängt sie nicht auf. Manche sind so arm, dass sie in ihrem Zuhause noch nicht einmal Strom hatten.

Überraschend klar reden sie über ihre sexuelle Orientierung oder ihrer Herkunft, auch wenn sie dafür zum Teil offen diskriminiert werden. Yonelas Schwester wurde beispielsweise ermordet, weil sie offen lesbisch war. Die Porträtierten investieren trotz allem viel Energie in ihre Ausbildung und blicken hoffnungsvoll in die Zukunft. Ihre Bemühungen zielen aber fast ausschließlich auf ihr Privatleben und stehen im klaren Gegensatz zu den Protestbewegungen, die 2015 in Südafrika gegen die Erhöhung der Studiengebühren auf die Straße gegangen sind.

Beschreibungen der noch immer relativ starken Trennung von Schwarzen und Weißen durch sozioökonomische Unterschiede und eigene Wohnviertel durchziehen das Buch. Zeigt eine schwarze Person zu viel Ambitionen, wird sie von ihren Mitmenschen als „Kokosnuss“ beschimpft, erzählt eine der Interviewten: außen dunkel, aber innen weiß. Das zeigt, wie sehr der Rassismus noch immer präsent ist in einer Gesellschaft, die Segregation eigentlich für immer hinter sich lassen wollte.

Ein Narrativ findet sich in fast allen Biografien: das Versagen der Väter. Sie sind entweder unbekannt, abwesend oder untreue, gewalttätige Alkoholiker. Viele der Interviewten nennen als ihren größten Wunsch eine intakte Familie.

Über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Südafrikas in den vergangenen beiden Jahrzehnten erfährt der Leser relativ wenig. Die zum Teil extrem verlaufenden Biografien nehmen den meisten Raum ein, vermitteln dabei aber durchaus eine Menge über den Zustand des Landes.

Ngcowas und Verwoerds Stil ist schlicht. Ihre Ich-Perspektive gerät, insbesondere bei Verwoerd, allerdings oft rührselig und naiv. Zu oft drängen sie sich in den Vordergrund. Die demonstrative Bewertung der Gefühle ihrer Interviewpartner liest sich arg suggestiv und nimmt dem Leser viel zu oft die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von der Persönlichkeit der „Frei Geborenen“ zu machen.

„Südafrika mit 21“ ist keine Studie. Das Buch erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Es liefert weniger einen Einblick in die südafikanische Gesellschaft nach der Apartheid, als dass es ein Abziehbild jugendlicher Biografien in einem nach wie vor zerrissenen Land ist, das nach seiner Identität sucht. „Ich möchte gern jemand sein. Frei und ohne Angst herumlaufen können“, sagt die Rapperin Yonela an einer Stelle.  An diesem Wunsch hat sich offenbar auch 21 Jahre nach dem Ende der Apartheid nicht viel geändert.

 

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