Verblasster Regenbogen

Die Euphorie in der vielbeschworenen Regenbogennation Südafrika ist lange verflogen. In ihrem ersten Roman greift die Poetin und Schauspielerin Ameera Patel die große Kluft zwischen Arm und Reich auf.

Exzessive Drogenparties verwöhnter weißer Jugendlicher und skrupellose kriminelle Netzwerke, die diese beliefern, bilden den Rahmen dieser düsteren Familiengeschichte, die zum Thriller wird. Es ist das Erstlingswerk der jungen Autorin, die bislang für das Fernsehen und Theater geschrieben hat. Tatort ist Johannesburg, die keineswegs nur nach Hautfarben, sondern vor allem nach Einkommen und Besitz geteilte Industriemetropole am Witwatersrand. Hier lebt Familie Joseph. Oder besser gesagt: Hier geben sich Vater Frank und Tochter Cathleen gelegentlich die Klinke in die Hand. Ihr Familienleben ist längst aus den Fugen geraten. Seit Jennifer, die Ehefrau und Mutter, gestorben ist, verharren sie wie in Schockstarre. Die Tage verschwimmen, Frank verliert seinen Job, die Ersparnisse sind rasch aufgebraucht und es kostet ihn unendlich viel Kraft, sich nach etwas Neuem umzuschauen. Seine sozialen Kontakte hat er weitgehend aufgegeben, Trost sucht er im Alkohol.

Auch Tochter Cathleen betrinkt sich besinnungslos, verbringt die Nächte in Clubs und torkelt tagsüber von einem Kokainrausch zum nächsten. Ihr kleiner Bruder James taucht nur selten und schemenhaft auf. Dafür treten der illegal beschäftigte Anstreicher Runyararo aus dem Nachbarland Simbabwe und die Haushälterin Flora auf den Plan. Nach Apartheidmanier bewohnt Flora weiterhin ein winziges Zimmer im Hinterhof der Familie Joseph. Hier herrscht noch die räumliche Ordnung, die über Jahrzehnte eine Säule der Apartheidpolitik bildete: Die Ausbeutung der Angestellten in privaten Haushalten. Floras enges Zimmer gleicht einem Sperrmülllager, denn die Josephs entsorgten hier ihre alten Möbel. Auf dem Fußboden schläft ihr Sohn Zilindile, der seine Partygänge mit Drogenhandel verdient. Cathleen zählt zu seinen Kundinnen. Die Drogen haben beide in Abhängigkeiten gebracht, nun versinken sie in einem Strudel an Lügen und dubiosen Machenschaften.

Während Zilindile aber Vater wird, plötzlich Verantwortung übernehmen und Beziehungskonflikte aushalten muss, entpuppt sich Cathleen als skrupellose Egoistin. Sie ist zu allem bereit, solange sie nur ihre nächste Drogenration erhält. Das von ihrem Vater und auch von der Hausangestellten geliebte und gehätschelte Mädchen schreckt nicht davor zurück, Unschuldige ins Unheil zu stürzen. Gleichzeitig lässt sie sich auf falsche Freunde ein.

Man fragt sich, ob die Story anders verlaufen wäre, wenn Jennifer noch lebte. Trauer allein für Drogensucht, Hinterlist und Gewaltausbrüche verantwortlich zu machen, ist wenig glaubwürdig, vor allem wenn das Leben von Menschen aufs Spiel gesetzt wird. Doch möglicherweise will die Autorin genau diesen Reflexionsprozess anregen.

Für das deutsche Publikum wäre ein Nachwort mit Erläuterungen zur Geschichte und Gegenwart Johannesburgs hilfreich gewesen. Nicht jeder Tourist schlendert durch die Siedlungen, in die das Apartheidregime beispielsweise Südafrikaner indischer Herkunft verfrachtete. Deren Bewohner spielen aber im Roman eine Rolle, was hier aus Gründen der Spannung nicht vorweg genommen werden soll.

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