04.06.2018

Biografie einer Legende

Die ägyptische Sängerin Oum Kulthum gilt als berühmteste Künstlerin der arabischen Welt im 20. Jahrhundert. Shirin Neshat widmet ihr ein Filmporträt, das auch den eigenen Lebensweg reflektiert.

Auf der Suche nach Oum Kulthum. Deutschland, Österreich, Italien 2017. Regie: Shirin Neshat, 90 Minuten, Kinostart: 7. Juni 2018
Die Regisseurin Shirin Neshat, die 1957 im iranischen Ghazvin geboren wurde und seit 1975 in den USA lebt, gilt als bedeutendste und erfolgreichste iranische Foto- und Filmkünstlerin. In ihren vielfach ausgezeichneten Fotoserien, Kunstvideos und Installationen hat sie sich immer wieder mit der Lage von Frauen in muslimischen Ländern auseinandergesetzt.

Schon 2010 kam die feministische Künstlerin auf die Idee, einen Film über die legendäre ägyptische Sängerin Oum Kulthum (1900 bis 1975) zu machen, die auch über vier Jahrzehnte nach ihrem Tod in der muslimischen Welt verehrt wird und deren Gesang dort noch immer erklingt. Realisiert hat Neshat nach jahrelangen Recherchen keine konventionelle Biografie, sondern eine autobiografisch grundierte Film-im-Film-Komposition, in die sie ihre eigene künstlerische Annäherung an die Sängerin einfließen lässt.

Neshats filmisches Alter Ego ist die iranische Regisseurin Mitra, die in Marokko ihr Traumprojekt verwirklichen kann: einen Spielfilm über die von ihr verehrte ägyptische Sängerin Oum Kulthum. Die Hauptrolle vertraut sie der schüchternen, aber stimmgewaltigen ägyptischen Darstellerin Ghada an.

Der Film soll vor allem zeigen, welche Hindernisse Kulthum in der konservativen muslimischen Gesellschaft überwinden und welche Opfer sie für ihren Erfolg bringen musste, etwa den Verzicht auf ein traditionelles Familienleben. Eingebaute Fotos und Bewegtbilder in Schwarz-Weiß zeigen den historischen Kontext, die ägyptische Revolution 1952 und einen feministischen Protestzug in Ägypten 1914, bei dem verschleierte Frauen skandieren: „Politische Gleichheit für alle Frauen!“ Ein weiteres Bilddokument zeigt die Beisetzung Oum Kulthums, an der 1975 vier Millionen Menschen teilnahmen. Es war die zweitgrößte Trauerfeier in Ägypten nach der für Präsident Gamal Abdel Nasser im Jahr 1970.

Neshat rekonstruiert wichtige Stationen des Lebens und der Karriere von Kulthum. Szenische Höhepunkte bilden zwei imposante Konzerte vor König Faruk beziehungsweise Staatschef Nasser, der die Sängerin einmal als „vierte Pyramide Ägyptens“ rühmte. Dazwischen werden wir Zeuge, wie sich Mitra immer wieder mit Ressentiments von Männern am Set herumschlagen muss. Als ihr 14-jähriger Sohn, den sie im Iran zurücklassen musste, plötzlich verschwindet, bekommt sie Schuldgefühle und gerät in eine Krise. Zunehmend zweifelt sie an ihrem Konzept, die Frau und Künstlerin hinter dem Mythos Kulthum sichtbar zu machen. In einem surrealen Finale trifft Mitra auf eine Reinkarnation Kulthums, die es ablehnt, dass Mitra sie auch in Situationen des Scheiterns zeigt.

Die elegant arrangierte Metaebene ist nicht nur für Cineasten reizvoll. Shirin Neshat setzt sich auf diese Weise auf zwei Zeitebenen mit patriarchalischen Strukturen auseinander. Wie Kulthum damals, erschweren sie heute Mitra – und mit ihr Neshat – eine freie Entfaltung als Künstlerin und ein selbstbestimmtes Leben als Frau. Am Ende bleibt aber auch Wehmut: Wie Mitra ist es Neshat zwar gelungen, uns den Menschen Oum Kulthum näherzubringen, nicht aber, die schillernde Kunstfigur zu entschlüsseln.

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