Kurz vor der Explosion

Kamran Safiarian
Pulverfass Iran
Wohin treibt der Gottesstaat?

Herder Verlag, Freiburg 2011,
198 Seiten, 14,95 Euro

Der Fernsehjournalist Kamran Safiarian wirft einen nüchternen Blick hinter die Kulissen der Islamischen Republik Iran.

Der Iran sorgt regelmäßig für unerfreuliche Schlagzeilen: Der Atomstreit mit dem Westen, die Inhaftierung ausländischer Journalisten, die Steinigung von Ehebrecherinnen. Doch was treibt die Machthaber in Teheran, sich immer wieder mit den westlichen Regierungen anzulegen? Und was ist aus den Demonstranten der „Grünen Bewegung“ geworden, die nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 so zahlreich auf die Straße gingen?

Dem ZDF-Journalisten Kamran Safi arian gelingt es in seinem Buch, diese Fragen weitgehend zu beantworten und einen Einblick in die diffusen Machtstrukturen und die gesellschaft lichen Verhältnisse der Islamischen Republik zu vermitteln. Als Sohn eines Persers und einer Deutschen, der im Iran aufgewachsen ist und in Deutschland lebt, besitzt Safiarian dafür sowohl die Kenntnis als auch die nötige Distanz. Nüchtern und verständlich beschreibt er das Machtgerangel zwischen Präsident Mahmud Ahmadinedschad und dem Obersten Religiösen Führer, Ayatollah Chamenei, dem eigentlichen starken Mann. Wer sich fragt, ob nach den Revolutionen in Ägypten und Tunesien auch im Iran ein Regimewechsel möglich sei, erhält eine wenig zuversichtliche Einschätzung: Die Opposition sei zu zerstritten und ein eng gestricktes Netz aus verschiedenen Geheimdiensten, das sogar im Ausland Jagd auf Oppositionelle mache, verhindere politischen Widerstand. In Ägypten und Tunesien schlug sich das Militär auf die Seite der Demonstranten. Um dieser möglichen Schwachstelle im Machtapparat vorzubeugen, gibt es im Iran die Pasdaran, eine zweite Streitmacht, auch als Revolutionsgarden bezeichnet. Deren Mitglieder genießen vielfältige Privilegien und sind stark in der Ideologie der Islamischen Republik verwurzelt.

„Wer in einer Gesellschaft wie der iranischen lebt, lebt immer in zwei Welten – der privaten zu Hause in den eigenen vier Wänden und der öffentlichen Welt draußen“, erklärt Safiarian. Überall bestehe die Gefahr, denunziert zu werden. Auch dass nirgends sonst auf der Welt so viele Drogenabhängige wie im Iran leben, erklärt der Autor mit dieser doppelten Wirklichkeit. Tagsüber lebten die Iraner sich gegenseitig ein Leben nach strengen islamischen Moralvorschrift en vor und abends ließen sie im Verborgenen die Masken fallen. Es komme vor, dass sie direkt bei den Sittenwächtern Alkohol kauften, den die zuvor auf einer anderen Party beschlagnahmt haben. Zugleich bestünden große Unterschiede zwischen den Großstädtern mit eher westlich geprägten Ansichten und den streng gläubigen Muslimen auf dem Land, betont der Autor. Die „Grüne Bewegung“war, anders als die Islamische Revolution 1979, keine Volksbewegung. Vor allem Studenten und Studentinnen aus den Städten brachten auf der Straße ihren Unmut über die Wahlen und das Regime zum Ausdruck. Auf dem Land genießt Ahmadinedschad, den Safiarian als religiösen Fanatiker beschreibt, dessen„Unberechenbarkeit“ der Westen unbedingt ernst nehmen solle, einen weitaus größeren Rückhalt. Für die Armen, die er mit seinem angeblich einfachen Lebensstil beeindruckt hat, sei er eine Art „Robin Hood“. Auch wenn er mit seiner Wirtschaft spolitik dazu beigetragen hat, dass der Lebensstandard von Jahr zu Jahr sinkt. Die „Grüne Bewegung“ hat die Menschen in Ägypten und Tunesien inspiriert, auf die Straße zu gehen. Doch ihre Aktivisten wurden nicht mit Freiheit belohnt, sondern sitzen zum großen Teil im Gefängnis.


Saara Wendisch

 

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