Den Kongo verstehen

Jason K. Stearns
Dancing in the Glory of Monsters.
The Collapse of the Congo and the Great War of Africa

Public Affairs, New York 2011, 384
Seiten, 19,95 Euro

Séverine Autesserre
The Trouble with the Congo. Local Violence and the Failure of International Peacebuilding
Cambridge University Press, Cambridge
2010, 312 Seiten, ca. 22 Euro


Scharfe Analyse versus persönliche Geschichten: Zwei sehr unterschiedliche Bücher zeigen, wie man die Kriege im Kongo erklären kann – und wie nicht. Eine Kombination aus beidem wäre ideal.

Kizito war 16 Jahre alt, als in Bukavu der Krieg ausbrach. Die Rebellen von Laurent-Désiré Kabila verjagten die korrupte Armee des Diktators Mobutu Sese Seko und bliesen zur Revolution. Der Schuljunge schloss sich wie Tausende andere der Kabila-Rebellenarmee AFDL (Allianz Demokratischer Kräfte zur Befreiung von Kongo) an und wurde Soldat beim Sturz Mobutus in jenen heldenhaft en Tagen von 1996/97, als in einem der korruptesten Länder der Erde eine andere Welt möglich schien.

Zehn Jahre später geht Jason Stearns mit Kizito dorthin zurück, wo er von der AFDL unter Anleitung Ruandas ausgebildet worden ist. Er lässt sich erzählen, wie das damals war. Nach Wochen fast ohne Essen, mit erniedrigenden Bestrafungsritualen, erklärte der ruandische Ausbilder den jungen Rekruten: „Die Armee ist jetzt eure Familie. Aber ihr müsst wissen, dass ihr jeden Augenblick sterben könnt. Habt ihr jemals jemanden sterben sehen? Nein?“ Er ließ sechs Häftlinge aus dem Gefängnis holen, ließ die ersten hinrichten: mal per Präzisionsschuss, mal per Enthauptung. Der noch zuckende Kopf wurde herumgereicht. Dann durften die Jungen ran – jetzt waren sie wirklich Soldaten. Und dann erst – das ist das Erfolgsgeheimnis der ruandischen Profis in den Kriegen im Afrika der Großen Seen – begann das eigentliche Militärtraining im Feld. Und dann der Krieg.

Stearns erzählt Kizitos Geschichte als eine von vielen. Sie macht unmittelbar deutlich, wie die Kongokriege mit ihrer teils unfassbaren Grausamkeit vonstatten gingen und wie unergründlich viele der Vorgänge scheinen. Immer wieder kommen in dem Buch solche Einzelgeschichten von Kriegsteilnehmern vor, vor allem aus Süd-Kivu, der Nachbarprovinz Ruandas im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Man würde sich wünschen, dass die vielen Vignetten, die Stearns meisterhaft aneinanderreiht, sich zu dem Ganzen zusammenfügten, das Stearns am Anfang seines Buches verspricht: der „deep history“ des Kongokonflikts: „Die Hauptakteure sind nicht einfach Wilde, die töten und getötet werden. Sie sind denkende, atmende Menschen.“

Aber Stearns gelingt es nicht, den Kongokrieg als kohärentes Ereignis zusammenzuführen. Die Zusammenhänge, die er aufschreibt, sind bekannt: zum Beispiel dass die Flucht der für den Völkermord in Ruanda Verantwortlichen in den Kongo später zu Ruandas militärischem Eingreifen führt. Die oft widersprüchlichen Wege und Überlegungen einzelner Akteure allerdings bleiben im Dunkeln. Das ist umso frustrierender, als Stearns alle persönlich kennt – als Mitarbeiter der ICG (International Crisis Group) und später der UN-Mission im Kongo (Monuc) war er an der Konfliktlösung und dem Friedens- und Übergangsprozess beteiligt. Diesen könnte er mitsamt seinen Wirrungen von innen heraus erzählen. Aber wahrscheinlich darf er es nicht. So bleibt sein Buch trotz seiner Brillanz ein Ausdruck des Scheiterns.

Warum dieses Scheitern wohl unvermeidlich ist, analysiert die französische Politikwissenschaftlerin Séverine Autesserre. Ihr Buch ist eine schonungslose, überfällige und sehr präzise Analyse des Unvermögens der internationalen Friedensstiftungs- und Hilfsindustrie, die Konflikte im Kongo zu beenden, trotz Friedensprozessen und freien Wahlen. Der Apparat der „internationalen Gemeinschaft “, allen voran die UNO, die den Kongo seit etwa 2003 intensiv betreut und begleitet, macht für Autesserre einen fundamentalen Denkfehler: Er analysiert die Konflikte von oben, als reines Problem der politischen Macht auf nationaler Ebene. Sobald die Machtfrage geklärt ist – erst durch Friedensabkommen, dann durch Wahlen –, werden Kriegsparteien zu illegitimen Akteuren und lokale Gewalt zu einem Störfaktor, dessen Opfer man zwar humanitär betreut, dessen Gründe aber keiner weiteren Analyse bedürfen.

Deswegen ist die Weltgemeinschaft bis heute ratlos angesichts der Instabilität im Ostkongo. Sie sieht die Gewalt dort allein als das Ergebnis von Konflikten, die von außen eingeschleppt sind, ignoriert die lokale Konfliktdynamik und ist daher auch unfähig, eine lokale Friedensdynamik zu unterstützen und die Beteiligten am Ort ernst zu nehmen. Autesserre bietet in ihrem Buch alternative Ansatzpunkte, die auf einem Verständnis lokaler Gegebenheiten beruhen. Die Konsequenz ist das Gegenteil des bestehenden Modells, wonach man erst im Kongo einen Staat wiederherstellt und dann dessen „Wiederherstellung der Autorität“ mit militärischer Gewalt unterstützt. Man würde sich wünschen, dass jemand mit der analytischen Schärfe von Autesserre und der persönlichen Kenntnis von Stearns die Konflikte im Kongo so erschöpfend recherchiert und aufschreibt, dass wirklich eine „deep history“ herauskommt.


Dominic Johnson

 

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