Nebenstrecken durch das Regenbogenland

Südafrika ist ein Magnet für deutsche Touristen: Gute Infrastruktur, atemberaubende Landschaften und spektakuläre Tiersafaris locken immer mehr Reisende an. Die Journalistin Leonie March zeigt örtliche Entwicklungsansätze und kulturellen Austausch abseits bekannter Strecken.

Die meisten Reiseunternehmen in Südafrika sind im Besitz von Weißen und viele Reiseführer empfehlen die immer gleichen Routen. Wer wirklich etwas vom Land kennenlernen will, dem sei das Buch von Leonie March empfohlen. Die Journalistin lebt seit einigen Jahren in der Hafenstadt Durban und dort beginnt ihre Reise. March fragt, inwieweit Nelson Mandelas Ideale 100 Jahre nach seinem Geburtstag und fünf Jahre nach seinem Tod Wirklichkeit geworden sind. Zum Maßstab nimmt sie die christlich geprägten Visionen des früheren anglikanischen Erzbischofs von Kapstadt, Desmond Tutu, von einer Regenbogennation, also einem Zusammenwachsen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

Die Autorin stellt Tutus Versöhnungsnationalismus bereits im ersten Kapitel auf die Probe, denn ihre Erkundungstour beginnt nicht in einer der zahlreichen Kirchen Südafrikas, sondern auf einem Markt mit traditioneller Medizin und in einem Hindu-Tempel. Während zulusprachige Kunden, die sonntags bibeltreue Kirchgänger sind, hier Heilsubstanzen aus der Pflanzen- und Tierwelt einkaufen und alles, was man sonst noch zum Leben braucht, pilgern wenige Kilometer außerhalb der Stadt festlich gekleidete Hindus am Kavady-Fest zu einem wichtigen Tempel. Dieser liegt unweit großer Zuckerrohrfelder, auf denen die Vorfahren der Südafrikaner indischer Herkunft für Hungerlöhne als Vertragsarbeiter schuften mussten. Ganze Familien wurden Ende des 19. Jahrhunderts für diesen Zweck aus Indien geholt. All das lässt March indische Bekannte und Festteilnehmer erklären. Solche Gespräche an besonderen Orten durchziehen das ganze Buch – und machen es so lesenswert.

Auch von einer zweiten, noch länger ausgebeuteten Bevölkerungsgruppe erfährt man in einem wichtigen religiösen Zentrum, an dem viele Reisende ahnungslos vorbeigehen. Es ist die Auwal Masjid, die älteste Moschee Südafrikas mitten in Kapstadt. Verantwortlich für ihren Erhalt ist eine allseits respektierte Frau, deren Vorfahren von fernen Inseln im Indischen Ozean als Sklaven ans Kap verschleppt wurden. Zwischen 1658 und 1834 war Südafrika eine Sklavenhaltergesellschaft. Sklavinnen waren die Ururgroßmütter zahlreicher heutiger Südafrikaner, die viel auf ihr Weißsein halten.

Nach der Abschaffung der Sklaverei arbeiteten Wanderarbeiter aus dem Ostkap im Großraum Kapstadt, die in Armensiedlungen untergebracht waren. Heute sind dort in Eigenregie zahlreiche Jugend- und Kulturprojekte entstanden. Einige werden von deutschen Kommunen und Studentinnen und Studenten unterstützt.

Am Rande einer früheren Missionsstation, in abgelegenen Dörfern mitten in der Halbwüste Karoo und im fruchtbaren Tiefland nahe der Grenze zu Simbabwe trifft die Autorin Schriftsteller und Kunsthandwerker aller Altersgruppen und unterschiedlicher Herkunft. Gebrochene Lebensgeschichten wie die des Satirikers Pieter-Dirk Uys, dessen jüdische Mutter vor den Nazis aus Berlin ans Kap floh, veranschaulichen die Last der Vergangenheit. Gleichzeitig lässt March ihre Leser teilhaben am pragmatischen Ideenreichtum und hintersinnigen Humor der Menschen. Das ist es, was Südafrika zusammenhält. So trägt ihr gut geschriebenes Buch viel zum Verständnis dieses widersprüchlichen und faszinierenden Landes bei.

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