14.11.2018

Weltmacht Zahlkarte

Der Ökonom und Handelsblatt-Journalist Norbert Häring beschreibt in seinem Buch kenntnis- und detailreich, wie das Finanzkapital mit Hilfe der Digitalisierung von Bezahlvorgängen die Welt tributpflichtig macht.
 

Norbert Häring: Schönes neues Geld. PayPal, WeChat, Amazon Go – Uns droht eine totalitäre Weltwährung. Campus-Verlag, Frankfurt/New York 2018, 256 Seiten 19,95 Euro, E-Book: 16,99 Euro
Seit den 1980er Jahren erhalten Mikrofinanzierungen Beifall von Entwicklungspolitikern; 2006 erhielt der Mikrokreditpionier Muhammad Yunus aus Bangladesch mit seiner Grameen Bank den Friedensnobelpreis. Es war der Durchbruch, um auch in Ländern des globalen Südens die Armen „zu verbanken“, wie der Autor in seiner Kampfschrift gegen das Finanzkapital darlegt.

Bereits in den 1990er Jahren habe die Weltbank den Zugang zu Finanzdienstleistungen als Schlüssel für wirtschaftliche Entwicklung betrachtet. 2010 haben dann die Regierungschefs der G20, angeführt von der US-Regierung, in verschiedenen Gipfelerklärungen die „Ausbreitung von Finanzdienstleistungen für die Armen“ als „Selbstverpflichtung“ übernommen. Als treibende Kraft dahinter macht Häring Geldhändler wie PayPal, Visa- und Mastercard, aber auch Telekommunikationskonzerne wie Vodafone und Telefonica aus sowie die internationalen Großbanken, die in diesen Gesellschaften vornehmlich institutionelle Anleger wie Hedge- und Pensionsfonds vertreten. Gemeinsam träten alle dafür ein, unter dem Deckmantel der Armuts- und inzwischen auch der Terrorbekämpfung sämtliche Bezahlvorgänge digital abzuwickeln und als „finanzielle Dienstleistung“ auch bezahlpflichtig zu machen.

Dem Autor geht es vor allem darum, den Gebrauch von Bargeld und damit die freie Wahl und Anonymität der Zahlungsweise zu verteidigen. Doch seine umfassende Analyse der Digitalisierung, die die von ihm als „Mafia“ bezeichneten Geldgroßhändler betreiben, gibt auch erschreckende Einblicke in eine digital gesteuerte Umverteilung vom globalen Süden in den Norden. Anders als im Norden liegen laut Häring die Bank- und Telekomgebühren im globalen Süden meist bei 10 bis über 30 Prozent für jede Zahlung. Diese Kosten werden bei Jubelmeldungen, beispielsweise zum kenianischen „M-pesa“-System von Vodafone zum Zahlen mit dem Handy gerne weggelassen. Die Finanzagentur Bloomberg rechnet indessen vor, dass allein in Subsahara-Afrika 43 Milliarden US-Dollar jährlich für digitale Finanzdienstleister „herauszuholen“ seien, deren Zentralen allesamt im globalen Norden sitzen.

Häring erklärt spannend lesbar, wie der Zusammenschluss von komplexen technischen Entwicklungen, nämlich Digitalisierung, durchdringende Telekommunikation und die Verbreitung der Zahlkarten, von einem Filz der betreibenden Großfirmen von langer Hand auf der politischen Weltebene vorangetrieben wurde und inzwischen den Alltag der Weltbürger bestimmt.

 

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