26.02.2019

Ein literarisches Denkmal

Die französisch-iranische Journalistin und Nahost-Expertin Delphine Minoui beschreibt in ihrem Buch auf berührende Weise die Geschichte einer geheimen Bibliothek im kriegsgepeinigten Syrien. Ausgangspunkt ihrer Recherchen war ein Foto, das sie zufällig auf Facebook entdeckte.

Delphine Minoui: Die geheime Bibliothek von Daraya. Über die Macht der Bücher in Zeiten des Krieges. Benevento-Verlag, Salzburg / München 2018, 232 Seiten, 20 Euro
Das Foto, mit dem alles beginnt, zeigt zwei junge syrische Männer und viele Bücher in einem fensterlosen Raum in Daraya. Dieser Vorort von Damaskus, der seit 2012 von den Truppen Baschar al-Assads eingekesselt ist und bombardiert wird, beherbergt eine geheime Bibliothek.

Es gelingt Minoui, zu dem Urheber des Fotos, Ahmad, eine Internetverbindung herzustellen. Dann erlebt sie über E-Mails, Skype und Whatsapp mit, was Ahmad und andere junge Männer, mit denen sie nach und nach in Kontakt kommt, unternehmen, um das kulturelle Erbe der verwüsteten Stadt zu retten. Die Journalistin nimmt am Schicksal der Stadt, ihrer Bewohner und der Aufständischen aus der schützenden Distanz von 1500 Kilometern Entfernung nahezu hautnah teil. Zu diesem Zeitpunkt, im Herbst 2015, ist Daraya hermetisch abgeriegelt, auch die Vereinten Nationen haben keinen Zugang. Niemand kann hinein oder hinaus. Nur die Worte, die Gefühle und Gedanken, die zu der Frau am anderen Ende der wackligen Internetverbindung fließen, überwinden die Barriere. Minoui zeichnet sie auf und lässt daraus die Geschichte eines beispiellosen Widerstands- und Überlebenswillens in und vor allem unter Trümmern und Ruinen erstehen.

Während fast pausenlos Bomben vom Himmel fallen, entwickelt sich in Daraya ein Höhlenleben, eine „Verbotene Stadt“, die nicht nur aus der geheimen Bibliothek besteht: In provisorischen Schutzräumen bemühen sich junge Leute, das kulturelle Leben der Stadt zu retten. Obwohl die meisten Intellektuellen im Gefängnis, tot oder im Exil sind, blüht unter den Ruinen ein reges Geistesleben, das von Englischkursen bis zu politischen Diskussionsveranstaltungen reicht. Aus den Kellerräumen der verborgenen Festung ertönen Lieder der Freiheit, und die Bibliothek wird manchmal sogar zum Tanzraum. Ein Stück Normalität herzustellen hilft den Menschen, mit der Tatsache umzugehen, dass der Tod sie in Daraya jederzeit ereilen kann.

Assads Präsidentenpalast liegt in unmittelbarer Nähe, die Einwohner der Stadt können ihn mit bloßem Auge sehen. Tag für Tag versucht Assad, den Aufstand mit Kugeln und Bomben niederzuzwingen. Viele Aktivisten, darunter Ahmad, bleiben bei ihrem gewaltfreien Kurs. Doch nach den ersten Massakern bildet sich auch eine bewaffnete Opposition, die die Stadt auch mit Gewalt verteidigt. Auch einige Kämpfer dieser Freien Syrischen Armee besuchen die Bibliothek. Einer von ihnen, Omar, sagt: „Wenn wir lesen, dann vor allem, um Menschen zu bleiben.“

Im August 2016 endet die vierjährige Belagerung. Assad hat die Stadt erobert, die letzten überlebenden Bewohner sind evakuiert, die Bibliothek mit ihren 15.000 Büchern wird von Regierungssoldaten geplündert. „Man kann eine Stadt zerstören. Aber Ideen nicht!“, davon ist Ahmad überzeugt. Minouis einzigartiges literarisches Werk sorgt dafür, dass sie weiterleben. Mit ihrem Buch hat sie den jungen syrischen Helden ein Denkmal gesetzt.

Neuen Kommentar schreiben