23.04.2019

Preisgerechtigkeit aus historischem Blick

Im Kapitalismus ist der gerechte Preis der, den man zu zahlen bereit ist. Das war nicht immer so, zeigt der Journalist Christoph Fleischmann mit seinem Gang durch die Geschichte der Tauschgerechtigkeit.

Christoph Fleischmann: Nehmen ist seliger als geben. Wie der Kapitalismus die Gerechtigkeit auf den Kopf stellte. Rotpunkt-Verlag, Zürich 2018, 237 Seiten, 12,90 Euro
Was ist eine Ananas wert?, fragt der Autor zum Einstieg und beschreibt einen Moment extremer Ungerechtigkeit beim Feilschen um eine Ananas mit einer indischen Straßenverkäuferin: Er handelt einen für sich günstigen Preis aus, obwohl die Straßenverkäuferin das Geld viel dringender benötigt. Zu zeigen, dass der Kapitalismus an solchem Verhalten eine Teilschuld trägt, ist das Ziel von Fleischmanns Buch.

Im globalen Norden handeln private Käufer heute kaum noch. Nur ganz am Rande, etwa beim Handeln auf Flohmärkten oder bei organisierten Tauschbörsen, spielt der gleichwertige Austausch noch eine sichtbare Rolle. Ansonsten zahlen die Kunden den Preis, mit dem die Ware ausgezeichnet ist, oder kaufen das Produkt eben nicht. Deshalb denken sie beim Einkaufen im Supermarkt kaum über die Verhandlungen und Prozesse nach, die hinter den vermeintlich festen Preisen stehen. Bis zum späten Mittelalter, betont der Autor, galt ein Handel als gerecht, wenn Waren gleichen Wertes oder Ware und Geld gleichen Wertes getauscht wurden.

Heute bezeichne man einen Handel als gerecht, wenn ihm beide Vertragspartner freiwillig zustimmen – unabhängig davon, ob das gezahlte Geld dem Wert der Ware entspreche oder nicht. Dieser Wandel hängt laut Fleischmann mit dem Aufkommen kapitalistischer Wirtschaftsformen zusammen. Diese hätten dazu geführt, dass materielle Gier und die rücksichtslose Vermehrung des eigenen Besitzes mit einem Mal nicht mehr als Laster empfunden worden seien, sondern stattdessen als legitim galten, wenn die Besitztümer nicht durch Gewalt, sondern durch freien Handel aufgrund freiwilliger Vereinbarungen erlangt wurden.  

Fleischmanns gut recherchierte und mit Fachausdrücken gespickte Erzählung führt über Aristoteles Vorstellungen von Gerechtigkeit über die Scholastiker des Mittelalters und der frühen Neuzeit zu Thomas Hobbes und den neoliberalen Ökonomen und ist eine anregende Lektüre für alle, die sich für Wirtschaft, Philosophie und Gerechtigkeit interessieren und Spaß beim Lesen einer historischen Darstellung haben.

 

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