16.04.2019

Verschiedene Formen des Antisemitismus

Der deutsch-britische Politologe David Ranan sucht nach Erklärungen für das seiner Meinung nach recht junge Phänomen des muslimischen Antisemitismus. Seine umstrittenen Thesen sind ein wichtiger Beitrag zur Diskussion.

David Ranan: Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Dietz-Verlag, 2018, 224 Seiten, 19,90 Euro
Wenn junge Muslime in Deutschland Synagogen beschmieren, jüdische Friedhöfe schänden oder gar einem Juden die Kippa vom Kopf schlagen, ist die öffentliche Aufregung groß. In Kommentaren und Talkshows wird dann gerne gefragt, ob Muslime grundsätzlich antisemitisch eingestellt seien, ob Judenhass vielleicht sogar Bestandteil des Islam sei. In seinem Buch „Muslimischer Antisemitismus“ geht der deutsch-britische Politologe David Ranan, der seine Kindheit und Jugend in Israel verbracht hat, dem nach.

Sein Befund ist ambivalent. Ranan hat mehr als 70 Interviews mit muslimischen Studierenden und Akademikern in Deutschland und Großbritannien geführt, und die legen den Schluss nahe, dass Muslime Juden tatsächlich nicht leiden können. Selbst unter gebildeten Muslimen sind Stereotype vom reichen, mächtigen Juden und Verschwörungstheorien wie die von der jüdischen Weltherrschaft weit verbreitet.

Ranan will allerdings nicht Öl ins Feuer gießen, sondern sucht nach Erklärungen, warum diese Stereotype bei Muslimen auf so fruchtbaren Boden fallen. Er kommt zu dem Schluss, dass muslimischer Antisemitismus ein relativ junges Phänomen sei, das nicht in einen Topf geworfen werden dürfe mit dem über Jahrhunderte in Europa tradierten christlichen Judenhass. Der stützt sich bekanntlich auf den Vorwurf, dass die Juden Gottes Sohn umgebracht hätten. Dass dies für Muslime, die nicht an die Gottessohnschaft Jesu glauben, kein Argument ist, liegt auf der Hand.

Ranan sieht den Ursprung dafür, dass viele Muslime Juden ablehnen, vielmehr im Nahostkonflikt. Darin würden Israel und stellvertretend dafür die Juden allgemein als mächtig und überlegen erlebt, während die Palästinenser, mit denen sich viele Muslime identifizieren, ohnmächtig wirkten. Im Gegensatz zum abendländischen Antisemitismus mit seinem rassistischen Fundament habe der muslimische Antisemitismus seinen Grund in einem erlebten Unrechtsempfinden im Rahmen eines Territorialkonflikts.

Ranan ist für diese These von verschiedenen Seiten scharf kritisiert worden. Er versuche, antisemitische Übergriffe von Muslimen zu relativieren oder zu entschuldigen, werfen ihm Kritiker nicht ganz zu Unrecht vor. Denn egal auf welchem Boden Ressentiments und Vorurteile wachsen – sobald sie zu antisemitischen Übergriffen führen, sind sie inakzeptabel.

Andererseits nimmt Ranan mit seiner Erklärung all jenen den Wind aus den Segeln, die auf antisemitische Angriffe von Muslimen verweisen, um vom Antisemitismus aus dem rechten Lager abzulenken. Der bildet immerhin den Hintergrund von 95 Prozent aller antisemitischen Übergriffe in Deutschland, wie der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Frühjahr 2018 zu entnehmen ist. Ranans Unterscheidung verschiedener Ausprägungen von Antisemitismus ist auch hilfreich für Präventionsstrategien und Bewusstseinsbildung, denn mit rechten Antisemiten muss anders diskutiert werden als mit muslimischen. Damit nimmt Ranan die muslimische Gemeinschaft aus der Schusslinie, die unabhängig vom Vorwurf des Antisemitismus von Teilen der deutschen Bevölkerung als Bedrohung wahrgenommen wird. So ist sein Buch ein Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden.

 

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