25.09.2019

Provozierendes Sittengemälde aus Nigeria

Abubakar Adam Ibrahim erzählt in seinem Roman von einer unkonventionellen Liebe, die an starren Traditionen, korrupten Politikern und Polizisten scheitert. Und bricht dabei einige Tabus.

Abubakar Adam Ibrahim: Wo wir stolpern und wo wir fallen. Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2019, 360 Seiten, 24 Euro
Der in der nigerianischen Hauptstadt Abuja lebende Autor widmet den Roman seiner Geburtsstadt Jos. Dort trifft der 25-jährige Drogendealer Reza die 30 Jahre ältere Witwe Binta Zubairu, als er in ihr Haus einbricht. Dass er nach Marihuana riecht, erinnert Binta an ihren verstorbenen Sohn; ihr Goldzahn wiederum weckt bei Reza Erinnerungen an seine Mutter, die ihn früh verließ. Darüber hinaus aber empfinden beide auch ein sexuelles Begehren, das gegen alle Konventionen verstößt. In poetischen Bildern beschreibt Ibrahim, wie zwischen ihnen eine Affäre beginnt, und wie Binta sich fühlt, nachdem ihr „lang unterdrücktes Verlangen“ entfesselt wurde und sie „eingehüllt in den abscheulichen Gestank der Unzucht“ dasteht.  

Der erste der beiden Romanteile kreist um Binta, die durch ihre Beziehung zu Reza „zum zweiten Mal geboren wird“. In Rückblenden erzählt Ibrahim ihr Leben mit einem Mann, den die Familie für sie ausgewählt hatte, dem sie vier Kinder gebar, den sie aber nicht liebte. Immer hatte Binta nach den strengen Regeln der muslimischen Gesellschaft gelebt. Nun schwänzt sie die Madresa, die Koranschule, um Reza zu treffen. Von ihm erzählt der zweite Teil des Buches. Da geht es um seine traurige Kindheit und darum, wie er zum Boss der Drogengang in Jos wurde und die „Drecksarbeit“ für einen Politiker erledigt. Binta bittet Reza, aus der Gaunerszene auszusteigen und seinen Schulabschluss nachzuholen, aber er „bleibt unbelehrbar“.  

Die Geschichte spielt im Nigeria des Jahres 2011, im Vorfeld der Wahlen. Bintas Favorit ist der Oppositionspolitiker Buhari. Der ehemalige Chef der Militärjunta ist im Norden angesehen, weil er versuchte, die Korruption einzudämmen. Senator Buba Maikudi, für den Reza arbeitet, will mit allen Mitteln den Wahlkampf für sich beeinflussen – von Bestechung bis zu Entführung und Mord.

Ibrahim zeichnet ein Sittengemälde in 32 Kapitelbildern, auf denen Rot dominiert – im Islam die Farbe des Blutes und des Lebens, der Gewalttat, des Leidens und der Gefahr. Das sind die Leitmotive des Romans, die sich in symbolischen Bildern verdichten, etwa wenn Bintas traumatisierte Nichte Fa‘isa die Ermordung ihres Vaters und Bruders durch christliche Nachbarn malend verarbeitet, in Sepia mit roten Spritzern, oder wenn Binta sich fühlt wie die Blume, die erst nach dreißig Jahren blüht und dann stinkt.

Im Originaltitel „Season of Crimson Blossoms“ (Zeit der purpurroten Blüte) bündeln sich diese Erzählstränge. Die deutsche Übersetzung wirkt mit „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ eher aufgesetzt. Die Rezensentin ist vor allem über unzählige im Text kursiv markierte Begriffe gestolpert, die im Glossar zumeist nur übersetzt, nicht aber erklärt werden – etwa „A gaishe ki“ mit „Sei gegrüßt“. Dennoch fesselt der Roman mit seinen kunstvoll gestalteten Spannungsbögen und macht Lust auf mehr Einblicke in die nigerianische Gesellschaft.

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