22.10.2019

Mehr Einführung als Analyse

Die Historikerin Ursula Prutsch vergleicht populistische Bewegungen in Nord- und Südamerika. Das ist informativ, bietet aber wenig Einordnung.

Ursula Prutsch: Populismus in den USA und Lateinamerika. VSA-Verlag, Hamburg 2019, 200 Seiten, 16,80 Euro
Die Autorin behandelt den Populismus in den USA vom 19. Jahrhundert bis hin zu Präsident Trump, den Aufstieg des Peronismus in Argentinien bis zu den Kirchners sowie Brasilien von Getulio Vargas bis zu Jair Bolsonaro. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit Peru, Venezuela, Bolivien und Ecuador. In allen Fällen schlägt Prutsch den Bogen von den „klassischen Populismen“ nationalistischer, protektionistischer Natur der 1930er Jahre über die Nachkriegszeit bis heute.

Vor allem für die letzten 30 Jahren identifiziert Prutsch unterschiedliche Ausformungen des Populismus: eine neoliberale Version à la Fujimori in Peru, eine sozialistische von Chávez und Maduro, die ökologische des Ecuadorianers Rafael Correa, den Ethnopopulismus des Bolivianers Evo Morales oder den autoritären Rechtspopulismus Jair Bolsonaros. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie nach Krisen oder Missständen wie etwa der Finanzkrise von 2008 erstarkten, dass sie bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgrenzten, einen übersteigerten Nationalismus pflegen und äußerst korrupt regieren.

Populismus ist für die Autorin keine Ideologie oder reine Lehre wie etwa Kommunismus oder Faschismus. Vielmehr sei er ein System der Herrschaftssicherung, das angesichts von Abstiegsängsten der Mittelschicht und deren Ohnmachtsgefühl gegenüber einer neoliberalen Wirtschaftspolitik nationale Selbstbestimmung propagiert. Als weiteres Merkmal des Populismus nennt Prutsch eine extreme Kluft zwischen Arm und Reich und den Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen (wie etwa der Indigenen oder Homosexuellen) von der politischen Teilhabe. Populistische Rhetorik sei meist aggressiv und polarisierend, ihre Wortführer gerierten sich als Außenseiter des Systems, als Auserwählte, die „für das Volk“ einen Kampf gegen das Böse führten. Bewusst nähmen sie, wie momentan in Venezuela, Zerstörung in Kauf, um dann als Retter aus dem selbst produzierten Chaos aufzusteigen. Sie brauchen, so die Autorin, diese gesellschaftlichen Spannungen, die sie permanent schüren. Von der Kritik nimmt die Autorin den mexikanischen Präsidenten López Obrador aus: Er sei kein Linkspopulist, sondern auf Konsenspolitik aus.

Das Buch ist informativ, flott und spannend geschrieben und bietet eine gute Einführung in das Thema. Leider versprechen Klappentext und Einführung aber mehr Analyse, als die Kapitel letztlich leisten. Strategien zur Eindämmung populistischer Strömungen liefert die Autorin allenfalls in Ansätzen, etwa wenn sie als positives Gegenbeispiel die Erfolge der Linksregierungen von Pepe Mujica und Tabaré Vásquez in Uruguay hervorhebt.

 

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