04.08.2020

Einblicke in ein schillerndes Familienleben

Der erste Roman der US-amerikanischen Nahostspe­zialistin mit jordanischen Wurzeln porträtiert auf unterhaltsame Art drei Generationen der christlichen Familie Sabas aus Amman. 

Malu Halasa: Mutter aller Schweine. Elster & Salis, Zürich 2020, 348 Seiten, 24 Euro.
Hussein Sabas, christlicher Armeeoffizier im Ruhestand, ernährt seine Familie in den Außenbezirken der Hauptstadt Amman mehr schlecht als recht als Metzgermeister. Da überzeugt ihn sein Onkel Abu Satar von einem waghalsigen Geschäft: Er soll eine Sau aus Ägypten, wo Christen der Verzehr von Schweinefleisch anders als in Jordanien nicht verboten ist, einschmuggeln. Die Sau soll er mit illegal aus Israel eingeführtem Ebersperma künstlich befruchten und anschließend eine Schweinezucht aufbauen. So könne er Würste und Schinken aus dem bei Christen beliebten Schweinefleisch illegal verkaufen und gar nach Israel schmuggeln, wo es als „weißes Fleisch“ beworben werde. Hussein lässt sich darauf ein und avanciert zum Ärger seiner muslimischen Nachbarn zum einzigen Schweinemetzger der Levante. Die Familie lebt in einem Mehrgenerationenhaushalt, der von Husseins Schwiegermutter, Ehefrau und Schwester dominiert wird, während Hussein und sein Onkel ihren Geschäften nachgehen.

Der Roman ist an vielen Stellen autobiografisch. So ist die Autorin selbst das Vorbild für die Figur der Muna, einer jungen Studentin aus New York, die ihre Verwandtschaft im Nahen Osten besucht. Ihr Besuch weckt Zweifel an traditionellem Denken und eingefahrenen Verhaltensweisen. Munas Art, sich zu kleiden, ihre Äußerungen und ihr zwangloser Umgang mit Männern stoßen zunächst auf Ablehnung. Doch Husseins Frau Laila und Cousine Samira schätzen auch ihr Selbstbewusstsein und die Freiheiten, die sie für sich ganz selbstverständlich in Anspruch nimmt. Samira pflegt heimlich Kontakte zu geflüchteten Frauen aus Syrien, für die sie Botendienste übernimmt. Die konservative Großmutter Fadhma schockiert ihre Enkelin derweil mit der Frage, ob ihre Eltern noch keinen Mann für sie gefunden haben. Fadhmas Zufluchtsort ist die alte Kirche des Viertels, in der sie Trost findet und sich mit einigen wenigen betagten Betschwestern austauscht.

Samiras Engagement für den syrischen Widerstand, Husseins früheres Wirken als Armeeoffizier im Kampf gegen den Terrorismus, Abu Satars schmutzige Geschäfte mit Schmuggelware aller Art und Munas unangepasstes Auftreten sorgen immer wieder für Unruhe in der Familie Sabas. Doch vor allem wegen der illegalen Schweinezucht wenden sich die Nachbarn von ihnen ab, in der Moschee drohen Geistliche den Ungläubigen, Lailas und Husseins Kinder werden in der Schule gemobbt und verprügelt. Am Schluss sieht sich Hussein zur Aufgabe seines lukrativen Geschäfts gezwungen, um zu verhindern, dass all seine Arbeit, Haus und Hof in Rauch und Flammen aufgehen. 

Der Roman ist in vielerlei Hinsicht lesenswert. Er ist höchst kurzweilig und bietet viele humorvolle Szenen, etwa wenn Fadhma versucht, die intelligente, vor Hunger irre Sau in Schach zu halten oder wenn die Autorin in wenigen, kursiv gesetzten Seiten den Alltag der Familie Sabas aus der Perspektive des Schweines schildert. Darüber hinaus greift der Roman aktuelle Themen auf: den Krieg in Syrien, die Folgen für die benachbarten arabischen Regime, Aufstände und Repression. Europäischen Lesern liefert Malu Halasa Einblicke in den Alltag einer christlichen Familie im modernen Jordanien. Immer wieder wechselt die Autorin die Perspektive, erzählt vor allem aus der Sicht der Frauen. Sie beschreibt die Rolle der Frau in patriarchal geprägten Gesellschaften, die Bedeutung der Religionen, den Umgang der Menschen mit religiösem Fundamentalismus und das Verhältnis von Islam und Christentum im modernen Jordanien. Nicht zuletzt schildert Malu Halasa anschaulich die verfahrenen politischen Verhältnisse im Land.
 

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