Armut, umfassend betrachtet

 Bent Greve (Hg.): Routledge International. Handbook of Poverty, Taylor & Francis, Oxon, New York 2020, 436 Seiten, 51 Euro 

Das von dem dänischen Sozialwissenschaftler Bent Greve herausgegebene Handbuch bietet einen Überblick über Diskussionsstand, Strategien und Praxis zur Verringerung von Armut weltweit. Ausgangspunkt ist die UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. 

Obwohl so gut wie alle Regierungen betonen, dass Armut einen hohen politischen Stellenwert haben soll, variieren die Vorstellungen darüber, wie sie definiert wird, in den verschiedenen Gesellschaften beträchtlich. Der erste Teil des Bandes gibt deshalb einen Überblick über die vorherrschenden Konzepte, Armut zu verstehen und zu erfassen, angefangen von Rowntrees Unterscheidung von absoluter und relativer Armut (1901) bis zu Amartya Sens „Human Rights and Capabilities“-Ansatz (2005). Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Armut die Stellung von Menschen in ihrer Gesellschaft beeinflusst und wie das mit dem gesellschaftlichen Verständnis von Gerechtigkeit zusammenhängt. 

Auswirkungen auf Familien, Kriminalitätsentwicklung, Migrationsverhalten

Im zweiten Teil zeichnen die Autorinnen und Autoren in verschiedenen Länderstudien nach, wie sich Armut und der politische Umgang damit in unterschiedlichen Staaten unter verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen über die Jahre entwickelt hat. Interessant ist etwa die Studie über das Vereinigte Königreich, in der die Autorinnen die Entwicklung von Verständnissen und Definitionen von Armut seit 1900 und die daraus von den verschiedenen Regierungen abgeleiteten Strategien nachzeichnen. Die empirische Betrachtung in den Fallstudien ist nicht nur eine Beschreibung von Maßnahmen und deren Ergebnis, die Autorinnen setzen sie in Beziehung zu den jeweiligen nationalen oder – etwa im Fall der EU – regionalen Verständnissen und Definitionen, was Armut ausmacht.

Die Beiträge im dritten Teil zeigen anhand von Länderstudien , was die jeweils vorherrschenden Konzepte und Maßnahmen zur Verringerung von Armut – etwa wohlfahrtsstaatliche oder marktwirtschaftliche  – bewirkt haben. Die einzelnen Beiträge fokussieren auf einzelne Aspekte, etwa Auswirkungen auf Familien, Kriminalitätsentwicklung, Migrationsverhalten u.v.a. Dabei zeigen sie auf, wie in einzelnen Ländern die Debatte darüber, was Armut ausmacht und wie man mit ihr umgehen soll, mit Debatten über Sozial- versus Marktpolitik, Kriminalitätsbekämpfung, Bevölkerungspolitik und anderen Politikdiskursen verschränkt ist.

Die Stärken einzelner Strategien und Maßnahmen

In Teil 4 schließlich unternimmt der Herausgeber den Versuch, die Vielzahl der Beiträge zusammenzuführen und aufzuzeigen, welche Strategien und Maßnahmen hilfreich sein können, die Ziele der Agenda 2030 zu erreichen. Er skizziert Stärken einzelner Strategien und verweist auf die Kapitel, die dazu detailliert Auskunft geben. Die Antwort auf seine selbst gestellte Frage „Können wir Armut, wie wir sie heute kennen, überwinden?“ bleibt aber – vielleicht notwendig – vage. 

Die Stärke des Buchs liegt darin, dass Armut als weltweites, als regionales und als Problem einzelner Länder verstanden und diskutiert wird. Die Zusammenführung der Diskussion von Konzepten und Strategien mit vielen Länderbeispielen, unterfüttert mit einem umfangreichen Zahlenapparat und ergänzt mit einem detaillierten Index machen es zu einem nützlichen Handbuch für die eigene Meinungsbildung.

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