Ruf nach wirtschaftlicher Transformation

 Jason Hickel: Weniger ist mehr. Warum der Kapitalismus den Planeten zerstört und wir ohne Wachstum glücklich sind. Oekom Verlag, München 2022, 348 Seiten, 24 Euro

In seiner Abrechnung mit dem Kapitalismus fordert der britische Anthropologe und Umweltaktivist Jason Hickel eine Transformation unserer Wirtschaftssysteme zum Wohle des Planeten und der Menschen.

Die Kapitalismus- und Umweltkritik der 1970er bis 90er Jahre, die den egoistischen, selbstzerstörerischen Charakter des menschlichen Wachstums- und Gewinnstrebens anprangerte, hat noch immer Bestand, wie Jason Hickel in seinem Buch herausstellt. Länder wie die USA, China, Brasilien und Russland betrieben eine völlig unzureichende Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik. Die Folgen des Raubbaus an der Natur – vor allem Klimaerwärmung, Tier- und Pflanzensterben, Ansteigen des Meeresspiegels – liefen völlig aus dem Ruder und sorgten weltweit für immer stärkere Migrationsbewegungen.  

Der Kapitalismus und das, was Hickel „Wachstumismus“ – eine politische Fixierung auf Wirtschaftswachstum – nennt, könnten ungebremst nur zu einer rücksichtslosen Ausbeutung von Menschen, Tieren und Pflanzen führen. Um das zu illustrieren, taucht der Autor tief in die Geistesgeschichte ein. So sei die koloniale Ausbeutung vieler Weltregionen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert möglich geworden, weil ein platonisch verstandenes Christentum zwischen irdischem Reich und Gottes Reich unterschied: Tiere und Pflanzen galten nicht als beseelte, miteinander und mit dem Menschen verbundene Wesen, sondern als Elemente eines Überganges, die befristet für das Überleben der Menschen instrumentalisiert werden durften. Der rücksichtslose Umgang mit der Natur hat laut Hickel dazu geführt, dass ein Überleben in vielen Regionen schon jetzt – wie beispielsweise am Aralsee in Zentralasien – nicht mehr möglich ist. Da erneuerbare Energie derzeit schmutzige Energien weniger ersetzten als vielmehr noch dazu kämen, brächten sie keine wirkliche Lösung.

„Wachstumismus“ und Verteilungskämpfe

Hickel knüpft auch an die Thesen des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington von 1996 an, dass uns aufgrund der ökologischen Krise kulturelle, soziale und wirtschaftliche Verteilungskämpfe bevorstehen. Francis Fukuyamas Gegenthese zu Huntington von 1992, Demokratie und Menschenrechte würden sich weltweit durchsetzen, teilt Hickel nicht. Seine Botschaft: Die ökologischen Krisen werden vom „Wachstumismus“ hervorgerufen, der das Überleben der Menschheit gefährdet.

Nötig seien ein Rückgang des Energie- und Materialverbrauchs, erneuerbare Energien und ein postkapitalistisches Wirtschaftssystem. Technische Geräte sollen länger genutzt und auch regelmäßig wieder repariert, Textilien wieder auf eine langjährige Nutzung hin ausgelegt werden. Lebensmittel sollen nicht mehr vergeudet und ökologisch schädliche Industrien heruntergefahren werden, so dass der exzessive Energie- und Materialverbrauch der einkommensstarken Länder zurückgeht.

Hickels These vom zerstörerischen Kapitalismus ist im Kern nicht neu. Hochaktuell bleibt seine These von der Notwendigkeit eines postkapitalistischen Wirtschaftssystems. Zur Bewältigung der ökologischen Krise bedarf es massiver, einschneidender Maßnahmen, die international abgestimmt und miteinander vernetzt sein müssen, um eine nachhaltige, globale Wirkung entfalten zu können.

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