Migrationsstorys aus Westafrika

 Olaf Bernau: Brennpunkt Westafrika. Die Fluchtursachen und was Europa tun sollte. C.H. Beck Verlag, München 2022, 317 Seiten, 18 Euro

Der Migrationsforscher und politische Aktivist Olaf Bernau beschreibt die geschichtlichen und wirtschaftspolitischen Hintergründe von Migrationsprozessen in Westafrika. In seinem Buch stellt er vor allem Erfahrungen der ländlichen Bevölkerung vor. 
 
Der Autor holt seine Leser gedanklich in Europa ab, indem er hiesige Debatten über Fluchtursachen aufgreift, und führt sie allmählich an westafrikanische Lebenswelten heran. Dabei legt er großen Wert auf die Beschreibung vielfältiger aktueller Krisen in Westafrika und deren historische Ursachen. So berichtet er, wie der Sklavenhandel lokalen Ökonomien schadete, wie Kolonialregierungen wirtschaftliche und soziale Hierarchien festschrieben und wie die von den Kolonialmächten betriebene exportorientierte Landwirtschaft den Raubbau an Tropenhölzern und die Zerstörung großer Regenwaldgebiete begünstigte.

Gleichzeitig schildert Bernau faktenreich den Niedergang handwerklicher Produktionsbetriebe und der industriellen Textilherstellung im 20. Jahrhundert, verursacht durch unter anderem aus Europa stammende minderwertige Massenware und die Reduzierung Westafrikas auf die Rolle als Rohstofflieferant – in dem Fall von Baumwolle. All diese Einschnitte und Umbrüche, die nach der politischen Unabhängigkeit westafrikanischer Staaten ab Ende der 1950er Jahre fortdauerten, führten bereits zu umfangreichen Migrationsbewegungen, etwa zwischen Sahel- und Küstenstaaten.

Migrationsursachen in Europa ungesehen

In Europa werden derlei Migrationsbewegungen aber, wie Bernau zeigt, bis heute kaum wahrgenommen. Ebenso wenig die Tatsache, dass der Weltwährungsfonds als internationaler Kreditgeber westafrikanischer Staaten seit den 1980er Jahren mit drastischen Sparvorgaben vor allem in ländlichen Gebieten die Infrastruktur weitgehend ruinierte und weitere Menschen zur (Binnen)Migration zwang. Hinzu kamen mehrjährige Dürrekrisen, in denen zwar internationale Nahrungsmittelhilfe geleistet wurde, aber keine Strukturförderung für eine lokal angepasste Land- und Weidewirtschaft stattfand. So suchten Viehzüchter aus Sahelländern wie Mali ihr Heil in der Auswanderung, zumal Konflikte um natürliche Ressourcen mit bäuerlichen Gruppen eskalierten – ein wiederkehrendes Problem, für dessen Lösung frühere Verhandlungsprozesse unter neuen Vorzeichen reaktiviert werden müssten.

Genau hier setzt der Autor an. Er vertraut auf die Stärkung örtlicher Dialoginitiativen und grenzübergreifender Netzwerke, verlangt aber auch grundlegende Änderungen insbesondere der Handels- und Migrationspolitik zwischen EU-Ländern und Westafrika zugunsten dortiger junger Landbewohner und kleinbäuerlicher Betriebe. Das verständlich geschriebene Buch ist als Einstiegslektüre in das Thema Migration aus Westafrika geeignet, wünschenswert wären mehr Hinweise auf aktuelle Forschungen über politische Kontexte sowie auf Romane westafrikanischer Autorinnen, die beispielsweise aus der Sicht verheirateter Frauen soziale Konflikte erläutern und von denen etliche zu den Klassikern westafrikanischer Literatur zählen.

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