Was internationale Entwicklung erfolgreich macht

Meera Tiwari: Why some Development works. Understanding Success. Zed Books Bloomsbury Publishing, London/New York/Dublin 2021,160 Seiten, 29,35 Euro

Meera Tiwari präsentiert in ihrem Buch Kriterien sinnvoller Entwicklungshilfe – und stellt die Notwendigkeit externer Evaluierung grundsätzlich infrage. 

„Entwicklungshilfe ist ein Auslaufmodell“, hat David Signer, NZZ-Korrespondent in Dakar, 2018 in einem viel beachteten Artikel behauptete. Anhand von Beispielen beschreibt er, wie Hilfsgelder in Afrika versickern, wie sie die Korruption anheizen, wirtschaftliche Entwicklung hemmen und autokratische Regime an der Macht halten. Belege dafür, wie internationale Entwicklungskooperation gegen den Grundsatz „Richte keinen Schaden an“ (Do no Harm) verstoßen kann, füllen inzwischen ganze Bibliotheken. 

Meera Tiwari vom Global Research Programme on Inequality (GRIP) der Universität Bergen in Norwegen hat eine andere Herangehensweise gewählt. Die Professorin für Internationale Entwicklung untersucht Wege, marginalisierte Gruppen aus der Armut zu führen. Ihr besonderes Interesse gilt dabei vor allem Menschen, die von der Subsistenzlandwirtschaft leben. 

Die Autorin macht schon zu Beginn ihres Buches deutlich, wie komplex und schwierig es ist, Erfolgsfaktoren für funktionierende Entwicklungsprozesse aufzuspüren. Ihre Recherchen und Fallstudien aus Afrika, Asien und Lateinamerika, bei denen es schwerpunktmäßig um lokale Prozesse und ausgewählte, in vielen Fällen staatliche Sozialprograme geht, haben noch vor der „Zeitenwende“ stattgefunden: Weder von den Folgen des Ukrainekriegs noch von der Corona-Krise ist die Rede, wohl aber von den Folgen des Klimawandels. Viel Raum verwendet Tiwari darauf, Faktoren wie kollektives Wissen und die traditionelle Expertise örtlicher Gemeinschaften beim Entwickeln und Umsetzen von Projekten zu untersuchen. Entwicklungsprozesse, so ihre These, sind nur erfolgreich, wenn sie konsequent an den Bedürfnissen der beteiligten Menschen ausgerichtet sind und nicht an denen finanzstarker Marktakteure. Nachhaltigkeit, das betont sie, kann es zudem nur durch generationenübergreifende Zusammenarbeit und starke Präsenz von Frauen in allen Entscheidungsprozessen geben.

Sieben Erfolgsfaktoren

Sieben Faktoren für gelingende lokale Veränderungsprozesse benennt Tiwari in ihrem Buch: Leidensdruck, das Erkennen von Chancen für Verbesserungen, eine Veränderungen zulassende lokale Kultur, Sicherheit beim Zugang zu Land und Ressourcen, organisatorische- und Managementfähigkeiten, Hilfe durch Technologie und Methodenkompetenz – etwa beim Umweltmanagement – sowie politische Unter­stützung und Legitimität – sprich den Rückhalt der Gemeinschaft auch bei Rückschlägen. 

Nebenbei räumt die Autorin mit im Entwicklungsjargon beliebten Konzepten auf, etwa der „Best Practice“-Idee. Für sie geht es hier nur darum, Spendern und Steuerzahlern einen Gewinn anzubieten, also aus der Sicht der Geldgeber Erfolge zu belegen – völlig unabhängig davon, ob den vor Ort Beteiligten möglicherweise ganz andere Aspekte, etwa ein subjektiv als verbessert wahrgenommener sozialer Status als Kleinbauernfamilien, viel wichtiger sind. Überhaupt kann für Meera Tiwari die Frage, ob ein Veränderungsprozess erfolgreich ist, niemals von externen Evaluierenden beurteilt werden, sondern nur von den Mitwirkenden selbst. 

Nur kollektive Erfolgserlebnisse und gute Erfahrungen könnten Menschen zum notwendigen Selbstvertrauen verhelfen, um ihre Anliegen gegenüber Behörden und anderen Entscheidungsträgern zu vertreten und durchzusetzen. Nur diese Bereitschaft und Fähigkeit zum Konflikt mache letztlich Veränderung und Entwicklung möglich. Hierin steckt die eigentliche politische Dimension dieser Studie.    

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