Leben mit dem Nichts

Gladys Ambort
Wenn die anderen verschwinden, sind wir nichts.
Vom Ende meiner Jugend in einer Isolationszelle

LAIKA-Verlag, Hamburg 2011,
224 Seiten, 19,90 Euro


Die Argentinierin Gladys Ambort saß wegen ihres politischen Engagements während der argentinischen Militärdiktatur drei Jahre in Haft, teilweise unter Isolationsbedingungen. In einer Autobiographie reflektiert sie ihre Erfahrungen – eindrücklich gelingt es ihr, das Unbeschreibbare in Worte zu fassen.

Blonder Pferdeschwanz, Kindergesicht und weiße Schuhe: Gladys Ambort, Argentinierin mit deutschen und Schweizer Vorfahren, sieht nicht aus wie eine politische Gefangene, als sie im Dezember 1975 in die Haftanstalt der Stadt Córdoba verlegt wird. Politische Häftlinge erreichen üblicherweise, nach dem Aufenthalt in dem Folterzentrum neben der Kathedrale in der Innenstadt, das Gefängnis ziemlich lädiert. Gladys, ein halbes Jahr zuvor mit 17 Jahren festgenommen, weil sie sich als Schülerin politisch engagiert hatte, ist von der Folter verschont geblieben.

Als 1976 Militärs die Befehlsgewalt im Land übernehmen, kommen sie mehrmals täglich in die Blocks der Gefangenen. Gewalt bis hin zu Morden ist an der Tagesordnung. Die Gefangenen werden von der A ßenwelt abgeschnitten und die meiste Zeit des Tages in Einzelzellen eingeschlossen. Die grausamsten Erfahrungen aber macht die Frau, die fast noch ein Kind ist, nachdem sie wieder verlegt wurde: Im Februar 1977 sperrt man sie im Gefängnis von Devoto als Strafmaßnahme zwei Wochen lang in eine Isolationszelle.

Gladys Ambort beschreibt die Leere in der Zelle als „makellos, leuchtend“. Es gibt nicht die kleinste Schramme an der Wand, auf die sie ihre Aufmerksamkeit hätte richten können. Den Sinnen fehlt jegliche Stimulierung. „Kein Gesicht, nicht einmal ein Objekt spiegelte das meine wider… Es gab nichts zu tun, nichts zu hören, nichts zu sehen.“ Die Bedrohung durch das Nichts ist stärker als jede Willenskraft . Sie ist auch das eigentliche Thema des Buches.

Über 30.000 Argentinier verschwinden während der Militärdiktatur. Auch Gladys Ambort verschwindet, obgleich sie überlebt. Nach drei Jahren Gefangenschaft weiß sie nicht mehr, wer sie ist, und kann sich mit nichts und niemandem mehr identifizieren. Erst mehr als 30 Jahre später kann sie darüber sprechen, darüber schreiben. Ihr Buch trägt zur Erinnerungsarbeit in Argentinien bei, die die tiefen Wunden der jüngsten Geschichte heilen will. Gladys Ambort steht stellvertretend für eine Generation: „Wir wollten träumen, wir wollten fliegen. Unsere Jugend war voller Energie, voller Aufbruchsstimmung in eine neue Welt.“ Doch ihre Hoffnung auf die neue Welt verschwindet. Das ist nicht nur ein Ergebnis der Zeit in der Isolationszelle. Die Begegnung mit den Mitgefangenen davor und danach zerstört das Idealbild, das sie sich von politischen Gefangenen, von Kämpfern für eine alternative Gesellschaft gemacht hat.

Auch heute noch fällt es ihr schwer, das Erlebte umfassend zu erklären. „Ich werde es immer in mir tragen, ohne es klar vermitteln zu können“, schreibt sie. Was im Gefängnis passiert sei, entziehe sich der rationalen Wahrnehmung. Dass sie es dennoch vermocht hat, ihrem Erleben eine authentische und eindrückliche Sprache zu verleihen, macht den Wert des Buches aus. Es ist mehr als eine bewegende Autobiographie: Im Exil in Europa hat Gladys Ambort Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaft studiert. Auf diesem Hintergrund ist es ihr gelungen, das eigentlich Unbeschreibbare nicht nur in Worte zu fassen, sondern auch tiefgreifend zu reflektieren.


Anja Ruf

 

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