Klimaschutz nach Art der Industrie

Michael Angrick (Hg.)
Nach uns, ohne Öl. Auf dem Weg
zu nachhaltiger Produktion

Metropolis Verlag, Marburg 2010,
284 Seiten, 24,80 Euro


Die Hoffnung, dass politische Entscheidungen schnell den Übergang zu einer umweltgerechten Wirtschaft einleiten, hat mit dem Stocken der globalen Klimaverhandlungen einen Dämpfer erhalten. Manche Umweltbewegte setzen nun darauf, dass Teile der Wirtschaft im eigenen Interesse diesen Übergang vorantreiben. Die Äußerungen aus der Industrie in diesem vom Umweltbundesamt herausgegebenen Sammelband wecken da jedoch große Zweifel.

Das Buch befasst sich mit der Produktion in Industrie und Gewerbe. Auch dort werden heute weltweit mehr fossile Energieträger und Rohstoffe verbraucht, als auf Dauer zur Verfügung stehen oder als mit dem Erhalt der Ökosysteme und dem Klimaschutz vereinbar wäre. Wie gelangt man zu einer Produktion, die mit den Naturgrenzen vereinbar ist, insbesondere da demnächst kein billiges Öl mehr zur Verfügung stehen dürfte? Dazu stellt der Band grundlegende Einsichten aus der Wissenschaft neben die Sicht deutscher Industrievertreter.

Die Diskrepanz zwischen beiden ist ernüchternd. Die Lösungsrezepte aus der chemischen Industrie, der Informationstechnik, der Stahlerzeugung und der Autoindustrie beschränken sich auf die Steigerung der Energie- und Rohstoffeffizienz und das Recycling. Die Artikel erörtern komplizierte Details einzelner Produktionsverfahren, ignorieren aber die Einsicht der einleitenden Texte, dass eine drastische Verringerung des Naturverbrauchs nötig ist und dies ein anderes Wirtschaftssystem voraussetzt.

Unisono gehen sie davon aus, dass sie auch in Zukunft mehr Chemikalien, Autos oder Stahl produzieren werden, wenn auch mit weniger Energie pro Einheit oder auf der Basis natürlicher Rohstoffe statt von Erdöl. Die Steigerung und Modernisierung der Produktion trage sogar zum Klimaschutz bei.

Zum Beispiel erwartet Jörg Rothermel vom Verband der chemischen Industrie eine Verdoppelung der globalen Chemieproduktion bis 2030 und eine Steigerung der dadurch bedingten Treibhausgas-Emissionen um die Hälfte. Weil aber – richtige politische Rahmenbedingungen vorausgesetzt – viele chemische Produkte etwa der Dämmung von Gebäuden, der Erhöhung der Flächenerträge in der Landwirtschaft oder der Gewichtseinsparung bei Autos dienen und so anderswo Emissionen einsparen, trage mehr Chemie per saldo zum Klimaschutz bei. Das gleiche nehmen die Stahlhersteller und die Informationstechniker für sich in Anspruch. Nun ist richtig, dass es ohne Spezialstahl keine effizienten Kraftwerke und ohne Computersteuerung keine intelligenten Stromnetze gibt. Wie aber eine schnelle Verringerung des Energie- und Rohstoff verbrauchs möglich sein soll, wenn die Produktion sämtlicher Branchen wächst, bleibt ein Rätsel. Bisher bewirken alle Effizienzgewinne das nicht.

Der Band ist über weite Strecken schwer lesbar. Interessant ist er vor allem als Dokument dafür, dass Nachhaltigkeit für weite Teile der deutschen Industrie in erster Linie technische Effizienz bedeutet. Soziale Veränderungen etwa im Verkehr und der Raumplanung oder gar Verbrauchseinschränkungen sind selbst für ihre Umweltbeauftragten kaum ein Thema. Das nährt den Verdacht, dass große Unternehmen vor allem können, was sie schon immer tun, und ihre Beschäftigten so prägen, dass sie nicht zu viele Gedanken außerhalb der vorgezeichneten Wege fassen. Für ein schnelles Umsteuern, gerade in politisch einflussreichen Konzernen, wäre das kein gutes Vorzeichen.


Bernd Ludermann

 

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