Äthiopien will hoch hinaus

Äthiopien zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Doch vor einigen Jahren hat die Regierung ein ehrgeiziges Entwicklungsprogramm gestartet. Möglichst schnell will Präsident Meles Zenawi eine florierende Exportwirtschaft aufbauen – mit tatkräftiger Hilfe aus Deutschland. Ob das gelingt, ist ungewiss. Und die Kosten für Mensch und Umwelt sind schon jetzt groß.
Am Anfang steht ein Besuch von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Aus diplomatischen Quellen ist bekannt, dass Ministerpräsident Meles damals im Januar 2004 zu ihm sagte: „Ihr Deutschen hattet einen Krieg und dann ein Wirtschaftswunder. Wir Äthiopier hatten auch einen Krieg. Jetzt brauchen wir ein Wirtschaftswunder. Und dabei sollt Ihr Deutschen uns helfen.“ Äthiopien will mit aller Kraft in die Moderne – wissenschaftlich, technisch, in der Arbeitshaltung und im Umgang mit der Zeit. Das klingt naiv, man kann darüber spotten. Aber das geht am Kern der Sache vorbei. Der Kern ist der Wille, den Geist des Landes umzukrempeln. Im Zentrum stehen vier Buchstaben: ECBP – das „Engineering Capacity Building Programme“. Erster Partner ist Deutschland, vertreten von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) als Koordinatorin. Die Universitäten und die Ausbildung in technischen Berufen sollen reformiert, ein neues System von Industrienormen entwickelt und die Privatwirtschaft ertüchtigt werden.
 

Autor

Helmut Falkenstörfer

ist Theologe und Journalist. Von 1974 bis 1977 hat er in Äthiopien gelebt und gearbeitet. Zuletzt war er im vergangenen Februar in dem Land.

Das ECBP ist Symbol, Leitlinie und natürlich auch Anlass zu Scheitern und Kritik. Aber wenn ein derart armes Land es überhaupt schaffen kann, dann ist es das heutige Äthiopien. Von „hoher eigener Kraft zu Politikformulierung“ spricht man in der Deutschen Botschaft. GIZ-Mitarbeiter loben die Fähigkeit zu strukturellem Denken. Und das UN-Entwicklungsprogramm bescheinigt der Regierung Ehrgeiz für die Sache und Ernst im Engagement.

Die Bewegung ist sichtbar. Die Airport Road mit Hotels, Appartements, Büro- und Geschäftshäusern beginnt direkt am Flughafen. Aufbruchsstimmung liegt in der Luft, aber auch ein Hauch von Immobilienblase. Rechts der Straße wird ein ganzer Quadratkilometer niedriger alter Hauser abgerissen. Am nördlichen Stadtrand entstehen burgartige Villen, die man gut zu vermieten oder zu verkaufen hofft. Wer etwas Geld hat, leiht sich viel dazu und baut damit. Spitzentechnik und ihre wissenschaftlichen Grundlagen kommen aus Europa, Investitionen aus Ländern, die in Wirtschaft und Lohnniveau Äthiopien näher stehen: ganz vorn China, Indien und die Türkei.

Hundert Kilometer südwestlich von Addis Abeba liegt Adama, die Hauptstadt des Bundeslandes Oromiya. Der Campus der Adama University ist viele Quadratkilometer groß. Sie ist das Flaggschiff unter den neuen Universitäten, bestätigt Gründungspräsident Herbert Eichele. Der frühere Direktor der Ohm-Hochschule in Nürnberg hat in zweieinhalb Jahren aus dem alten Technical College von Adama die Referenzhochschule für technische Forschung und Ausbildung in Äthiopien geschaffen.

14.000 reguläre Studentinnen und Studenten, dazu 8000 Wochenend- und Abendstudenten lernen hier. Eichele führt im Eilschritt über den Campus. „Das war alles Wüste“, sagt er und zeigt auf Grünanlagen und gepflasterte Wege. Was machbar ist, ist gemacht: eine neue Zentralbibliothek, Internetanschluss für alle Studenten, Werkstätten, in denen Berufsschullehrer die Praxis lernen können. Die Ingenieure machen Industriepraktika, ein neues Promotionsverfahren wurde eingeführt. Promoviert wird nicht mehr im Ausland, zum Beispiel in München, wo einer dann vielleicht Probleme für BMW löst, sondern in Zusammenarbeit mit einer deutschen Universität über ein für Äthiopien relevantes Thema. Zum Beispiel darüber, wie man aus Eukalyptusstämmen mit ihrer gedrehten Faser Bretter machen kann. Zwölf solche Promotionen sind bereits im Gange.

Äthiopien nutzt seine landwirtschaftlichen Ressourcen zu wenig und will das ändern. Die kommunistische Mengistu-Diktatur hatte ein System der genossenschaftlichen Landverteilung eingeführt, das die Regierung von Meles Zenawi nach dem Sturz Mengistus 1991 übernahm. Das kultivierbare Land wird von der örtlichen Bauerngenossenschaft – Kebele – an die Bauern verteilt; in großen Teilen Äthiopiens reicht das meist für einen halben bis einen ganzen, selten für zwei Hektar pro Familie. Reserven für die wachsende Bevölkerung gibt es nicht. Das Land bleibt in Staatsbesitz, verteilt werden Nutzungsrechte.

Schon bald nach 1991 schuf die Regierung die zusätzliche Möglichkeit, Land an Investoren zu verpachten, zunächst auf regionaler Ebene. Seit drei Jahren hat Addis Abeba die Zuteilung größerer Ländereien an sich gezogen und im Landwirtschaftsministerium ein Direktorat zur Unterstützung von Investoren geschaffen. Dessen Leiter, Esaias Kebede, ist ein viel beschäftigter Mann und bietet einen Gesprächstermin für 7 Uhr 30 an. Er nennt Zahlen: Die Gesamtfläche Äthiopiens beträgt 111,5 Millionen Hektar. Davon sind 75 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbar. Davon wiederum sind 15 Millionen ungenutzt, von denen 3,7 Millionen für Investitionen vorgesehen sind. Und davon sind 1 bis 1,2 Millionen bereits an 8300 Investoren vergeben, zum Teil an Äthiopier, zum Teil an Ausländer.

Das Programm birgt zwei explosive Probleme: Das ins Auge gefasste Land ist nicht leer, sondern meist zumindest dünn oder von Nomaden zeitweise besiedelt. Weite Teile des Investitionslandes müssen zudem bewässert werden. Das Wasser aber kommt vor allem aus Flüssen, die den Nil speisen, und da gerät man in Konflikt mit dem Sudan und mit Ägypten. Und das sind nur die Rahmenprobleme. Denn Landwirtschaft will gekonnt sein und an Klima und Boden angepasst. Ein deutscher Investor, der als Landwirtschaftsberater viel herumkommt, schätzt, dass 70 Prozent der Farmen in Äthiopien gravierende Probleme haben.

Es machen Geschichten von der Art die Runde, dass ein äthiopischer Investor auf seinem Land zuerst einmal alle Bäume fällen ließ und nun nicht weiß, was er anbauen soll, weil das Klima nicht zulässt, was er ungeprüft vorhatte. Oder von einem anderen, der viele Jahre in London lebte und sich nun, ohne jede landwirtschaftliche Erfahrung, 300 Hektar zuteilen ließ, von denen er nur 15 bebaut, weil er daran gescheitert ist, das Buschland zu roden.

Sebsibe Demissew, Spezialist für Biodiversität an der Universität Addis Abeba, weist darauf hin, dass Äthiopien keinen Landnutzungsplan habe. Dies führe zu maximaler Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Von einer nachhaltigen Entwicklung könne keine Rede sein. Es gibt noch mehr Baustellen. Das für Regenfeldbau geeignete Land ist fast bis auf den letzten Quadratmeter von Kleinbauern mit Nutzungsflächen zwischen einem halben und zwei Hektar besetzt. Die Erträge sind niedrig, ihre Flächen ausdehnen können die Bauern nicht. Umso dringender ist es, die Qualität der Landnutzung zu verbessern: neue Sorten, Kunstdünger, Futteranbau statt Weidewirtschaft, Obstanbau und nachhaltige Bienenzucht, Kleindämme, Terrassierung. Die Regierung hat 70.000 landwirtschaftliche Berater dafür ausgebildet. Geld ist da: Die Weltbank hat im vergangenen Herbst 50 Millionen US-Dollar für die Qualifizierung der Landwirtschaft bewilligt. Kenner zweifeln aber, ob die theoretisch ausgebildeten Berater genug praktische Wirkung entfalten werden.

In einem gläsernen Büro im achten Stock eines Bürohauses gegenüber dem Flughafen sitzt Martin Hansen, Leiter der GIZ International Services in Äthiopien. International Services – das ist der gegen Honorar arbeitende Unternehmenszweig der GIZ, die sonst im Auftrag der Bundesregierung tätig ist. Bis 2005 hat International Services in Addis Abeba 11.000 Wohnungen gebaut. Dann bekam die GTZ den Folgeauftrag, 13 über das ganze Land verteilte Universitäten zu errichten. Drei sind inzwischen fertig, die anderen folgen dieses Jahr. Doch in allen wird schon gearbeitet so weit es geht.

Kaba Urgessa, Staatsminister für Höhere Bildung, wirkt souverän und heiter. Er lässt durchblicken, dass im Fortgang des Riesenprojekts vieles noch im Fluss ist, auch die Endzahl der Studenten. Man werde eben je nach Bedarf ausbauen oder auch nicht. Bei International Services geht man von 148.000 Studenten insgesamt aus. Die Frage, wo die alle arbeiten sollen, nennt Herbert Eichele in Adama ein Henne-Ei-Problem. Ohne Fachkräfte wird die Wirtschaft nicht wachsen; ohne Wirtschaft wird man keine Absolventen brauchen. Dergleichen geht nie ohne Ungleichgewicht und Spannung. Meist gebe es zuerst zu viele Absolventen. „Aber irgendwo muss man anfangen“, meint ein Dozent der Universität von Addis Abeba.

In der Ras Dashen Shoe Factory in Addis arbeitet Reinhold Link vom Deutschen Entwicklungsdienst (heute GIZ). Die Fabrik ist 25 Jahre alt und hat etwa 80 Beschäftigte. Link ist hier im Rahmen des Programms zur Ertüchtigung der einheimischen Privatwirtschaft. Firmen wie die Dashen Shoe Factory sollen exportfähige Produkte herstellen. Er zeigt einen Schuh, den man so nur in Äthiopien verkaufen kann: Arbeitsmarkierungen sind zu sehen, Schnittflächen sind ungefärbt, Zwirnfäden nicht abgeschnitten. Für den Export ist der Schuh ungeeignet.

Genau da setzt das deutsch-äthiopische Programm an: Die GIZ hat Schuhfabrikanten über europäische Messen geführt; es sind Kontakte entstanden. An Aldi lieferten Ras Dashen und andere Hersteller 40.000 Bootsschuhe. Jeder fünfte Schuh von Ras Dashen geht ins Ausland. Auf dem Tisch liegt das Muster eines Arbeitsschuhs. Wenn es klappt, werden in italienischem Auftrag 60.000 Oberleder für Arbeitsschuhe hergestellt und in Rumänien mit Sohlen versehen. Beim „Engineering Capacity Building Programme“ geht es darum, die Exportfähigkeit zu verbessern und die Wertschöpfungsketten auf den Feldern Leder, Textil, Pharma, Chemie, Landwirtschaft und Metall zu verlängern.

Nach der Besichtigung sitzen wir mit dem Juniorchef Yared in tiefen Ledersesseln aus Indonesien. Wieso aus Indonesien? Äthiopien ist doch ein Vieh- und Lederland? Schon, aber äthiopische Kühe laufen zwischen Dornbüschen herum und haben Kratzer und Zeckenbisse in der Haut. Nichts für feines Leder. Das bremst die Ausfuhr von Lederkleidung. Auch vom Schuhgeschäft gibt es nicht nur Rosiges zu berichten. Von 30 Fabriken sind in den vergangenen Jahren 21 der chinesischen Konkurrenz erlegen. Yared wirft das nicht den Chinesen vor, sondern den äthiopischen Importeuren. Sie kauften die billigsten chinesischen Schuhe und verkauften sie 30 Prozent billiger als äthiopische Produkte. Inzwischen gibt es Schutzzölle, die Yared freilich für zu niedrig hält.

Im Bundesentwicklungsministerium gab es Bedenken gegen ECBP und den Einsatz so vieler deutscher Berater (siehe „welt-sichten“ 6/2008). Inzwischen ist ihre Zahl gesenkt worden, von etwa 120 in 2008 auf 70 heute. Als Grund dafür werden Probleme bei der Kofinanzierung genannt. Das kann man auch so interpretieren, dass der äthiopischen Seite nicht alle Ausländer das Geld wert waren, das sie kosten. Denn zwei Drittel der ECBP-Experten bezahlt Äthiopien mit jeweils 70.000 Euro im Jahr und mehr. Fünfzig Deutsche wurden durch billigere Kräfte von den Philippinen ersetzt. Der Anteil der deutschen Experten ist auch deshalb gesunken, weil in Äthiopien für Textil- und Lederprodukte Industriebereiche aufgebaut werden, für die es in Deutschland kaum noch passendes Know-how gibt, erklärt Sabine Becker von der GIZ. Deutsche würden nun „zunehmend in leitenden strategischen Positionen eingesetzt“.

Das ECBP ist ein interessantes Experiment. Hier kommt ein Maximum an Entwicklungswillen der Regierung mit einem Maximum an ausländischer Bereitschaft zur Hilfe in Form von Geld und Sachverstand zusammen. Letztlich versucht Äthiopien, den asiatischen Entwicklungsweg zu gehen: Technik und Wissenschaft aus dem Westen – Kapital, woher man es bekommt. Zugleich kehrt in Äthiopien das technokratische Entwicklungskonzept der 1960er Jahre zurück. Die Kultur hat sich der Entwicklung anzupassen und nicht die Entwicklung der Kultur. Die Folgen hängen davon ab, wie weit der Entwicklungswille der politischen Macher in die Breite der Gesellschaft und in die Tiefe der Kultur vordringt.

Die äthiopische Regierung strotzt vor Optimismus. Das Wachstumsprogramm bis 2015 nennt stolze Zahlen für die vergangenen und noch stolzere für die nächsten fünf Jahre: Die Produktion von Nahrungsmitteln soll von 18 auf 39 Millionen Tonnen steigen; die Einschulungsquote von 87 auf 100 Prozent; der Zugang zu einfacher Gesundheitsversorgung von 90 auf 100 Prozent der Bevölkerung; der Zugang zur Stromversorgung von 41 auf 100 Prozent; die Zahl der Nutzer von Mobiltelefonen von 4 auf 61 Millionen. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen soll innerhalb von fünf Jahren um die Hälfte auf 355 Dollar steigen. 2025 will Äthiopien ein Land mit mittlerem Einkommen sein. Das ist hoch gegriffen. Und aller Erfahrung nach läuft solches Wachstum so, dass am Ende vielleicht ein Viertel der Menschen davon profitiert und ein Viertel von der Entwicklung abgehängt wird.

Das nötige Geld ist da. Äthiopien gilt als Partner, mit dem zu arbeiten sich lohnt. Es ist eines der liebsten Kinder des Westens als Bollwerk gegen Destabilisierung in Afrika. Und selbst wenn der Westen sein Engagement reduzieren sollte, würde das die Regierung in Addis wohl nicht bremsen. In einer Parlamentsdebatte im vergangenen Dezember brachte Ministerpräsident Zenawi das auf den Punkt: „Wir werden nicht mit verschränkten Armen dasitzen nur, weil Geld knapp ist.“

erschienen in Ausgabe 3 / 2011: Welthandel: Auf dem Rücken der Armen

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