Gefangen in der Hindu-Tradition

Rund 500 Frauen sitzen in nepalesischen Gefängnissen. Um ihre Kinder will sich oft niemand sonst kümmern. Sie sitzen deshalb mit in den Zellen und leiden unter den unwürdigen Haftbedingungen. Eine einheimische Organisation bietet Hilfe an.

Ihre Zeit im Gefängnis hat Rupah Tamang noch lebhaft in Erinnerung. „Es gab kein sauberes Wasser, wenn wir krank wurden, waren wir meistens uns selbst überlassen“, sagt die Frau aus einem Dorf im Osten Nepals. Das Essen habe nie gereicht und sei manchmal verdorben gewesen. Am meisten schmerzte Rupah Tamang jedoch, dass ihr dreijähriger Sohn Dipes dasselbe durchmachen musste wie sie. „Mein Sohn hat nie das bekommen, was er gebraucht hat. Es war erbärmlich anzusehen.“ Mehrere Frauen teilten sich eine Betonzelle, die kahlen Wände waren verschmutzt, die Lagerstätte bestand aus dünnen Matratzen, über die einige Decken gespannt sind; Tageslicht war ein seltenes Privileg.

Autor

Klemens Ludwig

ist freier Journalist in Tübingen mit dem Spezialgebiet Asien. Er hat mehrere Bücher über Tibet veröffentlicht, zuletzt gemeinsam mit Holm Triesch den Kriminalroman "Gendün - die Rückkehr des Panchen Lama" (Longtai Verlag, 2012).

Rupah Tamang war das Opfer einer Intrige. Nachdem ihr Ehemann sie verlassen hatte, wurde sie zum „Freiwild“ für seinen Bruder, der sie vergewaltigte, wann immer er wollte. Irgendwann wurde sie schwanger, das Kind starb bei der Geburt. Das ist im ländlichen Nepal, wo etwa jedes zehnte Kind die ersten Jahre nicht überlebt, nicht ungewöhnlich. Die Familie ihres Ehemannes beschuldigte sie jedoch, den Säugling getötet zu haben. Rupah Tamang kam vor Gericht. Ohne dass ihr ein Vergehen nachgewiesen werden konnte, verurteilte ein Richter sie zu einer Gefängnisstrafe. Da niemand bereit war, für ihren Sohn aufzukommen, musste er mit der Mutter ins Gefängnis.

Doch hier hatte sie – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – Glück. Die Organisation Prisoners Assistance Nepal (PA) wurde auf sie aufmerksam. Sie bezahlte einen Anwalt, der eine Revision des Urteils und ihre vorzeitige Entlassung nach zwei Jahren erreichte. Nun hoffen Mutter und Sohn in Sankhu, weit weg von ihrer Heimat, auf eine neue Zukunft. Wie die genau aussieht, ist noch unklar, aber Rupah Tamang lebt nun endlich in einer Umgebung, die ihr mit Wohlwollen und Sympathie begegnet. In Sankhu, etwa eine Autostunde östlich von Kathmandu, hat PA eine große Wohnanlage errichtet, die eine staatlich anerkannte Grundschule einschließt. Dort haben die beiden ein Zuhause gefunden, genauso wie 60 Kinder und Jugendliche, deren Eltern im Gefängnis sind oder während ihrer Haft den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben.

Die Menschenrechtsaktivistin Indira Ranamagar hat PA im Jahr 2000 gegründet. Sie wollte diejenigen unterstützen, die keine Lobby haben: Strafgefangene und ihre Kinder. Die Stigmatisierung der Gefangenen geht so weit, dass sich die Angehörigen in der Regel weigern, deren Kinder aufzunehmen. Damit bleibt ihnen nur der Gang ins Gefängnis. Vor allem in Gefängnissen in ländlichen Gebieten herrschen menschenunwürdige Bedingungen. Die Perspektiven für die inhaftierten Frauen und ihre Söhne und Töchter sind so trostlos wie die Zellen selbst. Die meisten Kinder haben nicht einmal die Möglichkeit, außerhalb des Gefängnisses eine Schule zu besuchen, weil die Mütter kein Geld haben für die Schuluniform, die nötigen Materialien oder auch nur für den Bus.

Meistens sind Ehetragödien und Eifersuchtsdramen die Ursache, dass Frauen gewalttätig werden; manche wollen sich aus einer brutalen Ehe befreien. Insgesamt sitzen derzeit in Nepal etwa 8000 Menschen im Gefängnis, darunter 500 Frauen. Doch mildernde Umstände sind im nepalesischen Strafsystem nicht vorgesehen. Dazu trägt eine fatalistische Haltung bei, die ihren Ursprung in einer sehr einfachen, aber gleichwohl weit verbreiteten Sicht des Hinduismus hat: Ein schweres Schicksal ist demnach das Resultat von Verfehlungen in früheren Leben. Eine Verbesserung ist nur möglich, wenn man sein Schicksal annimmt, nicht, wenn man dagegen aufbegehrt. Menschen, die sich gegen unmenschliche Zustände zur Wehr setzen, können deshalb nicht auf allgemeine Sympathie hoffen.

Sangita kann sich nicht erinnern, was der Vater ihr angetan hat

Das mussten auch Sangita und ihre Mutter erfahren. Das 16-jährige Mädchen wirkt auf den ersten Blick wie die meisten anderen Jugendlichen in ihrem Alter. Die Schule mag sie nicht besonders und es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren. Stattdessen träumt sie davon, Kosmetikerin oder Masseurin zu werden. Doch ihr Lächeln wirkt traurig; mit ihren zusammengepressten Lippen erweckt Sangita den Eindruck, als müsse sie sich ständig beherrschen, um nicht zu explodieren. Ihre Geduld ist rasch erschöpft und bisweilen peinigen sie epileptische Anfälle. Ihr Trauma reicht weit zurück, denn schon vor ihrer Geburt war der Stab über sie gebrochen, wie sie heute fast teilnahmslos erzählt: „Mein Vater wollte kein Mädchen, als meine Mutter mit mir schwanger war. Er hat ihr sogar angedroht, dass er sie verlässt, wenn es ein Mädchen wird. Er ist zwar nicht gegangen, aber er hat sie viel geschlagen, denn er meinte, sie sei schuld, dass es kein Junge geworden ist.“ Die hinduistische Tradition sagt: „Mädchen, das ist wie wässern von Nachbars Garten.“ Sie müssen großgezogen werden und dann brauchen sie noch eine stattliche Mitgift, damit sie verheiratet werden können. Sangita kann sich nicht mehr daran erinnern, was der Vater ihr angetan hat, und das ist vermutlich besser so. Um die Ehehölle zu beenden, tötete ihr Großvater schließlich ihren Vater und tauchte danach unter. An seiner Stelle verhaftete die Polizei Sangitas Mutter. Sechs Jahre war das Mädchen damals alt, und es sollte die Gefängniszelle mit seiner Mutter teilen. PA hat Sangita davor bewahrt; für ihre Mutter konnte die damals noch kleine Organisation nichts erreichen. Die junge Frau weiß nicht, was im Gefängnis aus ihr geworden ist.

Deutlich besser als auf dem Land ist die Situation im zentralen Frauengefängnis der Hauptstadt Kathmandu. Es gibt sauberes Wasser und genug zu essen, wie die Frauen im Besuchsraum eifrig versichern. Sie machen nicht den Eindruck, als gäben sie nur das wieder, was die allgegenwärtigen Aufseherinnen hören wollen. Einige scherzen sogar mit ihnen, ein gewisses Grundvertrauen scheint vorhanden. Es ist jedoch weniger die urbane Humanität, die in Kathmandu für angemessene Haftbedingungen sorgt, sondern vielmehr eine hohe soziale Kontrolle von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs). Aber es spricht für die Gefängnisleitung, dass sie diese Kontrolle zulässt. Im Frauengefängnis bieten NGOs wie PA Weiterbildungskurse an, die den Inhaftierten eine Perspektive für das Leben nach der Haft geben. Sie können lesen, schreiben und nähen lernen, sich über Hygiene und Familienplanung informieren. Derzeit nehmen etwa 60 Frauen an diesen Kursen teil. Sogar ausländische Vertretungen engagieren sich für die gefangenen Frauen, die dänische Botschaft etwa unterstützt die Weiterbildungsprogramme.

Die NGOs, die sich für die Gefangenen einsetzen, wollen nicht nur die Haftbedingungen verbessern, sondern auch die Stigmatisierung der Gefangenen abbauen. Sie pflegen enge Kontakte zu staatlichen Institutionen und den Medien und haben bereits einige grundlegende Verbesserungen durchgesetzt. Kinder werden nur noch gemeinsam mit ihren inhaftierten Müttern untergebracht, nicht mehr mit den Vätern, weil es in Männergefängnissen häufig zu Übergriffen gekommen ist. Etwa fünfzig Kinder befinden sich derzeit noch in nepalesischen Gefängnissen, einige sind dort geboren.

PA betreut 300 Kinder und Jugendliche, deren Eltern in Haft sind oder waren, im ganzen Land, und Indira Ranamagar sieht einen allmählichen Wandel. Ihr Einsatz wird inzwischen von der Gesellschaft geschätzt und sie zählt heute zu den angesehenen Persönlichkeiten im Land, wird respektiert und geehrt. Die Medien berichten über ihre Arbeit; 2005 wurde sie in die Ashoka-Gesellschaft gewählt. Diese renommierte Vereinigung – eine Art Denkfabrik für die gesellschaftliche Entwicklung hin zu sozialer Gerechtigkeit und friedlichen Konfliktlösungen –ist nach dem größten Förderer des Buddhismus in Südasien benannt.

Der Aufbruch zeigt sich in privaten Initiativen

Zunächst hatte die Umgebung jedoch mit Befremden auf Ranamagars Initiative reagiert: „Als ich mit meiner Arbeit begann, sagten alle, ich sie verrückt, weil ich den Kriminellen helfen würde. Ich würde sie ermutigen, indem ich ihre Familien und Kinder unterstütze“, berichtet sie. „Aber ich habe diese Arbeit nicht begonnen, um Preise einzusammeln. Ich mache das, um ein Lächeln in das Gesicht unschuldiger Kinder zu bringen.“ Das Engagement von PA spiegelt die allgemeine Entwicklung der Zivilgesellschaft in dem Himalaya-Staat wider. Als der ungeliebte König Gyanendra 2008 ohne einen Schuss aus dem Palast vertrieben worden und ein langjähriger Bürgerkrieg beendet war, erfasste ein Aufbruch das Land. Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung machten die Maoistische Partei zur größten Fraktion im Parlament, doch es gibt bis heute keine tragfähige Koalition und keine Verfassung.

Die Enttäuschung darüber ist groß, doch sie führt nicht unbedingt zum Rückzug ins Private. Der Aufbruch zeigt sich in privaten Initiativen und Selbsthilfegruppen, die für einen subtilen gesellschaftlichen Wandel sorgen und die hinduistische Tradition des Duldens und des Mangels an politischer Beteiligung herausfordern. Die Gefangenenlobby, die sich gegen den weit verbreiteten Fatalismus wendet, ist ein Beispiel dafür. Doch wenn der Einfluss des Hinduismus schwindet, stellt sich die Frage nach den Alternativen. Derzeit füllt das Ideal des wirtschaftlichen Erfolgs die Lücke. Sollte es dabei bleiben, wird die Gesellschaft nicht unbedingt menschlicher und gerechter werden. Auch Indira Ranamagar sieht das und betont die alten Werte, während sie gleichzeitig für gesellschaftliche Veränderung kämpft: „Meine Eltern sind Analphabeten und trotzdem habe ich sehr viel von ihnen gelernt. Ehrlichkeit und Einfachheit, das sind die Dinge, die zählen.“

erschienen in Ausgabe 3 / 2011: Welthandel: Auf dem Rücken der Armen

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