Ergrünt jetzt die UNCTAD?

Ein flammendes Plädoyer für die weltweite Abkehr von der industrialisierten Landwirtschaft hat die UN-Konferenz zu Handel und Entwicklung (UNCTAD) vorgelegt. Scharf kritisiert werden etwa der hohe Einsatz von Kunstdünger und die industrielle Tiermast.

(14.10.2013) Der Titel des neuen Berichts zu Handel und Entwicklung aus der UNCTAD würde auch für Pamphlete von Umweltschützern passen: „Wacht auf, bevor es zu spät ist!“ In dem Bericht wird detailliert begründet, warum eine grundlegende Transformation der Landwirtschaft notwendig ist. Ausgangspunkt ist der Klimawandel: Zu ihm trägt die Landwirtschaft einerseits bei – etwa mit dem Ausstoß an Stickoxiden aufgrund der Stickstoffdüngung und mit Methanemissionen aus der Viehzucht und dem Nassreisanbau. Andererseits leidet sie darunter, weil mit der Erderwärmung in weiten Regionen die Ernteerträge sinken und die Risiken durch Unwetter steigen dürften.

Eine „grüne“ Wende verringert dem Bericht zufolge den Beitrag der Landwirtschaft zur Erderwärmung und macht sie zugleich widerstandsfähiger dagegen. Und sie sei einer der wirksamsten Wege, den Hunger zu bekämpfen. Die Produktivität dürfe nicht aus dem Blick geraten, müsse aber neu definiert werden: nicht als Produkt pro Arbeitskraft, sondern als Gesamtertrag des Betriebs.

Das heißt für Ulrich Hoffmann, den Leiter der Abteilung „Handel und nachhaltige Entwicklung“ im UNCTAD-Sekretariat: Man muss sowohl ökologische Anbauweisen fördern als auch konventionelle umweltfreundlicher machen. Er fordert unter anderem, den Einsatz von Dünger zu „optimieren“, Emissionen aus Viehhaltung zu verringern und die Ernährungsweise sowie die Handelsregeln zu ändern. Die Priorität der Agrarpolitik liege noch zu sehr auf der Ausweitung der Produktion mit ein bisschen umweltfreundlicheren Methoden – ein Seitenhieb unter anderem auf die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO). Auch werde die Markmacht der Agrar- und Nahrungsindustrie ignoriert.

Fachleute sprechen Klartext

Es folgen Texte von Fachleuten, die noch deutlicher sind als der von Hoffmann. Sie erklären zum Beispiel für nötig, die Tierhaltung wieder auf lokal verfügbare Futtermittel zu gründen, was bedeutet: weniger Tiere mästen und weniger tierische Produkte essen. Die Umwandlung von Wald in Grünland und von Grünland in Äcker müsse stark eingeschränkt werden. Subventionen für die Landwirtschaft in reichen Ländern sollten verringert und Richtung ökologischer Anbau umgelenkt werden, während die Handelsregeln armen Ländern erlauben müssten, ihre Landwirtschaft vor ruinöser Konkurrenz von außen zu schützen. Hochwertige Agrargüter zu exportieren und dafür Grundnahrungsmittel einzuführen, sei in Zeiten teurer Nahrung keine taugliche Entwicklungsstrategie mehr und fördere überdies Großbetriebe, erhöhe den Kostendruck und behindere so ökologisches Wirtschaften. Das läuft auf ein Plädoyer für mehr lokale und regionale und weniger globale Vermarktung hinaus – bemerkenswert für einen Bericht der UNCTAD.

La Via Campesina, die internationale Kleinbauernbewegung, fühlt sich bestätigt. Kein Wunder: Viele Texte im UNCTAD-Bericht haben Fachleute aus nichtstaatlichen Organisationen wie Germanwatch, GRAIN und dem Third World Network verfasst oder Wissenschaftler, die wie Hans R. Herren organischen Landwirtschaft befürworten. Der Bericht bietet umfassende, sachkundige und schonungslose Analyse. Die Texte spiegeln indes – so heißt es eingangs – die persönlichen Ansichten der Autoren wider, nicht notwendigerweise die der UNCTAD. Das mindert ihr politisches Gewicht. Der Vorteil ist: Sie enthalten Klartext. (Bernd Ludermann)

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