Fleisch – ein Stück Lebenskraft

Viele, die sich in der Entwicklungspolitik engagieren, ernähren sich vegetarisch. Für Kleinbauern in armen Ländern sind Tiere und ihr Fleisch jedoch überlebenswichtig. Ein Plädoyer für Schweine, Rinder und anderes Vieh.

Zu negativ und zu einseitig sei der Bericht gewesen, sagen Fachleute. In anderen Publikationen und Programmen geht die FAO denn auch ausgewogener mit den Vor- und Nachteilen der Fleischproduktion um. Und in ihrem diesjährigen Statusreport zur globalen Ernährungslage fokussiert sie auf einen Missstand, zu dessen Behebung Fleisch und tierische Produkte einen wichtigen Beitrag leisten können: den der Mangelernährung. Mehr als 840 Millionen Menschen leiden Hunger – das heißt sie nehmen zu wenige Kalorien zu sich –, vor allem in Afrika und in Südasien. Aber weitere 1,2 Milliarden Menschen sind mangelernährt, das heißt sie ernähren sich zu einseitig, etwa nur von Getreide, so dass ihnen wichtige Nährstoffe fehlen. Eins von vier Kindern weltweit ist zu klein bei der Geburt, weil die Mutter mangelernährt war. Die meisten dieser Kinder holen den Rückstand nicht mehr auf.

Wenn Mütter in Afrika und Asien mehr Fleisch und tierische Produkte wie Milch und Eier verzehren könnten, dann wäre die Zahl der mangelernährten Kinder kleiner. Fleischkonsum wird häufig in einem Atemzug mit Übergewicht und Fettleibigkeit genannt, die sich auch in einigen Entwicklungs- und Schwellenländern ausbreiten. Die FAO betont aber, dass global betrachtet Mangelernährung  immer noch das größere Problem ist. Die Entwicklungspolitik ist also gut beraten, sich engagierter um Tierhaltung und Fleischproduktion in armen Ländern zu kümmern. Es sei denn man vertraut den Versprechungen der Lebensmittelindustrie, der Nährstoffmangel lasse sich mit im Labor angereicherten Nahrungsmitteln wie dem „Goldenen Vitamin-A-Reis“ beheben. Oder folgt dem Argument der europäischen Fleischproduzenten, die Lösung seien noch mehr Geflügelexporte aus der Europäischen Union nach Afrika.

Hirten sind stolz auf ihre großen Rinderherden

Ohne Tiere würde die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Entwicklungsländern nicht funktionieren. Sie tragen nicht nur zur Ernährung bei, sondern liefern außerhalb der Erntezeiten Einkommen aus dem Verkauf von Milch, Eiern und Fleisch. Sie verwerten für den Menschen ungenießbare Pflanzen in Lebensmittel und liefern Dünger. Und so mancher Ochse ersetzt auf dem Hof den Traktor oder andere Maschinen.

Die Entwicklungspolitik muss Kleinbauern darin unterstützen, ihr Vieh möglichst produktiv zu nutzen – etwa indem sie in die Tiergesundheit investiert oder etwas für die Anbindung von Viehhaltern an Fleischmärkte tut. Für die Bauern sind Tiere ein Stück Lebenskraft, in das es sich zu investieren lohnt – auch wenn bei entwicklungspolitischen Buffets in Berlin die meisten lieber einen Bogen um den Fleischtopf machen.

6000 Kilometer südlich von Berlin ist das anders: Im äußersten Süden von Äthiopien laden die Borana ihre Gäste aus dem Ausland zum Essen ein. Die Hirten sind stolz auf ihre großen Rinderherden, mit denen sie auf der Suche nach Weiden und Wasser übers karge Land ziehen. Zu Ehren der Besucher wurde eine Kuh geschlachtet. Ein Mann serviert auf einer Platte einen Berg fein geschnetzeltes, kross gebratenes Fleisch. Das Fett brutzelt noch. Ein zweiter Mann kommt hinzu und übergießt den Fleischberg mit zerlassener Butter. Der Duft ist unwiderstehlich. Dann wird gegessen. 

erschienen in Ausgabe 12 / 2013: Unser täglich Fleisch

Kommentare

was die so alles spaltet, überschrieb doch Frau Kaufmann ihren Artikel mit "Die schädliche Gier nach Fleisch". Und nun schreiben Sie "Fleisch, ein Stück Lebenskraft". Da muss man schon sehr gefestigt sein, um die Orientierung nicht zu verlieren. Heute will ich nicht polemisieren, sondern wünsche allen in der Redaktion viel Freude mit dem Festtagsbraten oder den Gemüseburgern oder den Tofuschnitzeln und natürlich den geflügelten Jahresendfiguren.

Lieber Herr Lohmann,

so schizophren sind die beiden Artikel gar nicht. Lesen Sie noch einmal nach: Frau Kauffmann ging es vor zwei Jahren um Massentierhaltung in Industrieländern, mir um das Vieh von Kleinbauern in Entwicklungsländern. Von dem einen gibt es zuviel, das andere hingegen wird zu wenig beachtet und gefördert. Da sind meine Kollegin Kauffmann und ich ganz auf einer Linie. Und selbst wenn wir das nicht wären: Was wäre daran schizophren?

Ich wünsche Ihnen ebenfalls ein erholsames Weihnachtsfest sowie einen guten Start ins neue Jahr.

Tillmann Elliesen

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