„NGOs, die Freiwillige entsenden, tauschen sich viel zu wenig aus“

„Wir machen es uns zu einfach, wenn wir sagen: Nach seinem Einsatz soll der Freiwillige sofort als entwicklungspolitisch engagierter Mensch zurückkommen“, sagt Kai Diederich von der Organisation „finep“, die Projekte für nachhaltige Entwicklung durchführt.

Was bewirkt ein Freiwilligeneinsatz in einem Entwicklungsland bei jungen Leuten?
Die meisten berichten, dass sie sich während ihres Einsatzes stark verändert haben. Viele Freiwillige machen die Erfahrung, dass das globale Lernen, von dem häufig die Rede ist, keine Einbahnstraße ist, sondern dass sie von ihren Einsatzstellen und  dem Leben dort viel gelernt haben. Diesen Perspektivwechsel wollen viele in ihrer Heimat mit anderen teilen, die nicht die Chance hatten, diese Erfahrung zu machen.

Das heißt, ein entwicklungspolitisches Bewusstsein entsteht oft erst während des Einsatzes?
Genau. Viele Freiwillige kommen mit dem Bewusstsein zurück, dass ihr Engagement nicht mit ihrem Einsatz endet, sondern dass vieles von dem, was sie erlebt haben, mit ihrem alltäglichen Leben in Deutschland zu tun hat und dass nicht immer im globalen Süden, sondern auch bei uns an vielen Stellen Entwicklungsbedarf besteht. Das ist globales Lernen im besten Sinne, und insofern erreichen die Einsätze auch ein entwicklungspolitisches Ziel.

Kai Diederich ist seit 2007 Mitarbeiter der Organisation „finep“ (forum für internationale entwicklung und planung), die Projekte für nachhaltige Entwicklung durchführt und andere Organisationen berät. Er ist dort für das von der EU geförderte Projekt „Zurück für die Zukunft“ zuständig, das junge Freiwillige unterstützt, die sich nach ihrem Einsatz in Entwicklungsländern weiter engagieren wollen.

Rückkehrarbeit hatte im Konzept von "weltwärts" von Beginn einen großen Stellenwert und ehrgeizige Ziele. Sind die Freiwilligen damit überfordert?
Das hängt davon ab, wie hoch man die Latte hängt. Wenn ich will, dass zurückgekehrte Freiwillige globale Strukturen reformieren, ist das natürlich vermessen. Die zentrale Frage ist, was jeder einzelne Freiwillige aus seinen Erfahrungen und dem Perspektivwechsel, den er erlebt hat, machen kann. Man muss vom Freiwilligen und seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten ausgehen und nicht von abstrakten Zielen, zu denen er nach seiner Rückkehr beitragen könnte. Man muss diese Ziele herunterbrechen auf handhabbare Projekte und Beiträge.

Zum Beispiel?
Die erste Form des Engagements findet im unmittelbaren sozialen Umfeld statt: Rückkehrer berichten ihren Familien oder Freunden von ihrem Einsatz und schaffen dort ein Bewusstsein. Darüber hinaus bieten sie Workshops oder kleine Veranstaltungen an ihren Unis oder Schulen an, etwa zu  Ernährung oder Welthandel. Andere Beispiele sind Partnerschaften zwischen ihrer und einer Schule im Einsatzland, Fotoausstellungen, die Vorführung von Filmen, die sie während ihres Einsatzes gedreht haben, oder Tipps auf Facebook zum Thema Nachhaltigkeit. In Heidelberg und Nürnberg haben Rückkehrer Fair-Trade-Einkaufsführer für ihre Städte erstellt.

In der Evaluation von "weltwärts" von 2011 heißt es, die Rückkehrer fühlten sich oft nicht ausreichend informiert oder qualifiziert, um sich entwicklungspolitisch zu engagieren. Hat sich das seitdem geändert?
Es hat sich viel getan, kann aber noch besser werden. Die Entsendeorganisationen bieten heute mehr Möglichkeiten an. Den Rückkehrern müssen aber noch stärker Wurzeln gegeben und zugleich Flügel verliehen werden. Sie brauchen einerseits einen festen Rahmen, in dem sie sich engagieren können, etwa in der Entsendeorganisation, die meistens die erste Anlaufstation nach der Rückkehr ist. Gut sind kleine punktuelle Möglichkeiten des Engagements, etwa in einer Aktionsgruppe zu einem bestimmten Thema. Nicht erwarten sollte man hingegen, dass ein Freiwilliger sich für die nächsten 20 Jahre der Entwicklungspolitik verschreibt. Flügel muss man ihnen verleihen, indem man ihnen zeigt, wie man zum Beispiel eine Kampagne startet. Und indem man es ihrer Initiative überlässt, wie sie diesen Rahmen nutzen und auf welche Weise sie sich engagieren.

Werden die Entsendeorganisation ihrer Verantwortung gerecht?
Das ist sehr unterschiedlich. Jede Entsendeorganisation muss eine bestimmte Zahl von Tagen für Rückkehrerseminare anbieten. Viele Organisationen behandeln auf diesen Seminaren die Frage, wie sich die Freiwilligen weiter engagieren können. Es gibt aber auch Entsendeorganisationen, die klar sagen, unser Fokus ist die Projektarbeit im globalen Süden und nicht das Engagement hier bei uns.

Sollte die Frage, ob eine Organisation zu angemessener Rückkehrerarbeit bereit und in der Lage ist, ein größeres Gewicht bei der Auswahl von "weltwärts"-Entsendern haben?
Ja, es wäre gut, das noch stärker in den Blick zu nehmen. Aber die Vorgaben dürfen auch nicht zu starr sein. Denn ob und wie sich ein Freiwilliger engagiert, ist eine persönliche Entscheidung, die sich nicht über institutionelle Vorkehrungen verordnen lässt. Manche brauchen länger, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten und Schlüsse daraus zu ziehen, ob und wie sich weiter entwicklungspolitisch engagieren wollen. Eine andere Frage ist, was überhaupt als Rückkehrer-Engagement gezählt wird. Nur das, was mit entwicklungspolitischem Einsatz zu tun hat? Oder zählt dazu auch, wenn ein Freiwilliger sich drei Jahre später in der Betreuung von behinderten Menschen einsetzt? Wir machen es uns zu einfach, wenn wir sagen: Nach seinem Einsatz soll der Freiwillige sofort als entwicklungspolitisch engagierter Mensch zurückkommen.  

Tauschen sich Entwicklungsorganisationen, die junge Freiwillige entsenden, ausreichend aus mit Bildungseinrichtungen, in denen die Rückkehrer Workshops oder andere Veranstaltungen anbieten könnten?
Ich finde, das passiert viel zu wenig. Die beiden Sphären - Entsender und entwicklungspolitische Bildung - sind zu wenig miteinander vernetzt. Es gibt aber interessante Ansätze, das zu ändern: Einige unserer Rückkehrer bieten die Internet-Plattform "Bildungsagenten" an, auf der sich Rückkehrer über Methoden informieren und Kontakte erhalten können, etwa zu Schulen, die Referenten suchen. Das hat vor ein paar Jahren als Initiative von Rückkehrern angefangen und ist mittlerweile ein Verein mit 70 Mitgliedern. Das ist ein guter Anfang von Vernetzung. Man kann aber noch weiter gehen: Gut wären regionale Netzwerke, in denen sich Rückkehrer wie auf einer Art schwarzem Brett informieren können, welche NGOs in ihrer Regionen Aktionen planen oder ob es andere Rückkehrer gibt, mit denen sie sich zusammentun können. Das setzt aber voraus, dass Entsendeorganisationen ihre Freiwilligen ziehen lassen und ihnen die Freiheit für ein Engagement ihrer Wahl lassen. Und es setzt voraus, dass NGOs sich überlegen, was sie Rückkehrern, die sich engagieren wollen, anbieten können.

13.1.2014; das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

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