Auf der Suche nach Gemeinschaft und Moral

Christen sind in China eine kleine Minderheit, doch besonders die protestantischen Kirchen wachsen schnell. Viele Verlierer der Modernisierung schließen sich auf dem Land ihren Gemeinden an, angezogen auch von Heilungsritualen. In den Städten kommen dagegen Gebildete auf der Suche nach Spiritualität und Werten in die Kirchen.
November 2010, Besuch in der südwestchinesischen Stadt Nanning. Zhao Hongmei, Pastorin einer Innenstadtkirche, berichtet von den Aktivitäten ihrer Gemeinde: „Hier in Nanning gibt es zwei Kirchen mit insgesamt fünftausend Mitgliedern. Zum Gemeindeleben gehören Bibelkreise, Chorgruppen und natürlich auch Gottesdienste.“Die attraktive Vierzigerin mit der Kurzhaarfrisur fährt fort: „In meiner Gemeinde nehmen am Wochenende durchschnittlich zweitausend Menschen an den Gottesdiensten teil. Dazu bieten wir eine Reihe von Gottesdiensten hintereinander an, um den Bedarf decken zu können.“ Die deutschen Besucher sind beeindruckt. Dann rechnet einer nach – Verblüffung: „Damit haben Sie ja hier in Nanning genauso viele aktive Kirchenbesucher wie wir in Hamburg!“ Nanning ist zwar die Provinzhauptstadt von Guangxi, aber mit 2,8 Millionen Einwohnern im Stadtgebiet für chinesische Verhältnisse nicht groß.

Die Verhältnisse in Guangxi lassen sich durchaus auf China als Ganzes übertragen. „An jedem beliebigen Sonntag sind fast mehr protestantische Christen in China in der Kirche als in ganz Europa“,konstatierte der Historiker Daniel Bays bereits 2003. Zwar führt wie so häufig die Größe der chinesischen Bevölkerung zu hohen absoluten Zahlen, wo die relativen Zahlen bescheiden bleiben. Noch immer machen Christen nur etwa drei Prozent der chinesischen Bevölkerung aus – genaue Zahlen sind schwer zu erhalten. Dennoch bleibt ein eindeutiger Wachstumstrend, der sich vor allem für das protestantische Christentum feststellen lässt.

Autorin

Katrin Fiedler

ist Sinologin und leitet die China InfoStelle und das Ostasienreferat im Nordelbischen Missionszentrum (demnächst Zentrum für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit). Sie hat sieben Jahre in Hongkong in der Öffentlichkeitsarbeit der chinesischen kirchennahen Amity-Stiftung gearbeitet.

Seit der Wiedereröffnung der ersten Kirchen im Jahr 1978 ist die Zahl der Christen jährlich um rund eine Million gestiegen. Damit gehört Chinas protestantische Kirche derzeit zu den am schnellsten wachsenden Religionsgemeinschaften der Welt. Vom„Christentumsfieber“ sprach man in China, als dieses Phänomen in den 1980er Jahren erstmals bemerkt wurde. Die staatlich anerkannten protestantischen Kirchen geben die Zahl ihrer Mitglieder mit 17 Millionen an, doch selbst vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass es insgesamt mindestens 40 Millionen protestantischer Christen in China gibt.

Die Existenz von nicht registrierten Gemeinden, oft als „Hauskirchen“ oder „Untergrundgemeinden“bezeichnet, erschwert das Schätzen. Chinas staatlich anerkannte evangelische Gemeinden sind Teil der so genannten Drei-Selbst-Bewegung, mit der die Kirche in das sozialistische Staatsgefüge eingebunden werden soll. Dem entziehen sich viele Christen, indem sie in nicht registrierte Gemeinden gehen, wo sie unter Umständen dem Risiko von Repressalien ausgesetzt sind. In selteneren Fällen bemühen sich Gemeinden um eine Registrierung, ohne sie zu erhalten, wenn etwa bestimmte formale Voraussetzungen nicht erfüllt sind oder die Religionsbehörde vor Ort nicht zu viele Gemeinden anerkennen will.

Die Drei-Selbst-Bewegung stammt aus den 1950er Jahren, als in der neu gegründeten Volksrepublik die sozialistische Religionspolitik die Religionsgemeinschaften zunehmend unter staatliche Kontrolle brachte. Der Name der „Drei Selbst“ verweist darauf, dass chinesische Kirchen sich – nun ohne den Einfluss der bis dahin in China tätigen ausländischen Missionare – selbst verwalten, selbst finanzieren und eigenständig das Evangelium verkündigen sollten. Eine weitere chinesische Besonderheit aus dieser Zeit ist, dass alle protestantischen Konfessionen wie Lutheraner, Anglikaner, Baptisten und Presbyterianer in der Struktur der evangelischen Kirche zusammengefasst sind. Die Missionare hatten das Christentum in seinen verschiedenen konfessionellen Ausprägungen nach China gebracht, doch nun wurde eine große protestantische Einheitskirche gegründet. Bis heute versteht sich die evangelische Kirche in China als Einheitskirche, in der „Gemeinsamkeiten gesucht und Unterschiede respektiert“ werden.

Die religionspolitische Praxis ist wesentlich differenzierter, als es Begriffe wie „Untergrund“ und„Drei-Selbst-Kirche“ nahelegen. Wie so vieles in China hängt die Politik am Ort von der Lokalität, den örtlichen Kadern und den Beziehungen der Betroffenen zu ihnen ab. So gibt es „Untergrundgemeinden“,die aus großen, im Stadtzentrum weit sichtbaren Kirchen bestehen und unbehelligt tätig sind – in Xi’an etwa steht eine derartige nicht registrierte Kirche direkt neben der staatlich anerkannten Bibelschule–, und es gibt kleine „Hauskirchen“, die sich diskret verhalten, aber den Schikanen der örtlichen Behörden ausgesetzt sind. Auch viele Christen trennen nicht deutlich zwischen beiden Sphären und besuchen sowohl registrierte als auch nicht registrierte Gemeinden.

Die Religionspolitik ist gegenüber politisch sensiblen Gruppen, insbesondere Tibetern, Muslimen und nicht registrierten Katholiken und Protestanten, weiterhin von Eingriffen in die Religionsfreiheit geprägt. Im Fall der muslimischen Uiguren und der Tibeter steht dahinter ein komplexes Minderheitenproblem, da Religionsgruppe und ethnische Minderheit sich decken. Doch auch der Aufschwung aller Religionen unter der han-chinesischen Mehrheitsbevölkerung ist für den Staat zu einem Problem geworden, obwohl er das soziale Engagement von Religionsgemeinschaften schätzt.

Daher denken chinesische Politikträger zunehmend über alternative Modelle von Religionspolitik nach. So haben sich hochrangige chinesische Vertreter der Behörde für religiöse Angelegenheiten in Ostafrika, in der Schweiz und auch in Deutschland über die unterschiedlichen Ausgestaltungsmöglichkeiten von Religionspolitik informiert. Vom staatsnahen Wissenschaftler Liu Peng von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften stammt der Vorschlag, Religionssonderzonen zu schaffen in Anlehnung an die Wirtschaftssonderzonen, welche seit 1980 den Aufschwung der Exportindustrie einläuteten. Noch ist offen, wie dieses Ringen um eine liberalere Handhabe des Religionsproblems ausgehen wird. Angesichts des bevorstehenden Regierungswechsels im Herbst 2012 bringen sich in China zur Zeit in allen Politikbereichen die innerparteilichen Fraktionen der „Hardliner“ und der „Liberalen“ in Stellung.

Viele Christen an der Basis berühren die Auseinandersetzungen um die chinesische Religionspolitik nur wenig. In den registrierten protestantischen Gemeinden sind für sie kaum Einschränkungen im religiösen Alltagsleben spürbar. Sie suchen in der Gemeinde vielmehr einen politikfreien sozialen Raum der Geborgenheit. Auf dem Land, wo die Menschen nur in Ausnahmefällen über eine Krankenversicherung verfügen und die medizinische Versorgung oftmals unzureichend ist, spielen Heilungserfahrungen eine wichtige Rolle für das Gemeindewachstum. In der chinesischen Kirchenzeitschrift Tianfeng beschreibt die Christin Yan Lingxia eine solche Heilungserfahrung:

„Nach der Mahlzeit knieten sie alle nieder und beteten für meine Gesundheit. Sie baten Gott um Gnade und darum, dass meine Gallensteine mit Hilfe der Medizin, die ich nahm, aufgelöst würden. Als wir so da knieten und ich ihre Gebete hörte, war ich zu Tränen gerührt. Obwohl ich keine Verwandten an meiner Seite hatte, hatte Gott mir so viele Brüder und Schwestern geschenkt, die um mich besorgt waren.“Bei ihrem nächsten Arztbesuch konnte dieser keine Spuren eines Gallensteins finden, obwohl er ursprünglich eine Operation für nötig gehalten hatte. Frau Yan war geheilt – und fühlte sich doppelt in ihrem christlichen Glauben bestärkt.

Das Wachstum der protestantischen Kirchen vereint zwei unterschiedliche Trends, die auf die grundsätzliche Spaltung der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft verweisen. Auf dem Land finden vielfach die Entwicklungsverlierer den Weg in die Gemeinden– also die nach der Migration in den Dörfern zurückgebliebenen Alten und Kranken –, in den Städten dagegen zunehmend die Jungen und Gutausgebildeten, die aktiv nach Spiritualität und Werten suchen. Eine junge Frau beschreibt in einem Interview mit dem Journalisten Robert L. Moore die Leere ihres Lebens zu dem Zeitpunkt, als sie mit dem Christentum in Berührung kam: „Man bekommt also gute Noten – und dann? Dann kann man sich Dinge leisten – und dann? Dann hat man einen guten Ehemann und ein Kind – und dann? Das Christentum bietet einem mehr im Leben, etwas von Wert. Die Menschen in der Gemeinde sind wie eine Familie zueinander. Sie sind auch eine Quelle des Trostes.“

Was alle Neu-Christen vereint, seien es ländliche Analphabeten oder städtische Akademiker, ist die Hinwendung zu einer christlichen Gemeinschaft. In einem Land, in dem sich in den vergangenen 30 Jahren alle sozialen Gefüge stark verändert haben, wird das traditionell als Fremdreligion angesehene Christentum auch aufgrund dieses „Kuschelfaktors“ attraktiv. Nicht zuletzt durch seine Gemeinschaftlichkeit unterscheidet sich das Christentum von den einheimischen Religionen und der Art, wie sie praktiziert werden. Nur langsam nehmen buddhistische Tempel gemeinschaftliche Tätigkeiten in ihr Angebot auf – mit einem Umweg über Taiwan, wo sich die buddhistischen Gemeinschaften viel vom erfolgreichen Gemeindemanagement der Christen abgeschaut haben.

Schließlich gibt es auch außerhalb der Kirchen ein wachsendes Interesse am Christentum. An chinesischen Universitäten beschäftigen sich die sogenannten„Kulturchristen“ aus einer wissenschaftlichen Perspektive mit der Religion, oft ohne sich selbst als Christen zu verstehen. Ihnen geht es darum, der chinesischen Gesellschaft neue Werte zu erschließen. Dabei beschäftigen sie sich mit christlicher Literatur, Theologie und Philosophie und setzen sie in Beziehung zur einheimischen konfuzianischen oder buddhistischen Tradition. Während die den Kirchen angehörenden Theologen vielfach vor allem eine bibelkundlich orientierte Ausbildung erhalten und gesellschaftspolitisch keinen Einfluss haben, gehören die „Kulturchristen“ zur wissenschaftlichen Elite und befruchten zumindest den akademischen Diskurs. Recherchen zu einem Umweltthema ergaben jüngst, dass ein umweltethischer Aufsatz in einem örtlichen Parteijournal nicht nur auf die chinesische daoistische Tradition zurückgriff, sondern noch ausführlicher schöpfungstheologische Positionen darstellte.

Warum erfasst der Wachstumstrend die katholische Kirche in China nicht gleichermaßen? Zwar gibt es zwölf Millionen Katholiken in China, aber ihre politische Lage ist meist schwieriger als die der Protestanten. Der chinesische Staat lehnt die Hoheit des Papstes über die chinesische Kirche als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ ab. Für katholische Christen bedeutet dies, entweder in der vatikantreuen„Untergrundkirche“ aktiv zu sein – und sich damit in einem rechtsfreien Raum zu bewegen– oder in eine offiziell anerkannte Gemeinde zu gehen, wo sich der Staat in innerkirchliche Angelegenheiten wie Bischofsweihen einmischt.

Chinesische Beobachter machen noch andere Gründe für das besondere Wachstum des protestantischen Christentums aus – von der aktiven Evangelisation durch Gemeindemitglieder bis zur einfacheren Liturgie, die sich Neulingen besser erschließt. Anders als das protestantische Christentum ist der Katholizismus in China stärker regional konzentriert und in den betreffenden Regionen – besonders Shaanxi und Hubei – bereits seit Jahrhunderten verwurzelt. So hat es sich an einzelnen Orten zum Nachfolger der chinesischen Volksreligion entwickelt. Nach der Kulturrevolution bedeutete die größere regionale Streuung der verbliebenen Protestanten, dass es über das Land verteilt mehr Keimzellen für das Wachstum der protestantischen Kirchen gab.

Dieses Wachstum ist auch das Ergebnis einer kreativen Nutzung der trotz Restriktion vorhandenen Spielräume. So sind religiöse Handlungen und Verkündigung üblicherweise nur in kircheneigenen Räumen gestattet. In den Städten entdecken wohlhabende Gemeinden nun Merchandising-Produkte für sich. Baumwollbeutel mit christlichen Botschaften oder T-Shirts mit der Aufschrift „Jesus liebt Dich“werden so zu neuen Instrumenten der Verkündigung. Auch Religionsunterricht für Minderjährige ist vom Staat untersagt. Oft wird er trotzdem von den Religionsbehörden geduldet. Wo dies nicht der Fall ist, begegnen Gemeinden dem Verbot, indem sie die Sonntagsschule auf Englisch durchführen und „Englischunterricht“nennen.

Übrigens macht das Wachstum chinesischer Gemeinden vor dem Ausland nicht halt. Viele chinesische Studierende konvertieren während ihres Aufenthalts in Deutschland zum Christentum – allerdings fast nie in deutschen Gemeinden, sondern in chinesischen Auslandsgemeinden, die sich in vielen deutschen Städten finden. Bei ihrer Rückkehr nach China schließen sie sich Gemeinden vor Ort an. Andere kommen bereits als Christen nach Deutschland und suchen hier Kontakt zur vertrauten, im deutschen Kontext freikirchlich anmutenden Religiosität chinesischer Gemeinden. Die junge Sun aus Nanjing etwa studiert Design in Hamburg und sagt: „Ich brauche noch etwas – etwas, das über den Alltag hinausgeht.“

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Ich war in Nanning und habe viel kleine Einzelschicksale gesehen, ich kaufte nur Gemüse bei Frauen am Rande der großen Märkte, zum einen war es preiswert, zum zweiten kaufen auch Chinesen, weil ein Ausländer da gekauft hat und die Verkäuferin wurde ihre Ware los, ein christlicher Aspekt, genau hinzusehen wo ich kaufe.

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erschienen in Ausgabe 4 / 2012: China: Alles unter Kontrolle?
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