"Für Fundamentalisten vertreten die großen Verbände einen Wischiwaschi-Islam“

In Indonesien leben über 191 Millionen Muslime, mehr als in jedem anderen Land. Oft kommt es zu Spannungen mit Christen, aber auch zwischen unterschiedlichen Richtungen des Islam. Der katholische Theologe Franz Magnis-Suseno erklärt, wo fundamentalistische islamische Gruppen Zulauf finden und warum Katholiken zuweilen den längeren Atem haben.

Intoleranz wird heute nicht politisch geschürt, sondern entsteht aus der Gesellschaft heraus?

So ist es. Dahinter stehen bestimmte islamische Gruppen der Zivilgesellschaft; besonders aktiv sind die Islamische Verteidigungsfront (FBI) und das Forum der islamischen Gemeinde (FUI). Es gibt, etwas vergröbert gesagt, in Indonesien zwei islamische Auffassungen zum Verhältnis von Staat und Religion. Die großen islamischen Verbände haben erklärt, die geltenden fünf Staatsprinzipien (Pancasila) seien die endgültige Staatsform für Indonesien. Muslime könnten darunter hervorragend nach der Scharia leben.

Sie weisen auch darauf hin, dass der Islam nicht einheitlich ist und sich in lokale Kulturen einfügen muss. Die indonesischen Fundamentalisten aller Art deuten das ganz anders. Sie sagen, die Islamisierung Indonesiens braucht Zeit und dauert schon 500 Jahre. Es müsse endlich der wahre Islam eingeführt werden, das ist der wahhabitisch-arabische. Diese Gruppen finden, die großen islamischen Verbände verträten einen Wischiwaschi-Islam.

Radikale Muslime fordern in Jakarta im März 2009, die Ahmadiyya zu verbieten. Für sie ist die schiitische Glaubensrichtung eine Belei­­digung des wahren Islam.Crack Palinggi/Reuters

Und die Fundamentalisten stellen die Religionsfreiheit infrage?
Teilweise. Wenn man sie fragt, was mit den Christen geschieht, wenn der islamische Staat erreicht ist, dann werden sie immer antworten: Die Christen werden selbstverständlich gleichberechtigte Mitbürger sein, nur werden wir den Staat auf den Prinzipien der Scharia aufbauen.

Wie das in der Praxis aussähe, ist eine andere Frage. Aber wenn Sie diese Muslime auf die Schiiten und die Ahmadiyya ansprechen, sind die Antworten oft hoch emotional: Diese Gruppen beleidigten den Islam, den Koran und den Propheten und müssten zurückkehren zum wahren, sunnitischen Islam. Bei Angriffen auf Schiiten und Ahmadiyya gab es schon Tote. Auf den Inseln Madura und Lombok mussten Mitglieder der Ahmadiyya fliehen und leben immer noch in Lagern. Sie können nicht in ihre Dörfer zurück, solange sie nicht ihrem Glauben abschwören.

Werden fundamentalistische Gruppen von außen unterstützt?
Ja. Erstens fließt viel Geld aus Saudi-Arabien an indonesische Koranschulen und Organisationen, wodurch der Wahhabismus in Indonesien verstärkt wird. Das sehen die großen indonesischen Islamorganisationen als sehr gefährlich an. Zum Beispiel hat die Nahdlatul Ulama (NU), das ist mit 40 Millionen Mitgliedern die größte islamische Organisation auf der Welt, eine Fatwa erlassen, also ein religiöses Gutachten, wonach der Wahhabismus eine Irrlehre ist.

Zweitens ist die Gerechtigkeits- und Wohlfahrtspartei PKS stark von der Muslimbrüderschaft in Ägypten beeinflusst. Die zweite große islamische soziale Organisation in Indonesien, die Muhammadiyah, die selbst eher puritanisch ist, hat ihren Mitgliedern inzwischen streng verboten, für die PKS zu stimmen; sie sehen sie als Gefahr an. Drittens gibt es die internationale islamische Organisation Hizbut Tahrir, die Nationalstaaten ablehnt und ein Kalifat anstrebt, ein umfassendes islamisches Staatswesen. Sie wurde in Jordanien gegründet. Die Gruppe hat großen Zulauf unter Studierenden an den großen säkularen Universitäten, aber inte­ressanterweise nicht an den islamischen. Die sind moderater und haben oft gute Beziehungen zu Christen. Doch an den staatlichen Unis nimmt der Fundamentalismus gerade unter Intellektuellen zu.

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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